momente der entscheidung Jakob und die dummen Herren
Jakob Fugger war Europas mächtigster Frühkapitalist. Er gab dem Adel Kredit, beutete seine Bodenschätze aus – und genoss seinen Schutz
Am Anfang kommt der Tod. Sieben Söhne hat Barbara Fugger in das 15. Jahrhundert hineingeboren. Doch Andreas und Hanns sterben als junge Männer an Fieber in Venedig, Peter erliegt in Nürnberg der Seuche, und Martin, der eine steile Karriere im Vatikan gemacht hat, ergeht es in Rom nicht besser. Mit einem Mal muss die verwitwete Chefin des Augsburger Handelsunternehmens um den Fortbestand ihrer Firma bangen.
Das ist die Wende im Leben von Jakob Fugger.
Denn nach der letzten Hiobsbotschaft ruft die Mutter ihren jüngsten Sohn aus dem Chorherrenstift St. Veit zu Herrieden zurück. Sie hatte ihn dorthin geschickt, weil sie meinte, in der Firma sei kein Platz für ihn. Jetzt beendet sie die geistliche Karriere, ohne auch nur einen Augenblick zu zögern. Jakob ist nun einmal die letzte Familienreserve und muss neben seine verbliebenen Brüder Ulrich und Georg treten, damit die Familie in ihrem schon weit verzweigten Unternehmen an mehreren Orten präsent sein kann.
Später wird man ihn Jakob Fugger den Reichen nennen und zu den bedeutendsten Unternehmern Europas zählen. Er wird mehr Geld als die Medici besitzen, oft genug über Krieg und Frieden entscheiden und Kaisern zu ihrer Krone verhelfen.
Was ihn vorantreibt, erzählt Jakob einmal seinem Neffen. „Er wolle gewinnen, dieweil er könne.“ Das ist sein Daseinsprinzip, und um zu gewinnen, lernt er begierig alle legalen und illegalen Kniffe des Geschäftslebens. Hat es ihn nie berührt, das Vermögen der Familie zu riskieren? Manchmal mit nur einem einzigen Geschäft? Die Antwort Jakob Fuggers darauf ist überliefert: „Wenn ich des Nachts schlafen gehe, habe ich keine Hinderung des Schlafes, sondern tue mit dem Hemd alle Sorgen und Anfechtungen des Handels von mir.“ Als Albrecht Dürer den Fugger im Jahr 1520 porträtiert, fängt er einen 60-jährigen Mann ein, der seinen Mund zusammenkneift und mit nüchternen, fast ausdruckslosen Augen auf die Welt blickt. Er ist nicht schön, eher kantig im Gesicht und unterstreicht diesen Eindruck noch, indem er seine Haare unter einer Mütze versteckt. Dieser Fugger ist diszipliniert und zielstrebig. Kaltblütig und oft genug skrupellos.
Reich wird Jakob mit einer längst bekannten Geschäftsidee, die er zur absoluten Perfektion entwickelt: Er leiht das Geld der Familie an Herzöge, Könige und Kaiser – und verlangt als Sicherheit vor allem Silber aus den Minen des Adels und weit reichende Handelsprivilegien.
Die Möglichkeit dazu bietet sich, als Jakob von seinen Brüdern im Jahr 1485 nach Innsbruck geschickt wird, um die Fuggersche Niederlassung zu leiten. Dort kann er zum ersten Mal selbstständig handeln und sich beweisen, weit weg von Ulrich, der stets darauf bedacht war, seine Stellung als Herr der Familie und oberster Entscheider zu wahren.
Sofort sucht Jakob die Nähe zum Innsbrucker Hof und Herzog Sigismund. Das ist nicht leicht, denn auch andere Handelshäuser aus Bayern und Schwaben haben die Chance erkannt, die in der steten Finanznot des Herzogs von Tirol liegt.
Sigismunds traditionelle Einnahmen schrumpften, weil das Land verkümmerte. Dessen ungeachtet pflegte der Herzog einen aufwändigen Lebensstil, zeugte 40 uneheliche Kinder und ließ sich hin und wieder auch zu einem Krieg hinreißen. Vor allem diese Feldzüge verschlangen Unsummen, seit nicht nur die Zahl der Söldner über den Sieg entschied, sondern auch die Zahl der neu entwickelten Mörser und Kanonen.
Eine neue Einnahmequelle musste her. Da traf es sich gut, dass in Tirol die größten bekannten Silbervorkommen lagen und die Bergbautechnik große Fortschritte gemacht hatte. Sigismund musste nur dafür sorgen, dass Kaufleute wie der Fugger genug Stollen, Pumpen und Hüttenwerke finanzierten, um das Silber ans Tageslicht zu holen und einzuschmelzen.
Als der Herzog im Jahr 1487 nach einem verlorenen Konflikt mit Venedig 100000 Gulden Schadensersatz zahlen muss – und nicht kann –, braucht er die Kaufleute dringender denn je. Fugger schmeichelt und schmiert die Entourage des Herzogs, er streut Gerüchte über seine Konkurrenten und achtet seinerseits darauf, zuverlässig und pünktlich zu zahlen. So steigt er innerhalb eines Jahres zum größten Kreditgeber des Hofes auf. Im Gegenzug lässt er sich Silber aus den Tiroler Minen überschreiben und übernimmt auch die Oberaufsicht über die Förderung.
Jetzt sitzt er endlich an der richtigen Stelle, um immense Gewinne abzuschöpfen. Den Unternehmern, die das Erz schürfen, zahlt Fugger fünf Gulden für eine Silbermark, während er es der offiziellen Münzstätte für acht Gulden weiter verkauft. Gleichzeitig gelingt es ihm, die Fördermenge zu vervielfachen. So kann er dem Herzog Sigismund immer mehr Säcke mit frisch geprägten Silbermünzen abliefern und gleichzeitig immense Profite einstreichen. Der Herzog versteht nichts vom Bergbau und ist zufrieden.
Jakob erkennt schnell, dass eine großartige Expansion seines Unternehmens mit dem Tiroler kaum zu erreichen ist. Er braucht einen Schuldner von europäischem Format und sucht deshalb den Kontakt zum Habsburger Erzherzog Maximilian, dem Sohn des damaligen Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Maximilian hatte schon länger ein Auge auf die Tiroler Silbervorkommen geworfen und betrieb die Absetzung des Herzogs, worin ihn Jakob zu unterstützen beginnt. Loyalität gegenüber Sigismund empfindet er nicht. Im Jahr 1490 überschreibt der Herzog schließlich seinen Titel, seine Ländereien und seine Schulden an Maximilian, und der Kaufmann aus Augsburg wird mit einem Schlag zum Geldgeber der kaiserlichen Familie.
Die Kredite an die Habsburger finanzieren die Fugger-Brüder aus ihren eigenen Geschäftseinlagen und dem Vermögen stiller Teilhaber – mal sind es andere Kaufleute, mal reiche Bischöfe. Jakob hat in diesen ersten Jahren noch das geringste Kapital, wie aus dem Augsburger Steuerbuch hervorgeht. Im Jahr 1494, als er in der Firma gleichberechtigt wird, beziffert er es auf 15552 Gulden, sein Bruder Georg besitzt 17177 Gulden und das Familienoberhaupt Ulrich 21666 Gulden.
Was die Momentaufnahme nicht widerspiegelt, ist, dass Jakobs Vermögen schneller wächst als das seiner Brüder. Er hat einen einmaligen Geschäftssinn, ist risikofreudiger und investiert oft mehr in ein Geschäft als Ulrich und Georg. Und das zahlt sich aus. 15 Jahre später – seine Brüder sind inzwischen gestorben – kann er schon 80999 Gulden vorweisen, und bis zu seinem Tod wächst diese Summe sogar auf 667 790 Gulden an. Das ist noch konservativ gerechnet – wegen der Steuern.
Rastlos nutzt Jakob Fugger die Chancen in der Machtsphäre der Habsburger. Für Kredite, die inzwischen in die Hunderttausende gehen, erhält er Ländereien, später einen Grafentitel und noch mehr Handelsprivilegien. So kommen zum Silberbergbau in Tirol bald der Silberhandel und -transport hinzu. Hohe Gewinne locken beispielsweise an der Grenze zwischen Bayern und Tirol. Tiroler Silbermünzen haben zu jener Zeit einen geringeren Silbergehalt als deutsche. Also lässt Jakob Fugger das frisch geprägte Geld säckeweise über die Grenze transportieren und wieder einschmelzen. Mit minderwertigem Metall gemischt, erhöht er so die Geldmenge um 50 Prozent, was in Tirol wilde Kritik auslöst, aber im Schutz der Habsburger kann sich Jakob Fugger fast alles leisten.
Die Überschüsse investiert die Familie über einen Strohmann und späteren Teilhaber in den ungarischen Kupferbergbau, in Hüttenwerke und Waffenschmieden. Längst besitzen sie eine Kammer im Fondaco dei Tedeschi, dem deutschen Handelszentrum in Venedig, und haben eine Filiale in Rom eröffnet. Das fördert die Geschäfte mit dem Papst ungemein, der schon bald seine Einnahmen aus dem Ablasshandel und sonstige Abgaben aus den deutschen Kirchenprovinzen über die inzwischen gegründete Fugger-Bank nach Rom schaffen lässt.
Der Erfolg strahlte auf die Augsburger Firmenzentrale aus. Ein Italiener beschrieb den Bau im Jahr 1517 als einen der schönsten Paläste Deutschlands, „reich geschmückt mit weißem und farbigem Marmor. Seine auf die Straße gehende Fassade trägt historische Bilder, reich an Gold und satten Farben. Sein Dach besteht ganz aus Kupfer“, und im Innern erstreckte sich ein lichtdurchfluteter Hof, der von Säulengängen im Stil der italienischen Rennaissance umgeben war. Dort, im ersten Stock, lag die fast 50 Quadratmeter große Goldene Schreibstube, von wo aus die Fugger-Brüder ihr Imperium lenkten.
Um stets einen Überblick über den komplexen Konzern zu haben, haben die Augsburger Frühkapitalisten die doppelte Buchführung aus Italien eingeführt, die neben den Umsätzen auch den Warenein- und -ausgang dokumentiert. Nicht weniger sorgfältig organisiert Jakob das Archiv mit allen Verträgen und Schuldscheinen. Aber was ihn den Konkurrenten endgültig überlegen macht, ist ein europäischer Nachrichtendienst, gespeist von vielen bezahlten Agenten. Besonders eilige Nachrichten übermitteln die Außenstellen bei gutem Wetter sogar mithilfe von Spiegeln, wodurch Informationen aus den südspanischen Quecksilberbergwerken innerhalb von zwei Stunden nach Augsburg gelangt sein sollen. Im 16. Jahrhundert!
Mit seinem Reichtum wächst auch Jakobs politischer Einfluss. Ohne Frage konnte der Habsburger Maximilian seine politischen Ambitionen nicht ohne den Fugger verfolgen. Einen Heereszug nach Rom durch das Gebiet des feindlich gesinnten Venedigs etwa, um sich danach in voller Pracht zum Kaiser krönen zu lassen, musste der Habsburger abbrechen, weil Jakob kein Geld für den Krieg bewilligte. Stattdessen fand die Krönung in Trient durch einen Vertreter des Papstes statt. Es war eine ärmliche Zeremonie. Gleichwohl zeugt das nicht von einer absoluten Macht des Kaufmanns über den Kaiser. Zu sehr war er auf dessen politischen Schutz angewiesen.
Das zeigt sich spätestens in dem Moment, als Maximilian stirbt, ohne seine Nachfolge geregelt zu haben. Einen Wunsch hat der Habsburger, aber die sieben deutschen Kurfürsten, die den nächsten Herrscher wählen sollen, kalkulieren sehr nüchtern, wann sie dem Kaiser folgen müssen und wann Gottes weltlicher Statthalter zu schwach ist, um seinen Willen durchzusetzen. Nun gilt es: Wer würde also seine verliehenen und nicht vererbbaren Rechte behalten? Wer würde Jakobs Schuldscheine begleichen und seine Geschäfte schützen? Nie lagen Macht und Ohnmacht des Frühkapitalisten Jakob Fugger so nahe beieinander wie am Todestag des Kaisers.
Um das Gewonnene zu bewahren, setzt Jakob im Frühjahr 1519 fast all sein Geld und all seinen Einfluss ein. Die Kandidaten sind KarlV. von Habsburg und der Franzose FranzI. Nachdem Karl sich verpflichtet hat, die bisherigen Privilegien der Fugger anzuerkennen, beginnt Jakob den Wahlkampf für den Habsburger. Um die Unentschiedenen zu gewinnen und die Gegner umzustimmen, bringt der Kaufmann die schwindelerregende Summe von 852000 Gulden in Gold auf, von denen 544000 aus seinem eigenen Vermögen stammen. Mit diesem Geld bestechen Karls Fürsprecher zunächst den Kurfürsten Albrecht, Erzbischof von Mainz. Seine Stimme soll unterschiedlichen Quellen zufolge bis zu 113000 Gulden gekostet haben. Noch teurer war nur noch der Kurgraf Ludwig von der Pfalz, der 184000 Gulden verlangte.
Gleichwohl hätte das Geld allein nichts bewirkt. Als die sieben deutschen Kurfürsten im Juni in der Frankfurter Bartholomäuskirche zusammenkommen, um über Maximilians Nachfolge zu entscheiden, sagt ihnen keiner der beiden Kandidaten zu, und so wählen sie am Ende ihrer Beratungen zunächst den Kurfürsten Friedrich von Sachsen, also einen aus ihrer Mitte. Doch nach einer Bedenkzeit nimmt dieser die Wahl nicht an. Politisch fühlt er sich zu schwach – was ihm durch einen habsburgischen Truppenaufmarsch vor der Stadt auch noch einmal deutlich vor Augen geführt wird. Erst in dieser Situation entscheiden sich die Kurfürsten im zweiten Wahlgang für das lukrativste Angebot, also den von Jakob Fugger finanzierten KarlV. Die Zukunft des Kaufmanns ist gesichert.
Jakob lebt noch sechs Jahre und setzt kurz vor seinem Tod im Jahr 1525 den Neffen Anton zum alleinigen Nachfolger ein. Es ist eine gute Entscheidung, denn Anton schafft es, das Vermögen der Familie sogar noch zu vergrößern. 40 Jahre später beziffert dieser den Firmenwert auf sechs Millionen Gulden, was damals annähernd zehn Prozent des Volkseinkommens des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation entspricht; der nächste Konkurrent hat nur ein Fünfzigstel dieser Größe.
Andererseits bestand dieses Vermögen wie eh und je vor allem aus Schuldscheinen. Die Stärke der Fugger war eben auch ihre Schwäche: die Nähe zu den Habsburgern. Als deren Silberminen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts langsam erschöpft waren und gleichzeitig ihre politische Macht zu schwinden begann, weigerten sich die Nachkommen KarlsV. zusehends, die Schulden zu begleichen. Ihr Niedergang wurde somit auch zu dem der Fugger, die wenige Generationen später keine Konzernherren von europäischem Format mehr waren.
- Datum 27.11.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.11.2003 Nr.49
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