Stellenweise Glatteis
Louis Begley scheitert überraschend mit seinem Roman „Schiffbruch“
Das Gefühl, dass dieser nunmehr siebte Roman von Louis Begley missglückt sei, schleicht sich beim Lesen ein wie der unwillkommenste Gast. Es hilft nichts, ihn vor die Tür zu weisen und ihm zu sagen, dass Begley ein bewundernswerter Könner sei, der seiner Serie über liebesbedürftige, aber liebesunfähige Männer mit dem Roman ein virtuoses Kapitel hinzugefügt habe. Der Gast kehrt wieder in Gestalt niveauvollen Gelangweiltseins.
Was ist passiert? Die Geschichte ist sehr einfach, sehr direkt, und sie besitzt jene Mischung aus Banalität und Brutalität, die einen großen Text hätte erzeugen können; sicherlich keinen Roman von rund 300 Seiten, denn dafür ist sie zu arm an Figuren, Verwicklungen und Schauplätzen, aber doch eine Novelle. Die „sich ereignete unerhörte Begebenheit“, die nach Goethe Merkmal der Novelle ist, geschieht ja am Ende tatsächlich: fast ein Mord und beinahe ein Selbstmord. Nacherzählen kann und soll man den Vorgang nicht, denn erstens lässt der Roman offen, ob der „Mord“ – juristisch gesehen handelt es sich um tückisch unterlassene Hilfeleistung – sein Opfer findet, und zweitens lebt das ganze Buch auf ebendiesen Knalleffekt hin, sodass, wer ihn kennt, einen Grund weniger hat, es zu lesen.
Eine junge Dame, attraktiv und jederzeit willig
Bis dahin aber lässt sich die Geschichte durchaus erzählen, wobei der rare Fall eintreten mag, dass die geraffte Fassung spannender klingt als die im Roman erzählte, denn die wirkt seltsam lang und matt, ausgelaugt und erschöpft. Das wiederum hat zunächst seine einfache Erklärung darin, dass der, der diese Geschichte erzählt, selber ausgelaugt und erschöpft ist, ein Mann nämlich, der eines Abends in einer beliebigen New Yorker Bar einem ebenso beliebigen Zufallsgast seine Lebensgeschichte erzählt, diejenige also, die mit der unerhörten Begebenheit vorläufig endet.
Den Zuhörer kennen wir nicht, und wir werden ihn auch nicht kennen lernen. Abgesehen davon, dass er der Whiskyflasche ordentlich zuspricht (eine weitere wird folgen), hält er sich mit Fragen oder gar Kommentaren derart zurück, dass es nicht ausgeschlossen scheint, er sei zwischendurch eingeschlafen. Dem Erzähler wiederum fließt der Mund über, denn ihn plagen die Rachegötter der Schuld.
Die Schuld beginnt damit, dass er, ein angesehener amerikanischer Autor, anlässlich des Erscheinens seines jüngsten Romans in Paris einer jungen Journalistin ein Interview gibt. Aus der Begegnung entwickelt sich eine lustvolle, nach und nach aber verhängnisvolle Affäre. Die junge Dame erscheint zunächst als Inbegriff einer Männerfantasie: attraktiv, bedenkenlos sexgierig, jederzeit willig, ohne aus den orgiastischen Bettspielen lästige Forderungen abzuleiten. Die Tatsache, dass sie mit mehreren anderen Männern ein Verhältnis hat, stört den Schriftsteller nicht, im Gegenteil: Da er glücklich verheiratet ist und bleiben will, legt er Wert darauf, diesen kleinen Seitensprung folgenlos zu genießen.
Er bleibt weder folgenlos noch klein. Zurück in New York, wo er seiner geliebten und ahnungslosen Gattin halbwegs entspannt begegnet, erreichen ihn zu seinem Befremden liebeshungrige Nachrichten der französischen Journalistin, und er muss begreifen: Die Affäre beginnt erst. Ein weiterer Aufenthalt in Paris (wo er der Verfilmung seines Romans, vor allem aber der wilden Nymphomanin beiwohnt), eine heiße Woche auf einer griechischen Insel verschärfen den Konflikt. Schließlich kommt sie sogar nach New York, und er kann dem verhassten Entweder-Oder nicht länger ausweichen. Das Ende ist Schiffbruch, in wörtlicher und moralischer Hinsicht.
Zwei betrunkene Männer an der Bar, Weibergeschichten. Das ist gekonnt erzählt, aber eben doch auch unangenehm routiniert. Wir kennen die Schauplätze aus Begleys früheren Romanen, die Hotels und Restaurants in Paris, die Landhäuser und Strände von Long Island. Wir kennen auch die vermögenden Anwälte und Geschäftsleute, zumeist ältere, jedenfalls nicht mehr ganz junge Männer, die im Sex mit jungen Frauen eine Art Sinngebung suchen, Lebensverlängerung, Glück. Es sind zumeist traurige Gestalten, nicht immer sympathische. Sie sind reich an materiellen Gütern, arm an Herz und Seele. Das Schicksal der Herren Mistler oder Schmidt (aus den gleich lautenden Romanen) oder Ben (Der Mann, der zu spät kam) geht uns nahe, weil es von innen und von außen geschildert wird, in einer subtilen Mischung aus Selbstgespräch und Mauerschau. Dadurch werden diese Menschen vieldimensional, plastisch und gewinnen unsere Anteilnahme.
Das aber gilt leider nicht für Paul North, den Helden dieser eindimensionalen, von einer einzigen Stimme erzählten Geschichte. Dass er ein ausgebrannter Fall ist, können wir seinen selbstquälerischen, selbstanklägerischen Zweifeln entnehmen. Er hat den schweren Verdacht, dass seine viel gelobten Romane nichts wert sind. Zwar versucht ihn die Gattin, deren Urteil ihm wichtig ist, vom Gegenteil zu überzeugen, aber eine Art von Masochismus treibt ihn immer weiter in eine Lebens- und Sinnkrise, als deren gewissermaßen ambulante Behandlung ebenjene Sexaffäre erscheint.
Das Problem ist: Alles, was wir über diesen beim Whisky vor sich hin schwadronierenden Mann wissen, erfahren wir ausschließlich von ihm, und der stumme Zuhörer tut nichts, um die Glaubwürdigkeit seiner Erzählung auf die Probe zu stellen. Denn es ist gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass das ganze Gerede von Sex und Liebe und Schiffbruch nur eine Räuberpistole ist, nur ein weiterer, nicht sonderlich guter Roman dieses offenbar nicht sonderlich guten Schriftstellers.
Begley legt ja zarte Spuren. Der Roman, wegen dessen Übersetzung der Schriftsteller nach Paris reist und für den er einen großen Literaturpreis erhält, trägt den lachhaften Titel Der Ameisenhaufen. Auch zeugt der Name North nicht gerade von übermäßigem Aufwand bei der Erfindung einer glaubhaften literarischen Szenerie. Das gilt ebenso für die übrigen Personen der Geschichte: Von der Ehefrau wissen wir nur, dass die erfolgreiche und ebenso schöne wie liebevolle Wissenschaftlerin sich immer im erwünschten Augenblick auf Kongressen befindet. Und von der jungen Französin wissen wir nur, dass sie eine Femme fatale ist, der man besser nicht vertraut. Allzu widersprüchlich klingen ihre Erzählungen über verflossene oder gegenwärtige Liebhaber. Und schließlich ähneln die beiden Herren in der Bar sentimentalen Trinkern, deren Leidensgeschichte ja nicht selten mit dem Kater verfliegt.
Der Roman ist also in hohem Maß selbstreferenziell. Der Schriftsteller Begley erzählt die Geschichte eines Schriftstellers, der eines Abends die Geschichte eines Schriftstellers erzählt, der an einem Tiefpunkt seines Lebens und Schreibens angelangt ist. Und nun steht es dem Leser frei, die imaginierte Schwäche des fiktiven Autors als ironische Selbstbespiegelung Begleys zu betrachten, eine Versuchung, der man nicht nachgeben sollte. Denn Begley kann und weiß zu viel, um nicht auch dies bedacht zu haben.
Das Ganze macht den Eindruck, als wäre Begley auf dem Glatteis, das er hier zubereitet hat, selber ins Rutschen gekommen. Es kann aber auch sein, dass er lediglich eine neue Variante, eine Radikalisierung, eine Engführung seiner bisherigen Thematik ausprobieren wollte. Der Versuch war die Mühe vielleicht wert, gelungen ist er nicht.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 27.11.2003 Nr.49
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