Schön billig (3): Reus in Spanien Ohne Gaudí, trotzdem heiter

Die katalanische Kleinstadt Reus überrascht mit Prachtbauten wie der modernistischen Casa Rull

Eine Reise in die sechziger Jahre. Oder nach Afrika. Eine Piste, eine kastenförmige Schalterhalle und ein junger , der in seiner etwas zu eckigen Uniform ein strenges Gesicht zu machen versucht. Aeropuerto de Reus. Hier sollen täglich zwei internationale Linienflüge ankommen? Immerhin, das Betongerippe der neuen Abflughalle steht schon. Und zu den internationalen Autovermietern hat sich ein lokaler gesellt. »Seit vier Wochen«, sagt die junge Frau mit einem ungeduldigen Blick auf ihren Kollegen, der mit der Tastatur kämpft. Nach ein paar hundert Metern hat die Straße westeuropäischen Standard. Und in fünf Minuten ist man in der Stadt. Sehr praktisch.

Menschenleer liegt die mittelalterlich enge Plaça Mercadal da. Das Rathaus (in sozialistischer Hand), daneben der Sitz der Nationalisten, die wuchtig verzierte Casa Navàs, dann ein weißer Betonquader, schmucklos, die Scheiben schwarz verhangen. »Das war mal eine Bank«, sagt Teresa Pallarès Piqué, Stadträtin für Handel und Tourismus. »Und bald wird es die Capsa Gaudí sein.«

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Gaudí: der Name einer Demütigung, die Reus bis heute nicht verwunden hat. Antonio Gaudí i Cornet, Sohn der Stadt, zog mit 16 nach Barcelona – und wurde dort der berühmte Architekt Gaudí. Mit einem interaktiven Museum will Reus den Mann heimholen, der seiner Heimatstadt nichts als eine verblichene Skizze für die Renovierung einer Kirche hinterließ (die nicht einmal durchgeführt wurde). »Será una oferta brutal«, frohlockt Pallarès Piqué in Vorfreude auf den neuen Magneten, »das wird ein Hammer-Angebot!« Bislang hat Reus es hingenommen, dass die Pauschalfliegermassen von seinem Flughafen aus direkt an die elf Kilometer entfernte Costa Dorada strömten und die Stadt links liegen ließen. Aber die Billigflieger sind eine neue Chance. »Diese Leute wollen nicht nur Sonne und Strand«, redet sich die Stadträtin warm, »und allein Ryan Air will jedes Jahr 80000 Menschen bringen!« In ein paar Wochen wird sie nach Deutschland fahren, »um herauszubekommen, was die Leute dort wollen«.

Vielleicht wollen sie einfach genau das: eine Stadt wie Reus. Warum fühlt sich die Stadt so gut an? Schon die unzerstörte Altstadt macht Besucher aus Deutschland neidisch. Die engen Gassen, die über einem zusammenzuwachsen scheinen. Die großzügigen Plätze, die alle paar Schritte den Blick auf den makellosen Mittelmeerhimmel eröffnen. Dann der Reus-spezifische modernisme, die katalanische Variante des Jugendstils. Nicht so elegant wie Barcelona, dafür prall und variantenreich. Die psychiatrische Klinik Pere Mata wirkt so bunt und heiter, dass schon das Gebäude einen von der Schwermut zu heilen vermag. Doch vielleicht heißt das Geheimnis auch Rhythmuswechsel. Ein alt eingesessener Herrenausstatter mit messingblitzender Fassade neben Benetton. Ein katholischer Devotionalienhändler neben einem Geschäft, in dem das Outfit zu bis auf die Straße wummernden Techno-Beats verkauft wird. In einem Nebenraum der großen Markthalle hat sich Lidl niedergelassen. Solch betulichen Touristenbummel sollte man tunlichst auf die Zeit vor 17 Uhr legen. Denn kaum ist die Siesta zu Ende, wirkt es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Plötzlich schieben sich Massen von Menschen durch die Gassen.

Jetzt, im Spätherbst, wird es früh dunkel. Die riesenhafte Plaça de la Llibertat liegt noch ein wenig nutzloser da als im Sonnenschein – ein gigantischer Granitdeckel für die Mutter aller Tiefgaragen. In einer Ecke üben Kinder Tricks auf dem Skateboard, so lange sie die eigenen Füße noch sehen können. Ein paar Meter weiter lodern Holzscheite in einem alten Ölfass. Halbwüchsige, denen der Widerschein des Feuers Verwegenheit ins Gesicht gemalt hat, rösten Esskastanien und Süßkartoffeln. Eine Warteschlange windet sich wie eine kleine Prozession um die Feuerstelle. Die Leute haben Frotteehandtücher mitgebracht, um die Gluthitze bis nach Hause zu bringen, dazu gibt es eine Flasche süßen Moscatel-Wein. Über der ganzen Stadt liegt dieser Geruch von kokelndem Holz. Die Schaufensterdekorationen wollen zwar weismachen, es sei Halloween, aber in Spanien kommt vor Allerheiligen immer noch die castañada, mit der sich die Schulabgänger ihre Abschlussreise finanzieren.

Die Dame in der Tourismus-Information taxiert den Besucher aus dem Norden nur knapp und weiß sofort, was er braucht: die Ferretería. »Da bekommst du auch schon vor zehn Uhr abends etwas zu essen.« Und wie: klitzekleine Siurana-Oliven aus der Region; viel Kern, wenig Fleisch, aber die Mühe lohnt sich. Montaditos, kleine, knusprige Brote mit Leberpastete, Tunfischcreme oder Räucherfisch, Patatas Bravas und Hühnerflügel, die auf der Zunge zergehen. In den fünf Meter hohen Wandregalen der ehemaligen Eisenwarenhandlung lagern alte Glühbirnen, Ölkännchen oder kiloschwere Muttern neben Weinflaschen aus der Rioja, Ribera del Duero und dem nahen Priorat.

Reus, das ist auch sein Umland. Uralte Olivenhaine und Weingärten. Die grüne Ebene des Baix Camp. Das Hügelland des Priorat. Dann schroffe Bergkämme, Täler mit sattem Laubwald. Gratallops liegt auf einer kahlen Anhöhe. Die Häuser der Winzer ducken sich hinter einem Erdwall. Die Straßen sind ungepflastert. Der Celler Cecilio liegt ziemlich versteckt, der Winzer heißt August Vicent i Robert und ist ein feiner Herr mit randloser Brille. Er hat einen wunderbaren Crianza zu bieten, kräftig, erdig, mit einem zarten Aroma von Waldbeeren. »Früher habe ich viel nach Deutschland verkauft«, sagt er, »aber Sie wissen ja selbst, wie es der Wirtschaft da heute geht…« Gleich nebenan betreiben die Winzer von Gratallops gemeinsam ein Restaurant, eine unscheinbare Bauernstube mit schlichten Kiefernholz-Möbeln. Aber in der Küche muss ein Künstler der katalanische Landküche am Herd stehen: allein seine gegrillten Entenflügel auf Frischkäse, mit einem feinen Strich aus Tomatenmarmelade bemalt…

Kartäusermönche brachten einst den Wein ins Priorat. Von 1194 bis zur Säkularisierung 1835 unterwiesen sie die Bauern in der Kunst des Weinbaus. Zu besonderer Beliebtheit scheint ihnen das nicht verholfen zu haben: Schon wenige Tage nach ihrem Abzug plünderten die Einheimischen das Kloster Scala Dei und brannten es bis auf die Grundmauern nieder. Der Weinkeller der Kartäuser blieb verschont. Der Bodega mit ihren dicken Feldsteinmauern sind die Jahrhunderte anzusehen. In einem düsteren Gewölbe verkaufen an einer langen, grob bearbeiteten Theke zwei ältere Damen die Flaschenweine von Scala Dei. Es ist der bekannteste des Priorats. Weiter hinten steht ein pechschwarzes, gedrungenes Fass, so groß wie ein Lieferwagen. Daraus kann man sich den Kanister volllaufen lassen. Oder einen Lederschlauch erstehen. Und draufloswandern. Einfach einem der grünen Schilder auf einen Wanderweg folgen.

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