Franzosen fahren ans Meer, und dort geschehen seltsame Dinge. Später kehren sie wieder zurück – nach Paris meistens –, und nur wenig ist wie zuvor. Die Hälfte der französischen Bücher und Filme lebt aus diesem Muster. Der Himmel, die Weite, der Ausnahmezustand – das Meer bringt ans Licht, was der Alltag verbirgt, Mord, Liebe, Sehnsüchte, Vergangenheit. Franzosen gehen, liegen, reden am Meer, meist wissen sie schon, was sie wollen, aber sie müssen sich erst in langen Gesprächen selbst dazu überreden.

Auch der neue Roman des französischen Autors Christian Gailly, Ein Abend im Club, spielt am Meer, erzählt von einem älteren Mann, der in eine Stadt an der Küste fährt, um dort in einer Fabrik einen technischen Fehler zu finden, zu beseitigen und wieder heimzufahren, nach Paris zu seiner Frau, mit der er am Wochenende seine Schwiegermutter besuchen wird. Doch es kommt nicht dazu, die Arbeit dauert unerwartet lange, dann ein Abendessen, ein Jazzclub, eine zusätzliche Übernachtung, eine Frau, die Frau.

Christian Gailly, geboren 1943, hat ein Gespür für literarische Momentaufnahmen, für jene Stimmungen, die alles offen lassen, während das Schicksal doch besiegelt ist, für den Hauch der Freiheit angesichts des Vorherbestimmten. Simon Nardis, Mittelpunkt dieses kurzen Romans, war stilbildender Jazzpianist, hatte sich vor zehn Jahren von der Szene verabschiedet, dem Tode nahe, angesichts des Lebens, das er führte. Seitdem mied er diese Musik, die Clubs, die Drogen wie ein trockener Alkoholiker, kein Ton, der ihn in seinem zweiten Leben als Ingenieur gefährden sollte. Nun ist er zurück, in einem Club, hört die jungen Musiker, die er damals beeinflusst hatte, kann nicht widerstehen und setzt sich an den Stutzflügel, versinkt wieder in jenen swing, (den man auch in Romanen kleinschreiben sollte, um ihn vom Swing-Stil zu unterscheiden), das Leben hat ihn wieder.

Dies hier ist eine Hörbuchkolumne, doch immer häufiger erscheinen Buch und Hörbuch fast zeitgleich, sodass die Besprechung des einen die des anderen häufig ausschließt. Ein schöner Zufall, dass diesmal eins ins andere fällt, der Klang des Jazz dem Klang der hoch gelobten Gaillyschen Prosa entsprechen kann. Vom Magazin Lire zum besten französischen Roman 2002 gewählt, mit dem Prix du Livre Inter 2002 ausgezeichnet, führt Christian Gailly, als Stilist und "berühmter Unbekannter" tituliert, ein seltsames literarisches Leben in Deutschland. Von seinen elf Romanen erschienen vier in jeweils verschiedenen Verlagen: Der Anschein, noch stark unter Nouveau-Roman-Einfluss bei Eremiten Press, KV 622, eine erotisch, ironische Variation über Mozarts Klarinettenkonzert bei Manholt, Bebop, ein Vierpersonenstück um Jazz bei Luchterhand und nun Ein Abend im Club beim Berlin Verlag (übersetzt von Doris Heinemann).

Doch während der ehemalige Jazzsaxofonist, Ingenieur und Psychoanalitiker Gailly das Nebeneinander von Musik und Leben in den bisherigen (verfügbaren) Büchern parallel inszenierte, herrscht diesmal allzu offensichtliche Verschränkung. Die neue – endgültig große – Liebe ist Jazzsängerin, man trifft sich im gemeinsamen Song, die Rückkehr zur alten Liebe Jazz ist allzu vorhersehbar, als dass irgendein Zweifel aufkommen könnte, Simon Nardis gehe den falschen Weg. Die Musik gerinnt zum Leben und wird Kitsch. Da die Geschichte von einem Freund, einem Maler, erzählt wird, vor- und zurückspringend und kommentierend, erlaubt der sich manche Platitüde, für die er sich zwar entschuldigt, sie aber umso unverfrorener stehen lässt.

"An sich eine ziemlich banale Antwort. Aber die Art, wie Simon es sagte", gefällt der Jazzsängerin Debbie, und es würde die Rettung dieses Buches bedeuten, wäre der Klang hörbar. Doch weder der Tonfall der deutschen Übersetzung noch die Stimme des Schauspielers Matthias Ponnier lassen etwas von der Musikalität Gaillys ahnen, der seine Sätze wie in einem Schwenk aus Einzelbildern zusammensetzt. Nicht vom Gefühl bestimmt, sondern von der Routine diktiert, lässt der Krimidarsteller Ponnier die solide Betonung dort fallen, wo Polizeiruf 110 den Sinn festmacht, kein Hauch von Akzentverschiebung, von jener Kunst, die dem Text die nötige Leichtigkeit verleihen würde. Dass man einem Saxofonisten die musikalischen Zwischenspiele anvertraut, da doch im Buch ständig vom Pianisten Bill Evans die Rede ist (der wiederum von der FAZ mit dem Saxofonisten Bill Evans verwechselt wird), passt ebenso ins traurige Hörbild wie die falsche Schreibung von Titeln wie Milestones und Softly As In A Morning Sunrise im Buch. Manche Autoren haben einfach kein Glück in Deutschland. Konrad Heidkamp