Mancher Name ist eine Zumutung. Ronellenfitsch etwa. Oder Sünderhauf. Von Rescheiße ganz zu schweigen. Nomen est omen? Dazu müsste man erst einmal wissen, was das heißt. Aber man ist ja schon froh, wenn so ein Name halbwegs richtig geschrieben wird. Gott sei Dank gibt es Jürgen Udolph, Deutschlands einzigen Professor für Onomastik, vulgo: Namenkunde. Der kann helfen: Ronellenfitsch ist die Verballhornung des serbischen "Hraniloviƒ", worin das slawische chraniti steckt. Das heißt "retten, erlösen". Der Sünderhauf wiederum ist eigentlich ein Sinterhaufen, also ein Berg Schlacke. Und in Rescheiße erkennt der Onomastiker das Röscheisen: Der, der das Eisen röstet, "röscht", ist ein Schmied. Glück gehabt!

Die Nachfrage nach onomastischem Rat ist groß und machte Udolph zum Medienstar. Zumindest dort, wo man Radio Eins empfängt: in Berlin und Brandenburg. Seit genau fünf Jahren ist der heute 60-Jährige auf Sendung. Wenn werktags gegen Mittag der Jingle: Numen – Nomen – Namen. Das Namenspiel ertönt, laufen im Studio des Senders in Potsdam-Babelsberg die Telefone heiß. Derweil sitzt der Namenprofessor in seinem Büro in der Universität Leipzig und wartet darauf, dass man ihn anruft. "Heute möchte ein Herr Müller-Merbach wissen, woher der Mädchenname seiner Frau kommt: Sternsdorf", verrät dann die Redakteurin. Früher erfuhr Udolph den Namen live und hatte nur ein, zwei Lieder Zeit, um herauszufinden, was es damit auf sich hat. Das drohte unseriös zu werden. Jetzt bekommt er den Namen schon zehn Minuten früher. Immer noch knapp. Aber Sternsdorf klingt leicht.

Los geht’s. Zunächst sieht er nach, wie oft es den Namen gibt. Die Telefonbuch-CD-ROM sagt: 64-mal. Die kopiert er und legt eine neue CD in den Computer. "Was jetzt kommt, ist sensationell!" Es ist die illegale Kopie einer Telekom-CD, ein Schwarzbrand aus Polen. "Die hat einen unglaublichen Fehler, den wir nutzen wie wahnsinnig." Udolph kann es immer noch nicht fassen: Die CD stellt die Namen auf einer Deutschlandkarte dar. Blaue Kreuze auf dem Bildschirm zeigen, dass die meisten Sternsdorf in Berlin und Brandenburg wohnen. "Nun brauche ich bloß noch einen Ort gleichen Namens zu finden", freut sich Udolph. "Von dort kommt die Familie." Im Nebenzimmer steht das elfbändige Brandenburgische Ortsnamenbuch. Er geht rüber. Gemächlich. Leichtes Spiel heute. So scheint’s.

Bei den Mormonen lagern Familiendaten bombensicher

Jürgen Udolph studierte Slawistik und Finno-Ugristik. Sein Herz verlor er an die slawischen Gewässernamen, denen er die Doktorarbeit widmete: sechs Jahre und 640 Seiten lang. Ihr Untertitel lautet: Ein Beitrag zur Urheimat der Slawen (1979). Durch eine sprachwissenschaftliche Untersuchung der Flussnamen – "Das sind die ältesten Namen Europas, die sind viel älter als die heutigen Einzelsprachen" – konnte Udolph die ersten Siedler der verschiedenen Regionen bestimmen. Die Slawen, fand er heraus, kommen aus einem Gebiet nördlich der Karpaten, etwa zwischen der Bukowina und Krakau. "In Polen hört man das nicht gerne. Solch eine Heimat ist vielen zu klein. Man will bis zur Oder und Neiße."

Er kommt zurück. "Gar nicht einfach", sagt er kopfschüttelnd. "Es gibt in Brandenburg kein Sternsdorf." Nun sucht er im Internet ältere Belege, die zeigen, woher die Familie kommt. Familysearch.org verzeichnet zwei Milliarden Familiennamendaten; die Mormonen haben sie in Salt Lake City gespeichert, atombombensicher. Wie auf der schwarz gebrannten CD: Fast alle Sternsdorf tauchen in Brandenburg und Berlin auf. "Was ist das für ein komisches Ding?" Udolph gewinnt an Fahrt. Ob der Name aus der Neumark kommt, die heute polnisch ist? Eine Datenbank mit Polens 38,5 Millionen Familiennamen kennt jedoch bloß zwei Sternsdorf in Breslau, einen in Stettin. "Im Moment stehe ich auf dem Schlauch", gesteht er. "Das ist ungewöhnlich für einen Herkunftsnamen." Irgendetwas muss mit dem Namen passiert sein. Das "Stern" ist hineingedeutet. Dafür spricht auch das Fugen-s. "Komposita mit Stern kennen das nicht: Sternhaufen, Sternkarten, Sternnamen." Also noch mal schnell rüber zum Ortslexikon, ähnliche Namen suchen.

Nach der Dissertation in Göttingen kam er ans Gewässernamen-Archiv Deutschlands. Ihm, dem Slawisten, erschienen die Flussnamenbeziehungen zwischen Deutschland und Polen enger als bekannt. "Was ist eigentlich mit den Germanen los?", grübelte er und machte sich an die Arbeit. Zehn Jahre und 1034 Seiten später ("Meine Frau hätte mich beinahe erschlagen") lag das neue Buch vor: Namenkundliche Studien zum Germanenproblem (1996). Trotz des Titels ein brisantes Buch. Darin beerdigte er eine Theorie, "die heute noch in jedem Schulbuch steht". Nämlich die, dass die Germanen aus Skandinavien kamen. Wer die Orts- und Flussnamen untersucht, etwa auf bestimmte Suffixbildungen hin, findet die altgermanischen Namen fast alle am nördlichen Rand der deutschen Mittelgebirge. Dort, wo es sehr fruchtbare Böden gab. "Ich sage knallhart: Die These der germanischen Herkunft aus dem hohen Norden ist ein wissenschaftlicher Irrtum." Im Grunde sei sie eine Nazithese, die zu deren Rassenwahn vom blonden und blauäugigen Germanen passte.

Udolph kommt zurück. Er hat eine Spur. "Es gibt Stahnsdorf, wendisch. Wie spät ist es?" 12.04 Uhr. Stahnsdorf liegt bei Teltow, südlich von Berlin. Das passt gut zur Namensstreuung. Er atmet durch. Gibt es Stahnsdorf denn als Familiennamen? Ja, die liegen aber alle bei München. "Nicht unsere Ecke", ärgert er sich. Das Telefon klingelt. Er nimmt ab. Gleich geht’s los. Die letzten Takte der Waterboys: A Girl called Johnny. Udolph nutzt jede Sekunde: Vielleicht Stersdorf? Steerdorf? Oder ging ein H verloren? Fehlanzeige.