Istanbul Die Diebe in meiner Stadt
Terroristen haben Istanbul entweiht. Zynismus macht sich breit, der Bruder von Ohnmacht und Zorn. Wir frieren – und atmen weiter
Vor vier Jahren wurde Istanbul von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Um drei Uhr morgens riss die gewaltig zitternde Erde die Zwölfmillionenstadt aus dem Schlaf. Die Nachbeben dauerten Tage und Wochen. Wir schliefen im Park. Mit wildfremden Menschen um uns herum legten wir uns auf notdürftig gebastelte Betten und starrten den Augusthimmel voller Sterne an. Erzählten uns Geschichten, machten uns Mut. Dieses Erdbeben war für alle Istanbuler das größte Unglück, das sie in ihrem Leben je erlebt hatten. Zehntausende waren tot. Wir hatten überlebt. Die Naturgewalt hob für eine kurze Zeit alle Unterschiede zwischen den Einzelnen auf; im Bewusstsein der Ohnmacht des Menschen schlechthin, seiner Verletzlichkeit und Bedeutungslosigkeit wärmten wir uns aneinander.
Die Anschläge der Selbstmordattentäter lassen uns nur frieren. Denn sie deuten direkt auf das Böse, den Abgrund in der Seele der Menschen, die sie verübt haben, jenen Abgrund, der potenziell in uns allen schlummert, und den Kampf dagegen, den wir schlicht als Zivilisation bezeichnen. Die Kälte der von Menschenhand kaltblütig geplanten und durchgeführten Attentate macht den Tod von weit weniger Menschen in unserem Bewusstsein zu einem schrecklicheren Ereignis. Während das Erdbeben die Körper sanft unter sich begrub, riss die Bombe sie in Stücke. Die Erde beruhigte sich wieder, aber der Terror bleibt allgegenwärtig. Er ist wie ein Übel in uns selbst, das wir nicht auskotzen können.
Das ist Krieg. Gewöhnliche Transportwagen, die von alltäglich ausschauenden Männern mit einem Zentner Sprengstoff beladen vor ein als strategisch wichtig erachtetes Ziel gefahren und in die Luft gesprengt werden. Es ist völlig belanglos, wie viel Leben um das Gebäude herum ist, wie viele Menschen sich darin aufhalten, wer gerade die Straße überquert, vielleicht eine junge Mutter mit Kinderwagen, ein Mann auf Krücken oder ein Vater mit zwei Kindern. Was denkt der Attentäter in diesem Moment? Auf dem Weg dorthin? Was denkt er, wenn er weiß, dass er selbst in wenigen Minuten sterben wird? Wie ist es um unsere Zivilisation bestellt, dass sie aus gewöhnlichen Menschen solche „Todesroboter“ macht? Wer sind wir? Wozu sind wir fähig?
Tina hat Recht gehabt. Tina ist eine jüdische Freundin, deren Vorfahren aus Granada stammen. Sie blickt auf eine über fünfhundert Jahre alte Vergangenheit in Istanbul zurück, im Gegensatz zu den Attentätern, die aus Ostanatolien stammen und offensichtlich keinen Deut Liebe zu dieser Stadt empfinden. Tina spricht kein Ladino, die Sprache der spanischen Juden, sie hat ihren Kindern englische Vornamen gegeben, ihr Mann trägt einen muslimisch-türkischen Namen, und sie selbst ist eine große türkische Patriotin und Kanasta-Spielerin. Meine Freundin fühlt sich von der anatolischen Mystik angezogen und findet darin eine Synthese zwischen Meister Eckhart, der Kabbala und Rumi. Zuletzt besuchten wir zusammen einen Vortrag eines armenisch-türkischen Dozenten über die Zivilgesellschaft. Danach gingen wir in einem chinesischen Restaurant hinter der italienischen Kirche essen. Ich wohne in einem ehemals jüdischen Viertel, wo die Istanbuler Juden ihr Leben mit dem frommen Wunsch „Nächstes Jahr in Jerusalem“ verbrachten, aber letztendlich blieben und begraben wurden. Von hier stammt Tinas Großvater, aber sie wohnt jetzt da, wo meine Eltern geheiratet haben. Das ist Istanbul.
Erst gibt es nur zwei Anschläge auf die Synagogen. Der Sabbat ist noch nicht vorbei. Tina ist aufgeregt, aber nicht aufgelöst. Ihre Stimme bebt. Unter den Opfern der Neve-Schalom-Synagoge ist ein Freund ihrer Tochter. Tina beharrt auf der Einschätzung, dass diese Anschläge auf die Synagogen nicht die Juden selbst zum Ziel hatten. „Nein“, widerspricht sie, „ich lehne es ab zu sagen, dass das Ganze nur gegen die Juden gerichtet ist! Morgen kann es vor einer Kirche oder Moschee krachen, wir sollen uns nirgendwo mehr sicher fühlen.“ Im Stillen denke ich darüber nach. Es stimmt, neben Juden sind auch muslimische Passanten und Wachpersonal gestorben. Die Letzteren erscheinen jedoch als zufällige, in Kauf genommene Opfer, die Juden eindeutig als Ziel. Tina möchte nicht als Jüdin diskriminiert werden. Sie ist die Betroffene, ich die Unbeteiligte. Sie fühlt, ich denke. Ich habe Recht.
Fahne aufhängen, Blumen gießen
Nein. Nur fünf Tage später explodiert es vor dem britischen Konsulat und vor der Zentrale einer britischen Bank, wo ausschließlich Nichtbriten sterben. Eine kleine Moschee in der Nähe des Konsulatsgebäudes wird ebenfalls beschädigt. Alle 450 Verletzten sind zufällige Passanten. Tina hat Recht gehabt. Wir sind nirgendwo mehr sicher. Eine ganze Stadt beginnt, unter Atemnot zu leiden. Die Attentäter haben nicht nur über fünfzig Menschen getötet und Hunderte verletzt, sie haben auch die Istanbuler in die Nachbarschaft mit New York und Tel Aviv gebombt. Wir sind jetzt den Berlinern oder Parisern voraus, denn wir verstehen, was es bedeutet, zu Hause angegriffen zu werden. Der Terrorakt entweiht die geliebte Stadt, als ob ein Dieb mitten in der Nacht in unser Haus eingeschlichen ist und überall seine Spuren hinterlassen hat – hier den Dreck von seinen Schuhen, dort einen Zigarettenstummel. Und wir haben es nicht gemerkt. Wie konnte das geschehen? Diese Hinterhältigkeit macht eher zornig als traurig. Eine Freundin erzählt, dass sie um fünf Uhr morgens, nachdem sie die ganze Nacht nicht schlafen konnte, aufstand, die türkische Fahne aus dem Schrank holte und sie ans Balkongitter band, obwohl es kein Feiertag ist. Nur wer bei diesem Gedanken einen Kloß im Hals verspürt, versteht auch die New Yorker nach dem 11. September.
Wenn es die al-Qaida war, ging ihr Schuss nach hinten los. Jetzt hat sie Millionen von Feinden dazugewonnen. Die Geisterorganisation sieht wie ein loses Netzwerk von selbst ernannten Kriegern aus, die sozial oder geistig gestörte junge Männer als Selbstmordattentäter einsetzen und bei jedem Anschlag darüber jubeln, wie sie es „den Amerikanern“, „den Gottlosen“, „den Kollaborateuren“ oder einfach der ganzen Welt gezeigt hätten. Ja, der Terror hat gewiss seine Gründe. Aus der Ferne erscheint mancher Anschlag beinahe als legitim, vor allem, wenn wir mit der dahinter steckenden Problematik sympathisieren. Über fortschreitende Globalisierung sollte weiter gestritten werden, von einer anderen Welt geträumt, über friedliche Lösungen des Nahostkonfliktes sinniert und die Alleinherrschaft der USA kritisiert werden. Trotzdem: Der Polizeibeamte, der nach seiner Pensionierung privat die Istanbuler Synagoge am Sabbat bewachte, um seinen beiden Töchtern ihr Studium zu finanzieren, hatte nichts mit der Besetzung des Iraks oder der Mauer zwischen Israel und Palästina zu tun – wie banal dies auch klingen mag. Nichts gab dem Dieb einen legitimen Grund, in unser Schlafzimmer zu schleichen und uns hier hinterrücks zu ermorden.
- Datum 27.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.11.2003 Nr.49
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