Stellenweise GlatteisSeite 2/2
Das aber gilt leider nicht für Paul North, den Helden dieser eindimensionalen, von einer einzigen Stimme erzählten Geschichte. Dass er ein ausgebrannter Fall ist, können wir seinen selbstquälerischen, selbstanklägerischen Zweifeln entnehmen. Er hat den schweren Verdacht, dass seine viel gelobten Romane nichts wert sind. Zwar versucht ihn die Gattin, deren Urteil ihm wichtig ist, vom Gegenteil zu überzeugen, aber eine Art von Masochismus treibt ihn immer weiter in eine Lebens- und Sinnkrise, als deren gewissermaßen ambulante Behandlung ebenjene Sexaffäre erscheint.
Das Problem ist: Alles, was wir über diesen beim Whisky vor sich hin schwadronierenden Mann wissen, erfahren wir ausschließlich von ihm, und der stumme Zuhörer tut nichts, um die Glaubwürdigkeit seiner Erzählung auf die Probe zu stellen. Denn es ist gut möglich, sogar wahrscheinlich, dass das ganze Gerede von Sex und Liebe und Schiffbruch nur eine Räuberpistole ist, nur ein weiterer, nicht sonderlich guter Roman dieses offenbar nicht sonderlich guten Schriftstellers.
Begley legt ja zarte Spuren. Der Roman, wegen dessen Übersetzung der Schriftsteller nach Paris reist und für den er einen großen Literaturpreis erhält, trägt den lachhaften Titel Der Ameisenhaufen. Auch zeugt der Name North nicht gerade von übermäßigem Aufwand bei der Erfindung einer glaubhaften literarischen Szenerie. Das gilt ebenso für die übrigen Personen der Geschichte: Von der Ehefrau wissen wir nur, dass die erfolgreiche und ebenso schöne wie liebevolle Wissenschaftlerin sich immer im erwünschten Augenblick auf Kongressen befindet. Und von der jungen Französin wissen wir nur, dass sie eine Femme fatale ist, der man besser nicht vertraut. Allzu widersprüchlich klingen ihre Erzählungen über verflossene oder gegenwärtige Liebhaber. Und schließlich ähneln die beiden Herren in der Bar sentimentalen Trinkern, deren Leidensgeschichte ja nicht selten mit dem Kater verfliegt.
Der Roman ist also in hohem Maß selbstreferenziell. Der Schriftsteller Begley erzählt die Geschichte eines Schriftstellers, der eines Abends die Geschichte eines Schriftstellers erzählt, der an einem Tiefpunkt seines Lebens und Schreibens angelangt ist. Und nun steht es dem Leser frei, die imaginierte Schwäche des fiktiven Autors als ironische Selbstbespiegelung Begleys zu betrachten, eine Versuchung, der man nicht nachgeben sollte. Denn Begley kann und weiß zu viel, um nicht auch dies bedacht zu haben.
Das Ganze macht den Eindruck, als wäre Begley auf dem Glatteis, das er hier zubereitet hat, selber ins Rutschen gekommen. Es kann aber auch sein, dass er lediglich eine neue Variante, eine Radikalisierung, eine Engführung seiner bisherigen Thematik ausprobieren wollte. Der Versuch war die Mühe vielleicht wert, gelungen ist er nicht.
Louis Begley: Schiffbruch Roman; aus dem Englischen von Christa Krüger; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 279 S., 19,90 ¤SchiffbruchBelletristikenglischRoman; aus dem Englischen von Christa KrügerLouis BegleyBuchSuhrkamp Verlag2003Frankfurt a. M.19,90279Christa Krüger- Datum 27.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.11.2003 Nr.49
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