Westbank In Palästina, hinter der Mauer

Die Zeit nach Arafat hat begonnen. Zwischen Ramallah und Nablus nehmen die Bürger ihre Zukunft in die eigene Hand

Ramallah/Kalkilja

Noch zwölf Tage bis Genf. Jassir Rabbo schaut auf seine ausgestreckten Finger und zählt. Sechs, acht, zehn, zwölf – zwölf ganze Tage noch, bis er am 1. Dezember in der Schweiz gemeinsam mit seinem israelischen Partner Yossi Beilin der Weltöffentlichkeit den neuesten Friedensplan für den Nahen Osten vorstellen wird. Kein Regierungsdokument, ein Privatfrieden sozusagen, ausgehandelt zwischen ihm, Rabbo, dem Weggefährten und engen Vertrauten von PLO-Chef Arafat, und Beilin, dem linken Politiker und ehemaligen Justizminister. Rabbo mag gar nicht daran denken, was bis zum 1. Dezember noch alles schief gehen kann, was das Genfer Treffen in letzter Minute torpedieren könnte: ein neuer Selbstmordanschlag, eine große Militäraktion der Israelis.

Unablässig schrillt eines seiner Telefone, immer wieder springt die Tür auf, stürmen Mitarbeiter in sein Büro, wollen dies und das wissen. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegt das Vertragswerk, das Genfer Abkommen, 47 Seiten plus zwei Karten. Die eine zeigt den Grenzverlauf eines möglichen palästinensischen Staates, die andere die Aufteilung der heiligen Stätte von Jerusalem (siehe Seite 7). Es waren schwierige Gespräche, Fachleute wurden hinzugezogen, Dutzende Karten gewälzt, und immer wenn die Sitzungen zu platzen drohten, griffen die Schweizer ein und haben vermittelt.

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Nur ein weiteres Dokument? Zum Scheitern verurteilt, weil auf beiden Seiten keine Regierungsmitglieder am Tisch saßen? Niemand könne voraussagen, sagt Rabbo, ob dieses Genfer Abkommen je einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern besiegeln werde. Aber so viel sei sicher: An diesem Dokument komme künftig kein Verhandlungspartner vorbei. Es ist so detailliert, so genau, wie keines zuvor. Es beschließt zudem das Aus für die meisten Siedlungen und findet auch eine Antwort auf die besonders heikle Frage: Haben Millionen palästinensischer Flüchtlinge ein Recht auf Rückkehr nach Israel? Nein, sagt das Abkommen.

Seit Wochen weckt dieser Friedensvertrag in beiden vom Krieg zermürbten Gesellschaften große Hoffnungen. Die Regierenden in Ramallah und Jerusalem stehen unter Druck; ihnen traut keiner mehr eine Lösung zu, sie haben sich zu sehr ineinander verhakt. Eine täglich wachsende Zahl von Palästinensern und Israelis unterstützt das Genfer Vorhaben, das nicht aus dem Zentrum der Macht kommt. Vier ehemalige israelische Geheimdienstchefs, hochrangige Militärs, der amerikanische Außenminister Colin Powell und die Europäer haben sich zustimmend geäußert. Der ehemalige US-Präsident Jimmy Carter und Nelson Mandela wollen am 1. Dezember in Genf dabei sein – wenn denn bis dahin alles gut geht.

Wieder wird die Tür zum Büro von Jassir Rabbo aufgerissen. Mit großen Schritten eilt seine Sekretärin herbei und reicht ihm ein Fax. Rabbo liest es, für kurze Zeit wandern seine Augen hinaus aus dem Fenster über die Hügel von Ramallah, dann steckt er das Blatt mit einem Blick der Verachtung in den Reißwolf. Die in London erscheinende Zeitung al-Quds al-Arabi hat gemeldet, dass Radikale in den palästinensischen Flüchtlingslagern Unterschriften gegen das Abkommen sammeln. Der Grund: Sie bestehen auf einer Rückkehr nach Israel. Einen Moment ringt Rabbo um Fassung, dann sagt er ruhig und nachdrücklich: „Wir gehen nach Genf, die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Auch Salam Ghadban hofft. Aber nicht nur auf Genf, auf ein Ende der Besatzung, auf einen eigenen Staat. Sie hofft auch auf Wahlen, auf eine freiere Gesellschaft und darauf, dass endlich jüngere, modernere Leute Palästina regieren. Die Computerexpertin aus Ramallah misstraut Rabbo, Arafat und all den „alten, korrupten Männern, die nach Jahrzehnten des Exils nach Palästina zurückgekehrt sind, um ihr Volk zu regieren, das sie längst nicht mehr verstehen“. Fast die gesamte PLO-Führung kam während des Oslo-Prozesses Mitte der neunziger Jahre aus Tunis und Europa heim. Salam Ghadban hat Ramallah nie verlassen. Auf dem Tischchen neben ihrem Sofa stehen Fotos, die sie mit Arafat zeigen. „Erinnerungen“, sagt sie und lacht. Sie kennt Arafat gut, und auch alle anderen Führer der PLO,„aber jetzt ist deren Zeit vorbei“.

Die 48-Jährige, die an der Bir-Zeit-Universität Informatik lehrt, stammt aus einer alteingesessenen Familie im Westjordanland. Fast ihr ganzes Leben lang war sie politisch aktiv. Anfangs bei den Kommunisten, dann in der Frauenbewegung, längst ist sie in die politische Mitte gerückt. „Wir sind eine Gesellschaft“, sagt sie, „die stets zwischen Zuversicht und Depression hin- und herschwankt.“ – „Und zwischen Widerstand und Anpassung“, schaltet sich der Dichter und Journalist Ghassan Zaqtan ein. „Mal arrangieren wir uns mit den Besatzern, machen sogar Geschäfte mit ihnen, mal werfen wir Steine und schießen. Wir leben in Absurdistan.“

Mit wenigen Strichen malt Salam Ghadban ihre Sicht der Dinge auf ein Blatt Papier. In die Mitte stellt sie das palästinensische Volk, umzingelt und heftig bedrängt von drei Kreisen. Der erste symbolisiert die israelischen Besatzer, der zweite Arafat und seine Autonomiebehörde, der dritte die radikalen Islamisten von Hamas und Dschihad. „Und wer leidet in diesem Volk am meisten?“, fragt Salam Ghadban und gibt die Antwort selbst. „Die Frauen!“ Sogleich zieht sie Untersuchungen aus der Schublade, die belegen, dass als Folge der Okkupation Gewalt und Aggression unter palästinensischen Männern rasant zunehmen. Die Opfer sind Ehefrauen, Schwestern und Töchter.

Die Palästinenserinnen, sagt Salam Ghadban, litten auch unter Arafat & Co. Diese Clique hätte nach der Machtergreifung die Frauen, die in den siebziger und achtziger Jahren noch die treibende Kraft in der Gesellschaft waren, an den Rand gedrängt. Und auch die Islamisten unterdrückten zuvörderst die Frauen. Vor kurzem hat sie sich wieder einmal mit einer Freundin in die Innenstadt von Ramallah gesetzt und junge Mädchen gezählt, die kein Kopftuch tragen. Es waren weniger als noch vor zwei, drei Jahren.

„Wir Palästinenserinnen“, sagt Salam Ghadban, „haben großen Einfluss darauf, ob unsere Gesellschaft frei und demokratisch wird. Wir müssen unsere Zukunft in die eigene Hand nehmen.“ Deshalb hat sie eine Initiative gegründet, die Frauen darin bestärken will, zur Wahl zu gehen. „Sie sollen sich dabei immer vor Augen halten, was sie sich von ihrem Leben erhoffen.“ In mehreren Städten richtet Ghadban außerdem Computerkurse für Frauen ein, und schon bald soll ein Internet-Zentrum auf vier Rädern bis in die entlegensten Dörfer vorstoßen – wenn es die Checkpoints denn passieren darf.

Die täglichen Kontrollen sind aus dem Leben des Arztes Dschihad Maschal nicht mehr wegzudenken. Soeben hat er im Radio von neuen Friedensplänen gehört und von bevorstehenden Treffen in Genf. Maschal hat sofort neue Hoffnung geschöpft und will gleich am Sonnabend mit israelischen Kollegen darüber sprechen. Einmal in der Woche kommen Ärzte aus Tel Aviv um auszuhelfen. Maschal leitet ein kleines Gesundheitszentrum mitten in Kalkilja, einer 40000-Einwohner-Stadt im Westjordanland. Das Zahnarztzimmer und die Kinderstation im Erdgeschoss wurden soeben mit güner und blauer Farbe frisch gestrichen, im ersten Stock ist die Gynäkologie untergebracht. Kindern und Frauen gilt die besondere Fürsorge. „60 Prozent unserer Bevölkerung sind unter 19 Jahre alt“, sagt er. Tag für Tag schwärmen seine 14 Mitarbeiter und viele freiwillige Helfer aus und unterrichten junge Frauen in Familienplanung und Gesundheitsvorsorge. „Wir sehen uns nicht nur als ein medizinisches, sondern auch als soziales Zentrum, wir sind eigentlich eine Bürgerinitiative“, sagt er. „Wir Palästinenser müssen endlich lernen, uns um soziale Belange selber zu kümmern. Wir dürfen das nicht den Vereinten Nationen oder der radikalen Hamas überlassen. Die Juden haben sich damals unter der britischen Knute auch selbst organisiert. Warum schaffen wir das nicht?“

Es gibt noch andere, die das hinbekommen. Palästinas Islamisten haben zuerst erfolgreich ein soziales Netz geknüpft und dann ihre politische und militärische Macht ausgebaut. Sie betreiben Vorschulen und Krankenstationen. Im Stadtzentrum begegnet man vielen jungen Frauen, die ihr Gesicht ganz verschleiern. Dschihad Maschal will mit seinem Gesundheitszentrum ein Gegengewicht bilden. „Die Frauen sind nicht besonders religiös“, sagt er, „aber in Ihrer Not suchen sie Halt bei den Islamisten.“ Und die Not in Kalkilja ist groß.

Dschihad Maschal fährt an diesem Nachmittag mit seinem Ambulanzwagen auf einem holprigen Weg in Richtung Habla. Das kleine Dorf ist nur zwei Kilometer entfernt, man kann es bereits auf der nächsten Anhöhe sehen, es liegt zum Greifen nahe. Die Straße führt vorbei an Orangenhainen und Gemüsebeeten hinab in eine Talsenke – und findet dort ein jähes Ende. Ein etwa zehn bis fünfzehn Meter breiter Streifen, bestehend aus zwei bis drei Meter hohen Stacheldrahtzäunen, Sandwegen, Betonpisten und einem Gitter mit elektronischem Überwachungsgerät, durchschneidet die Straße, durchschneidet die anliegenden Felder und Olivenhaine. Ein Schild warnt in hebräischer, arabischer und englischer Sprache vor „tödlicher Gefahr“.

Auch auf den Nachbarwegen ist kein Durchkommen; sie enden entweder am Stacheldraht oder an der drei Kilometer langen und acht Meter hohen grauen Betonmauer, an der jede 500 Meter Soldaten aus einem Wachturm herunterschauen. Die Israelis haben zum Schutz vor Selbstmordattentätern diesen Sperrzaun errichtet – hier in Kalkilja , um Ramallah herum und an vielen anderen Orten des Westjordanlandes. Die amerikanische Regierung hat dagegen protestiert, ebenso die Europäer und viele Israelis. Der Zaun sei nur ein Provisorium, sagt die Regierung in Jerusalem; Premier Scharon wolle Fakten setzen, die Palästinenser mürbe machen und eine endgültige Grenze ziehen, sagen andere.

Wie dem auch sei, die 40000 Einwohner von Kalkilja sind seither eingesperrt. Sie gelangen nur noch über eine Straße hinaus, im Norden der Stadt. Und ob ihnen dies gestattet wird, entscheiden israelische Soldaten am Checkpoint. Dschihad Maschal muss für die ehemals zwei Kilometer lange Strecke in das Dorf Habla jetzt erst Richtung Norden fahren und dann außen am Zaun entlang zurück in Richtung Süden. Wenn alles gut geht, erreicht er seine Patienten in 45 Minuten. Oft geht aber nicht alles gut, wie auch an diesem Tag.

An einer Wegkreuzung halten israelische Soldaten sämtliche Fahrzeuge mit palästinensischen Kennzeichen an, selbst die Krankenwagen werden auf einen großen Parkplatz dirigiert; nur die Siedler und alle Autos mit israelischen Nummernschildern dürfen unbehelligt passieren. Zwei kleine, schwer bewaffnete Soldatentrupps laufen hin und her und fuchteln mit den Maschinenpistolen. Polizisten mit Spürhunden jagen die Leute aus den Fahrzeugen und treiben sie quer über die Straße. „Lauft, lauft“, schreien sie, „schaut euch nicht um.“ Über den Köpfen kreist und knattert ein Hubschrauber. Von einer kleinen Anhöhe aus nehmen Soldaten die Leute aus den Ambulanzen ins Fadenkreuz. Gehen sie einen Schritt nach links, folgen ihnen die Gewehre nach links, gehen sie nach rechts, folgen sie ihnen dorthin. Die Heckklappen der Ambulanzen werden aufgerissen und die Tragen mit den Kranken auf die Straße geschoben. Junge Soldatinnen kriechen in und unter die Fahrzeuge, alles nehmen sie auseinander, selbst die Innenverkleidung der Ambulanzen. Sie sagen, es habe eine Bombendrohung gegeben.

Auch die Busse werden angehalten, die Passagiere müssen aussteigen, jeder Einzelne wird kontrolliert. Auf der anderen Seite des Checkpoints dürfen sie nicht wieder einsteigen, die Busse werden nach oben auf den Berg geschickt. Selbst die Alten und Lahmen müssen sich in der sengenden Mittagshitze den steilen Hang hochschleppen. Wenn Palästinenser von täglicher Demütigung sprechen, dann meinen sie solche Szenen.

Wenige Kilometer von Ramallah entfernt, auf einem Hügel über dem Dorf Kober nahe der berühmten Bir-Zeit-Universität trotzen zwei Dutzend Menschen schon lange den Widrigkeiten ihres Lebens und planen weit in die Zukunft. Die Kunde von neuen Friedensinitiativen hat ihnen wieder Schwung verliehen. Bereits im Dezember will der Schriftsteller Mazen Saadeh sein neues Haus beziehen, wenige Monate später werden ihm der Dichter Ghassan Zaqtan, der Karikaturist Bahaa Bokhari und weitere Künstler folgen. Am Ende sollen hier, 885 Meter über dem Meer, 30 Häuser stehen, ein Amphitheater für 1500 Zuschauer, ein Gästehotel, ein großes Tagungszentrum mit Bühne, Werkräumen, Tanzhalle und Kino.

Die Bauherren erfüllen sich hier ihren Traum von einem internationalen Künstlerdorf. Mitte der neunziger Jahre kamen Saadeh und Zaqtan aus dem Exil zurück und haben sich diesen Berg gekauft, für sehr wenig Geld damals, denn niemand sah hier eine Zukunft. Saadeh und Zaqtan warben Freunde für ihre Vision und werkelten selbst in jenen Besatzungsjahren weiter, als es fast unmöglich war, Baumaterial über die Checkpoints zu transportieren. Auf vielen Hügeln in und um Ramallah herum wird inzwischen gebaut. Trotz aller Checkpoints und Restriktionen – in den vergangenen fünf Jahren haben die Palästinenser im Westjordanland doppelt so viele Häuser errichtet wie in den 50 Jahren zuvor. Eigentlich ein Zeichen der Zuversicht.

 
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