Fernsehen Pfahlsitzen und Boris pudern

Im Streit um die Gebühren für ARD und ZDF reden alle von der „Grundversorgung“. Aber was ist das bloß?

Pferdeschlächter, Prügelmänner, Fragensteller. Nachrichtenleser, Schlittenfahrer, Samenräuber. Das ist Grundversorgung. Hunde mästen, gesund beten, parteiproportionale Späße machen. Auch das ist Grundversorgung.

Wer wollte widersprechen? Jahrzehntelang durften die Intendanten von ARD und ZDF machen, was sie wollen. Es gab keinen ausformulierten Konsens, was es heißt, die Deutschen mit Fernsehen und Radio grundzuversorgen, und so konnte ein Apparat mit inzwischen 15 Fernsehsendern, 61 Radiosendern und mehr als 24000 fest Angestellten ungestört existieren. Aber wozu eigentlich?

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Die zuständigen Ministerpräsidenten schreiben im Rundfunkstaatsvertrag ganz allgemein, dass ARD und ZDF „als Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken“ hätten. Sie sollen einen „umfassenden Überblick über das Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen“ geben.

Schlickrutschen. Pfahlsitzen. Boris pudern.

Dabei sind bitte die „Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit zu berücksichtigen“. So weit, so unpräzise und doch schlau, denn Ministerpräsidenten, Parlamente und Intendanten wussten das jahrzehntelang als Freibrief zu verwenden, um Wünsche zu äußern und sie sich selbst zu erfüllen. Dem einen sein 3sat, dem nächsten sein digitales Radio – und die Gebühren stiegen.

Mit diesem „do ut des“ haben drei Ministerpräsidenten jetzt scheinbar gebrochen: Edmund Stoiber, Peer Steinbrück und Georg Milbradt. Sie schlagen vor, das öffentlich-rechtliche System wieder zu verkleinern, ein paar Radiosender einzustellen, 3sat mit Arte zu fusionieren und anderes mehr. Einen Tag lang roch es nach Revolution, um schon am nächsten Morgen schal zu dünsten. Denn der Versuch der drei ist nicht legitim. Sie wollen sich profilieren, indem sie die Gebühren senken, obwohl sie dafür nicht zuständig sind. Sie dürfen nur Einfluss nehmen, indem sie den Auftrag der Sender neu formulieren.

Sie müssten inhaltlich begründen, wie viel weniger denn überhaupt erlaubt ist. Was wieder zu der Frage führt, was Grundversorgung heutzutage heißt. Den bisher letzten Versuch unternahm das Bundesverfassungsgericht mit seinem Satz vom 4. November 1986, „dass zumindest der Bestand“ der damals „terrestrisch verbreiteten öffentlich-rechtlichen Programme der unerlässlichen Grundversorgung zuzurechnen ist“. Inzwischen leben wir in einer anderen Fernsehwelt. Warum sollen ARD und ZDF heute, da die Menschen acht Stunden am Tag mit Medien verbringen, drei davon mit dem Fernsehen, überhaupt noch fortbestehen?

Sie ahmen die Privaten nach

Unsere Gesellschaft lebt durch Kommunikation, die zunehmend über Massenmedien stattfindet. Bundeskanzler Gerhard Schröder ist oft mit dem Satz zitiert worden, „Bild, Bams und Glotze“ seien ihm die wichtigsten Medien. Und nur etwas komplexer und umfassender formulierte es der Soziologe Niklas Luhmann, als er schrieb, dass Massenmedien so etwas wie Einheit und Stabilität herstellen. Wie diese Stabilität aussieht, hängt von der Präsenz von Interessengruppen und Ideen ab, von Macht und Opportunitäten. Vor allem das Fernsehen hat daran seinen Anteil; es hilft bei der Vergewisserung, was richtig und was falsch ist, normal oder gestört. Wir können schlagen oder verhandeln. Hassen oder tolerieren. Umnieten oder anzeigen.

Wer das mit dem Hinweis wegwischt, es handele sich um bloße Fiktionen, Filme eben, der muss sich nur einmal die Reality-Formate anschauen und die Definition etwas ausweiten. Von den Nachrichten über Dokumentationen zu den Casting- und Talkshows. Pöbeln oder diskutieren. Es sind Fragen, die alle Programme treffen, öffentlich-rechtliche und private: Blut oder Bandagen.

Der einzige Unterschied ist, dass man von den Öffentlich-Rechtlichen mehr verlangen muss. Sie müssen mehr tun, als nur auf menschenverachtende und jugendgefährdende Sendungen zu verzichten. Diesen Auftrag so konkret zu formulieren, dass daraus für jede Sendung abzuleiten ist, ob sie ins Progamm gehört oder nicht, ist ein politischer Akt und wieder an der Zeit. Vor allem, wenn andere Mediengattungen ohne Öffentlich-Rechtliches auskommen.

Meist laufen solche Diskussionen allerdings darauf hinaus, ARD und ZDF auf Nachrichten und Hochkultur beschränken zu wollen. Sie sollen es den Privaten überlassen, die Mehrheit zu unterhalten, was konsequenterweise heißt, dass Tatort und Lindenstraße keinen gebührenpflichtigen Auftrag erfüllen. Wer Luhmann und Schröder folgt, muss jedoch den Schluss ziehen: Es hat nur der etwas zu sagen, der Reize setzt. Das Fernsehen verändert durch seine bloße Existenz die Wahrnehmung der Zuschauer. Es verschiebt ästhetische Kategorien, besetzt Lücken der Imagination und prägt die Vorstellung davon, wie Fernsehen eigentlich sein muss. Jede Sendung. Jedes Bild. In welchem Takt sollen die Bilder fließen, damit sie als schnell oder langsam gelten, welchen Anteil dürfen Analysen, Kommentare, Dokumentationen haben, um keinen Zuschauer zu verscheuchen? Es sind Gewohnheitsfragen, eine Fernsehempfindungskultur, die sich stetig mit dem Medium verändert.

Wer darauf Einfluss nehmen will, der muss für starke öffentlich-rechtliche Sender sorgen, die durch ihre bloße Präsenz wirken. Um Gewohnheiten zu bilden. Moderatoren wie Gottschalk sind da unentbehrliche Animateure, weil, wer sich einmal an das Öffentlich-Rechtliche gewöhnt hat, immer wieder einschaltet. Selbst die Generation Megazap verbringt die meiste Zeit nur mit sechs Programmen. Tragischerweise verscheuchen aber ARD und ZDF vor allem mit ihrem für die breite Wirkung so wichtigen Unterhaltungsprogramm viele Zuschauer. In diesem Genre lässt sich zu wenig finden, was auf eigenständige, kreative Leistung, den Willen zum Besonderen, Ausgefallenen oder Hochstehenden schließen lässt. Oder auf eine besonders gewiefte Programmplanung. Stattdessen bieten sie Mittelmaß und Nachgeahmtes.

Wer zeigte die Serie 24? RTL2. Wo war Sex and the City zu sehen? ProSieben. Wer gab Das Wunder von Lengede in Auftrag? Sat.1. Wer erhielt in diesem Jahr den Deutschen Fernsehpreis für die beste Sportsendung? Premiere. Wer verantwortet demgegenüber die meisten Volksmusiksendungen? Die ARD-Sender. Wer liefert schon mal sieben Stunden Non-Stop-Fußball an einem Samstag? Das ZDF. Da ließe sich manches entsorgen, ohne eine Lücke zu hinterlassen.

Auf die Liste der markanten fiktionalen Sendungen und Serien aus den vergangenen Jahren gehört auch noch Six Feet Under, eine Geschichte voll schwarzen Humors über ein Begräbnisunternehmen. Was sie mit Sex and the City gemein hat? Beide wurden von dem amerikanischen Sender HBO produziert, einem privaten Sender. Nun ist das an sich kein Garant für Qualität, das belegen weite Teile der hiesigen und noch größere Teile des US-amerikanischen Programms. Andererseits zeigt es, welche kreative Kraft in der Privatwirtschaft freigesetzt werden kann und im Öffentlich-Rechtlichen hierzulande nicht freigesetzt wird. Wieso die ARD vom Nachmittag bis in den Vorabend eine schlechte Kopie des privaten Fernsehens ist, erhellt ARD-Intendant Jobst Plog ungewollt, wenn er sagt, er folge einer „Doppelstrategie“.

Liebe im Marienhof, Hundefriseure in Deutschland, Nasenoperationen am Fließband.

Das Erste fürs gemeine Volk und 3sat, Arte oder Phoenix für den Rest der Kulturnation. Dabei ist das genau der falsche Weg, weil die Unterhaltungsformate nicht benutzt werden, um mehr Zuschauer in die Informations- und Kulturangebote zu locken. Wozu das führt, zeigte kürzlich eine Werbekampagne für Arte, als der Sender seinen Platz in den Kanälen des Kabelfernsehens tauschen musste und versuchte, es seinen wenigen Zuschauer mitzuteilen: „Ich habe Arte umgelegt.“ Genau das machen ARD und ZDF mit der Kultur, wenn sie immer mehr davon in ihre winzigen Schwesterkanäle auslagern und nur in Ausnahmefällen dafür werben. Die Kultur wurde umgelegt, aus dem Fernsehbewusstsein getilgt, damit es den Audience Flow, die angenehme abendliche Dämmerung des Bewusstseins in der ARD nicht stört.

Sie wissen nicht, wofür sie stehen

In dieser vernachlässigten Form sind Sender wie 3Sat oder Phoenix wirklich wenig sinnvoll, und je deutlicher diese Entwicklung hervortritt, umso stärker wird der Eindruck, dass die Redakteure und Verantwortlichen im Apparat nicht mehr wissen, wofür sie stehen. Dass sie sich nicht trauen, ein eigenständiges Programm zu gestalten.

Soll man diesem Apparat die Grundversorgung weiter überlassen? Einem Apparat, der das Schlechteste aus zwei Welten vereint? Er akzeptiert Geldkoffer, Bratpfannen und Sponsoring im Programm und im Online-Auftritt wie ein privates Unternehmen. Er überlässt die redaktionelle Hoheit häufig seinen Moderatoren, die ihre Sendungen lieber in ausgelagerten Firmen produzieren. Er finanziert Sendungen immer wieder mit Zuschüssen aus der Wirtschaft. Auf der anderen Seite ist dieser Apparat so bürokratisch, dass er sogar ein Formular erfunden hat, um Formulare zu erfinden. Ganz zu schweigen von den großen Radioredaktionen, die aus wenigen hundert Liedern wählen, um 60 Prozent ihrer Zeit zu füllen. Ist das Grundversorgung?

Immerhin ergibt es ein Bild. So schwer ist es gar nicht, gesellschaftspolitisch gewollte, relevante und kreativ hoch stehende Sendungen zu entdecken. Noch leichter ist es, nachgeahmte Fernsehformate und Radioprogramme zu benennen. Genau das zu tun ist auch der einzige legitime Weg, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu verkleinern. Deshalb werden Steinbrück und Stoiber scheitern, weil sie es nicht besser, sondern nur billiger haben wollen. Würden sie über Grundsätzliches diskutieren, könnten sie wahrscheinlich immer noch einige Radiokanäle abschalten. Oder einen Kultursender einstellen, indem sie argumentieren, davon fände genug in ARD und ZDF statt. Zugleich könnten die Aufsichtsgremien der Sender, die Rundfunkräte, das Programm auf Mittelmäßiges untersuchten, um es zu entsorgen.

Traumschiff versenken. Kerner zähmen. Fußball halbieren. Musik-Sumpf entwässern.

Und der Apparat könnte mitgestalten. Doch der einzige Intendant, der seinen Grundversorgungsauftrag jüngst überzeugend formuliert und konkret auf sein eigenes Programm bezogen hat, ist Ernst Elitz vom DeutschlandRadio. Er schreibt unter anderem: „Das Radio ist nicht nur Kulturproduzent mit literarischen Lesungen, 600 Hörspielen pro Jahr, mit der Produktion und Ausstrahlung klassischer und zeitgenössischer Musik, es ist mit seinen öffentlichen Veranstaltungen und seinen Rundfunkorchestern auch ein wichtiger ökonomischer Kulturfaktor in der Gesellschaft.“

Ernst Elitz hört aber kaum einer zu. Er leitet den kleinsten Sender von allen.

 
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