Was wir wissen, ist ein Tropfen, was wir nicht wissen, ist ein Ozean. Isaac Newton

Wenn nüchterne Menschen den Wasserhahn aufdrehen, fließt aus der Leitung ein simpler Stoff, das häufigste Molekül auf diesem Planeten – eben ganz gewöhnliches Wasser. Für andere jedoch kommt dieser banale Akt der Befreiung eines gequälten Lebewesens gleich. "Oben in der Natur quirlt das durchsichtige Nass durch die Ritzen von Gesteinen, tanzt es mit den Schwingungen der Mineralien, bejubelt es die gute Luft, jauchzt es in drehender Bewegung in die grenzenlos scheinende Freiheit der Natur. Unten in der dumpfen Röhre wird es scheinbar endlos zusammengepresst, auf engstem Raum in Isolierhaft gehalten", barmt der Wassermystiker und -autor Urs Honauer. In seiner Zürcher Praxis für "Innere Ökologie" bietet er Wasser-Degustationen an, um auch Normalbürger auf den Geschmack zu bringen.

Spinnerei? Gut möglich. Wasser ist eben Ansichtssache. Wohl an keinem anderen Element scheiden sich derart die Geister wie am Wasser. Das gilt auch für eine Ausstellung, die in dieser Woche in der Berliner Urania eröffnet wurde. Welt im Tropfen nennt sich die von dem Ingenieur Bernd H. Kröplin zusammengestellte Schau, die wundersame Einblicke in das Innenleben des Wassers liefert. Die Mikroskopbilder zeigen Strukturen, die an Blätter oder Gräser erinnern, an die Kraterlandschaft eines Jupitermonds oder an die Mandalas buddhistischer Mönche (siehe folgende Seite).

Brisant wird die Ausstellung allerdings nicht durch die ästhetischen Bilder, sondern durch die Botschaft, die diese vermitteln sollen. Kröplin und seine Mitarbeiter sind überzeugt, dass Wasser die seltsamsten Eigenschaften besitzt, die dem naturwissenschaftlichen Weltbild zuwiderlaufen: etwa die Fähigkeit, Informationen zu speichern, auf menschliche Gefühle zu reagieren oder gar mit anderen Flüssigkeiten zu kommunizieren. All das ließe sich leicht als Esoterik abtun, wäre da nicht eine irritierende Tatsache: Bernd Kröplin ist kein durchgeknallter Wirrkopf, sondern ordentlicher Professor an der Fakultät für Luft- und Raumfahrt der Universität Stuttgart. Und bislang fiel er eher durch wissenschaftliche Exzellenz auf – für seine Arbeiten erhielt er 1999 den mit 750000 Euro dotierten Körber-Preis (ZEIT Nr. 36/99).

Was geht da vor? Erlebt nun Deutschland seinen "Fall Benveniste", der vor Jahren Frankreich erschütterte? 1988 hatte der Immunologe behauptet, eine Art "Gedächtnis des Wassers" nachweisen zu können – eine Behauptung, die jahrelangen Streit nach sich zog und Benveniste zur Persona non grata in der Wissenschaft machte (siehe Verdünnte Wahrheit, Seite 38).

Der Traum von den mystischen Eigenschaften des Wassers war damit allerdings nicht ausgeträumt; als prophetisch erweist sich die Definition des englischen Dichters D. H. Lawrence, der 1929 schrieb: "Wasser ist H2O, zwei Teile Wasserstoff, ein Teil Sauerstoff. Aber da ist noch ein Drittes, das erst macht es zu Wasser, und niemand weiß, was das ist." Nach diesem Dritten wird im Moment wieder verstärkt gesucht – von harten Naturwissenschaftlern wie von versponnenen Esoterikern.

Denn das dritthäufigste Molekül im Universum verhält sich längst nicht immer so, wie es die Regeln von Physik und Chemie erwarten lassen. Etwa 40 "Anomalien" listen die Wasserforscher auf, Abweichungen vom erwartbaren Verhalten, die zum Teil noch immer unverstanden sind. Das simple H2O kann sich auf nahezu unendlich viele Arten zu Clustern und Kristallen zusammenschließen – unter anderem zu einer Eisform, die selbst bei 500 Grad Hitze gefroren bleibt (siehe Nassforschers Träume, Seite 38).

Bei so vielen offenen Fragen der Wasserforschung kann es nicht ausbleiben, dass sie auch allerlei dubiose Theorien hervorbringt. Zu denen, die dem Wasser die tollsten mystischen Eigenschaften zuschreiben, gehört der Japaner Masaru Emoto, dessen Fotos von Eiskristallen auch hierzulande populär sind. Emoto, von Haus aus Alternativmediziner, behauptet, dass seine Kristalle zwischen guter und schlechter Musik unterscheiden und die Stimmungen von Menschen widerspiegeln könnten. Ja, in Emotos Labor kann das Wasser offenbar sogar lesen und verfügt über eine solide historische Bildung: Halte man einen Zettel mit dem Wort "Hitler" vor ein Wasserglas, ergäben sich beim Gefrieren nur kümmerliche Kristalle; schreibe man aber den Namen der japanischen Gottheit Amaterasu Omikami darauf, entwickelten sich wunderschöne Kristallformen, erklärt Emoto in seinem Buch Die Botschaft des Wassers.

Leider lässt Emoto sein Publikum im Unklaren darüber, wie er seine Bilder herstellt und wie er die Kristalle auswählt. Auch gibt es keine Publikationen von ihm, die wissenschaftlichen Standards genügten. Doch wer fragt schon nach Wissenschaft, wenn Emoto sein Glaubensbekenntnis ablegt: "Die Wassermoleküle ließen mich tief verstehen, dass erst, wenn Dankbarkeit doppelt vorhanden ist (H2), die Liebe (O) eine aktive Form annehmen und wirken kann."

Die Botschaft vom gefühlvollen Nass lässt sich jedenfalls prima vermarkten. So preist die Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Michaela Merten neuerdings positiv besetzte Trinkgläser an (sechs Stück zum Preis von 35 Euro). Eingravierte Begriffe wie "Liebe und Dankbarkeit" sollen das Wasser harmonisieren.

Gutes Geld wird auch mit "energetisiertem", "vitalisiertem" oder "levitiertem" Wasser gemacht. Wer anerkannte wissenschaftliche Studien dazu sucht, wird stattdessen auf zufriedene Kunden verwiesen, auf Beispiele, die angeblich die Wirkungsweise belegen – oder gleich auf die Quantentheorie, die ja irgendwie alles erkläre und jeder Spinnerei die höheren wissenschaftlichen Weihen vermitteln soll.

Mit alldem will Bernd Kröplin wenig zu tun haben. Befragt man den 59-Jährigen etwa zu den japanischen Eiskristallen, lächelt der stets freundliche Forscher noch freundlicher. "Wir können das nicht zeigen." Man habe zwar mit Emoto über eine Zusammenarbeit geredet, daraus sei dann aber doch nichts geworden. Auch zu levitiertem Wasser oder Homöopathie will er sich nicht äußern. "Ich bin ja nun Wissenschaftler genug, um zu sagen: Vorsicht mit allem." Allerdings ist auch seine Tropfenforschung ungewöhnlich genug. Wie kommt ein Luft- und Raumfahrtexperte auf solche Ideen?

Alles habe mit jener Forschung angefangen, für die er den Körber-Preis bekam, erzählt Kröplin. Damals verfolgte er die Idee, fliegende Luftschiff-Plattformen als Sendestation für die Mobilkommunikation zu nutzen. Im Rahmen dieser Arbeit wollte er auch die umstrittenen Effekte der Mobilfunkstrahlung studieren. "Ich habe nach einem Stoff gesucht, der sich unter solchen Einwirkungen verändert." Als er auf die Tropfenbilder der Stuttgarter Künstlerin Ruth Kübler stieß, fing der gelernte Bauingenieur Feuer. Er begann, systematisch Tropfen unter dem Mikroskop zu untersuchen. Dabei entdeckte er, dass sich Speichel von Testpersonen unter dem Einfluss der Mobilfunkstrahlung zu verändern scheint – Grund genug für das Stuttgarter Wissenschaftsministerium, Kröplins Forschung mit knapp 300000 Euro zu fördern.

In seinem Institut fotografierte er fortan Rückstände tausender getrockneter Tropfen: von Wasser aus der Stuttgarter Leitung ebenso wie aus Heilquellen, Speichel, Blut und Urin von Hunderten Testpersonen. Unter dem Mikroskop offenbarten sich charakteristische Strukturen, die höchst ästhetisch aussahen. Doch ihre Reproduktion erwies sich als schwierig. Sie differierten nicht nur von Experimentator zu Experimentator, sondern auch von Tag zu Tag. Jeder andere Forscher hätte daraufhin wohl die Flinte ins Korn geworfen. Nicht so Kröplin.

Dass er die Herausforderung liebt, hat er schon als Vorstandsmitglied der visionären Cargolifter AG bewiesen, die mittlerweile pleite ging. Nun verfolgt Kröplin eine noch größere Vision. In ihm wuchs die Überzeugung, dass unter dem Mikroskop auch die Beziehung zwischen Tropfen und Experimentator sichtbar wird. Die beobachteten Strukturen, so seine These, verändern sich auf charakteristische Weise, je nachdem, wer die Flüssigkeit auf den Objektträger tropft – und in welcher Verfassung die jeweilige Person ist! "Der trocknende Tropfen erzeugt, wie ein Spiegel, ein Bild des Experimentators", postuliert Kröplin kühn. In der Wasserforschung müsse man diese Einflüsse berücksichtigen. Dann aber, verspricht er, könne man seine Effekte auch reproduzieren.

Mit der Reproduzierbarkeit ist das allerdings so eine Sache: Eine wissenschaftliche Publikation, anhand deren andere Labors Kröplins Behauptungen überprüfen könnten, gibt es (bislang) nicht. "Wo soll ich das denn veröffentlichen?", fragt der Tropfenforscher. Alle Versuche, Kollegen aus der Physik oder der Chemie für seine Arbeiten zu interessieren, seien gescheitert. "Das kann sich keiner vorstellen."

Damit hat er einen wunden Punkt getroffen. Kaum jemand wagt sich in die Grauzone zwischen Forschung und Esoterik. Fragt man etwa im "Kompetenzzentrum Wasser" in Berlin nach der Meinung zu levitiertem oder sonst wie behandeltem Wasser, bekommt man einen Stoßseufzer zu hören. "Das ist ein uferloses Thema", stöhnt der Bioverfahrenstechniker Bodo Weigert. Da gebe es unzählige unterschiedliche Phänomene und Theorien, "die mir allesamt nicht nachvollziehbar sind". Andererseits muss Weigert zugeben: "Wir haben das nicht untersucht."

Für die meisten Forscher sind mystisch anmutende Wassertheorien spätestens seit dem Fall Benveniste erledigt. Wie soll das Wasser auch Strukturen oder "Informationen" speichern, so fragen Naturwissenschaftler, wenn die Bindungen zwischen den H2O-Molekülen, die so genannten Wasserstoffbrücken, sich im Takt von milliardstel Sekunden umorientieren?

Auf solche Fragen weiß auch Bernd Kröplin keine Antwort. Welche Kräfte da genau am Werke seien, könne er nicht sagen. Er beobachte nur – und jeder sei eingeladen, sich vors Mikroskop zu setzen und die Strukturen anzuschauen. Genauere Erkenntnisse, etwa über die chemische Zusammensetzung der Rückstände, hat er nicht anzubieten. Er könne noch nicht einmal sagen, was die veränderte Ordnungsstruktur eines Tropfens nach einem Handygespräch bedeute. Er selbst habe jedenfalls seine zwei Handys nicht abgeschafft, bekennt der Vieltelefonierer. "Ich glaube nicht, dass elektromagnetische Wellen grundsätzlich verwerflich sind."

In seinen Texten schlägt Kröplin dennoch einen recht entschiedenen esoterischen Ton an. So formuliert er als Quintessenz seiner Forschung vollmundig, "dass sich materielle Anordnungen in Flüssigkeiten (…) durch geistige und emotionale Prozesse beeinflussen lassen". Den guten wissenschaftlichen Grundsatz, dass außergewöhnliche Behauptungen auch außergewöhnlicher Beweise bedürfen, lässt er dabei getrost außer Acht. Doch vielleicht, so fragt sich Kröplin selbstkritisch, seien seine großformatigen Bilder aus dem Innenleben der Wassertropfen ja am Ende auch "mehr Kunst als Wissenschaft"?

Andererseits: Wenn Kröplin Recht hätte, dann würde dies mit einem Schlag erklären, warum die Erforschung der geheimnisvollen Eigenschaften des Wassers so ein mühsames Geschäft ist. Sollte wirklich jeder Tropfen mit der Körperflüssigkeit des Experimentators kommunizieren, wäre es kein Wunder, dass skeptische Forscher andere Ergebnisse erhalten als jene, die inbrünstig etwa an ein "Gedächtnis des Wassers" glauben. So wird vermutlich auch weiterhin jeder im Wasser den Spiegel seiner eigenen Seele erblicken.