Druschnaja/Weissrussland

Wenn Dietrich von Bodelschwingh auf die zwölf Jahre Arbeit des Vereins Heim-statt Tschernobyl zurückschaut, vermischt sich das Understatement mit dem Erstaunen darüber, dass seine karitative Idee eine Kettenreaktion von guten Taten, aber auch manche Probleme hervorgerufen hat. "Wir sind da ziemlich reingeschlittert", sagt der 64 Jahre alte pensionierte Theologe. Seine Hände gestikulieren, als wollten sie alle Aufgaben, von denen er erzählt, sogleich anpacken.

Als der Eiserne Vorhang 1990 bereits große Rostlöcher aufwies, reiste Bodelschwingh mit seiner Familie zu einer Radtour in die weißrussische Sowjetrepublik. Er wollte dem Leid des Zweiten Weltkriegs nachforschen, in dem jeder vierte Weißrusse umgekommen war. "Doch viele Menschen sagten zu uns: Wir haben hier längst den Dritten Weltkrieg", erzählt er. Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl lebten mehr als zwei Millionen Menschen auf verseuchtem Boden. Damals brach eine Woge der Hilfsbereitschaft los und trug Zehntausende weißrussischer Kinder zu Gastaufenthalten nach Deutschland. Nach ein paar Wochen kehrten sie in ihre verstrahlte Heimat zurück.

Bodelschwingh entschloss sich, im Land selbst und dauerhaft zu helfen. Sein Großonkel Gustav hatte vor gut siebzig Jahren als Missionar aus Afrika die Lehmbauweise nach Deutschland gebracht. Wie einst in Ostwestfalen und im Ruhrgebiet sollten nun im unbelasteten Norden Weißrusslands Lehmhäuser im gemeinschaftlichen Selbstbau entstehen. Familien aus der Gegend von Tschernobyl sollten dort die Früchte ihrer Gärten endlich ohne Angst essen können.

Im Jahr 1993 bauten Zimmerleute und wandernde Gesellen aus Deutschland im freiwilligen Einsatz gemeinsam mit den Umsiedlern die ersten fünf Häuser von Druschnaja. Das "freundschaftliche Dorf" liegt auf einer Anhöhe oberhalb des Narotsch-Sees nördlich der Hauptstadt Minsk. Die Umsiedler verließen ihre verstrahlte Heimat, weil die Krankenakten ihrer Kinder immer dicker wurden: Schilddrüsenkrebs, Asthma, Ohnmachtsanfälle, allgemeine Immunschwäche. Heute wohnen 31 Familien in den ockergelb, rostrot und hellblau gestrichenen Häusern. Es gibt ein Gemeinschaftshaus, eine Schreinerei und eine Klempnerei mit ausgemusterten deutschen Werkbänken. Ein zweites Dorf für Tschernobyl-Flüchtlinge entsteht im 150 Kilometer entfernten Lepel.

Die Hilfe war rund um Druschnaja nicht immer gern gesehen. Bald beschwerten sich die Bewohner der Nachbardörfer über die deutschen "Paläste" mit fließendem Wasser und Toilette im Haus. Die Umsiedler galten als verstrahlt. Bodelschwingh erkannte, dass er sich auch um ihre Integration und Projekte für die anderen Dörfer kümmern musste. Der Verein errichtete im Hauptort Sanarotsch ein Arzthaus und baute die im Krieg zerstörte Kirche wieder auf. Geschenklieferungen aus Deutschland lehnt Bodelschwingh dagegen ab, nachdem die Einwohner von Sanarotsch einmal binnen weniger Stunden einen Lastwagen mit Kleidung und Päckchen wie im Rausch leer räumten.

Der Verein setzt darauf, die Eigeninitiative anzuregen. Doch die Hoffnung, einige Umsiedler würden eine Lehmbaubrigade gründen, trog. Die Gesetze und Behörden Weißrusslands ersticken fast alle Ansätze von Privatwirtschaft. Zudem lasten "400 Jahre Zarenherrschaft" auf den Menschen. "Man muss immer dranbleiben", resümiert Bodelschwingh die Mühe der Projektleiter.