Nassforschers TräumeSeite 3/3

Die Konsequenz von Stanleys Gedanke: Das normale flüssige Wasser ist eine Mischung, in der die beiden Wasserformen nebeneinander existieren, ununterscheidbar. In der Sprudelflasche ist also nicht ein Wasser, es tummeln sich zwei darin. Eine Vorstellung, wie die beiden aussehen, haben die Forscher auch. Sie sollen verschieden dichte Arten des Glaswassers sein, das im Gegensatz zu den bereits entdeckten festen Glasformen aber flüssig ist.

Was wäre der Vorteil einer solchen Erklärung? „Damit könnten wir alle Anomalien erklären“, sagt Stanley. In der Nähe eines kritischen Punkts schlagen physikalische Größen wie Kompressibilität, Wärmeausdehnung und Heizbarkeit Kapriolen und wachsen ins Unendliche. Wasser würde also immer weicher, je näher man dem geheimnisvollen Punkt käme. Das Problem mit dem Bauchplatscher wäre gelöst. Auch das Dichtemaximum bei vier Grad wäre eine logische Konsequenz. Dort wäre im Wettstreit der beiden Wasserformen schlicht die dichtere Sorte im Vorteil – Problem Eisscholle gelöst. Genauso das Schlittschuhlaufen: Eine der neuen Wasserarten könnte auch diesseits des kritischen Punkts (minus 45 Grad) auf der Eisoberfläche präsent sein und die dünne flüssige Schicht bilden. Das Oberflächenschmelzen wäre damit ein Effekt, bei dem die Wasserzwillinge eine Rolle spielen könnten.

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Könnte, wäre, hätte, würde – direkte Beweise für seine Existenz wird der kritische Punkt schuldig bleiben. Wenn er existiert, liegt er im Niemandsland. Zwar lässt sich sehr reines Wasser bis auf minus 40 Grad abkühlen, ohne dass es gefriert. Doch unterhalb davon wird auch der sauberste Wassertropfen zu Eis.

Bleiben die Indizien, und davon gibt es einige. An der Universität Kiel hat eine Forschergruppe eine dichte Wasserart in der Umgebung von gefrorenen Zellwänden entdeckt. Physiker am Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart haben dichte Wasserschichten zwischen Eis und felsigem Untergrund gesichtet. Die Erklärung der Effekte ist die Erweiterung der Schlittschuhtheorie: An allen Grenzflächen könnte eine der neuen Wasserformen auftauchen. Bei dem Gedanken beginnen auch andere zu jubeln: Klimaforscher, Biologen, Gletscherforscher und Genetiker – sie alle hätten mit den fluktuierenden Wasserformen ein neues Werkzeug in der Hand, um ihre Probleme besser zu verstehen. Bisher ist in allen Rechnungen die Rolle des Wassers die große Unbekannte.

2000 Jahre, nachdem Aristoteles Wasser zum zentralen Element der Wissenschaft erhoben hat, herrscht in der Forscherequipe Aufbruchstimmung. Der Chemiker Alfons Geiger, der an der Uni Dortmund neue Wassermodelle berechnet, wagt sogar die schwärmerische Prognose: „Wir werden das Wasser bald verstanden haben.“

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 27.11.2003 Nr.49
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