Terrorismus Heimlicher Hass

Islamistische Netzwerke in Deutschland agieren unter dem Schutz der Religionsfreiheit

Berlin, Al-Quds-Tag, der „Tag zur Befreiung Jerusalems“. In der deutschen Öffentlichkeit ruft dieses Datum kaum Beunruhigung hervor – obwohl es von islamistischen Gruppen in Deutschland schon seit Jahren zelebriert wird. Dieses Mal, unter dem Eindruck der Terroranschläge in der Türkei, stand die Demonstration unter besonderer Beobachtung der Polizei und der Medien. Ein Aufruf vor allem linker Gruppen – er wurde auch von der Grünen-Vorsitzenden Angelika Beer unterschrieben – hatte vor der „antisemitischen“ Stoßrichtung der Quds-Bewegung gewarnt und darauf hingewiesen, dass der Schirmherr des diesjährigen Al-Quds-Tags Ajatollah Chamenei sei, der Führer der theokratischen Hardliner in Teheran.

Die Veranstalter der Berliner Demonstration, an erster Stelle die Delmenhorster Gemeinde Islamischer Weg, verwenden große Anstrengungen darauf, den politischen Charakter ihrer Bewegung zu kaschieren. Den Teilnehmern ist ein Schweigegebot auferlegt, an das sich die etwa 850 Demonstranten, streng geteilt in einen Frauen- und einen Männerblock, mit demütiger Disziplin halten. Aus einem Lautsprecher schallt die unablässige Beteuerung, man wünsche Frieden für alle Menschen, ob Muslime, Juden oder Christen, wende sich nur gegen das Unrecht, das von einer „kleinen Clique“ von „Zionisten“ am palästinensischen Volk verübt werde.

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Alles nur Camouflage? Die Bilder von Chomeini und Chamenei, die Mädchen mit den Stirnbändern, auf denen in scheinbar unverfänglicher religiöser Sprache und in arabischen Schriftzeichen die „großen Märtyrer“ gepriesen werden, eine libanesische Fahne, die auf die Präsenz von Anhängern der Hisbollah hinweist – all das vermittelt den Eindruck, dass eine geschickte Regie nur so viel von der wahren Botschaft der Veranstalter durchblicken lässt wie nötig. Das Schweigen der Demonstranten – Muslime türkischer, arabischer und iranischer Herkunft – verstärkt diesen Eindruck des Klandestinen. Es gibt eine Wahrheit, die man den Ungläubigen da draußen mitteilt, eine andere für die fest verschweißte Gemeinde der „Schwestern und Brüder im Islam“.

Frieden als Verrat

Bei der Abschlusskundgebung fällt für einen Moment die Maskerade. Zwischen der Rezitation von Koran-Suren und einam artigen „Danke schön“ an die Berliner Polizei, die den Demonstrationszug „begleitet und beschützt“ hat, wird eine „Resolution“ verlesen. Sie verdammt nicht nur Israel und seine Helfershelfer, die „westlichen Imperialisten“, sondern auch die „Kollaboration“ der PLO mit den Feinden des Islams. Gemeint ist im Klartext: Jede Friedensregelung, die das Existenzrecht Israels einschließt, sei Verrat. Gepriesen wird ausdrücklich der „islamische Widerstand“ in Palästina, also der Terrorismus von Hamas. Das ist extremistische Propaganda, sorgfältig verpackt in die Darstellung inbrünstiger, aber friedfertiger Frömmigkeit – wie filtert man das eine aus dem anderen heraus? Wie gefährlich ist diese Mischung aus Glaube und politischer Militanz für einen demokratischen Staat, der sich gegen seine Feinde wehren muss, ohne das Gebot religiöser Toleranz zu verletzen?

Die überwältigende Mehrheit der Muslime in Deutschland hat sicher mit radikalen politischen Bestrebungen nichts im Sinn. Doch es kann auch nicht ignoriert werden, dass islamistische Netzwerke ihren Einfluss auf die muslimischen Gemeinden beständig ausweiten. Freilich: Selbst da, wo islamistische Parallelgesellschaften entstehen, muss man noch lange keine Brut- und Rekrutierungsstätten des Terrorismus vermuten. Es bilden sich dort aber Grauzonen, die vom Licht der demokratischen Öffentlichkeit abgeschottet sind, wo religiöse Metaphorik von Außenstehenden kaum noch von politischer Agitation zu unterscheiden ist.

Eine im Frühjahr dieses Jahres vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur veröffentlichte Studie über Demokratiegefährdende Phänomene hat den Einfluss islamistischer Bewegungen am Beispiel des Stadtteils Kreuzberg-Friedrichshain nachzuzeichnen versucht. Organisationen wie die von türkischen Islamisten initiierte Islamische Gemeinschaft Milli Görus seien – zunehmend erfolgreich – bestrebt, „islamisierte Räume“ zu schaffen, in denen die strenge Auslegung religiöser und moralischer Normen des Islams für alle Angehörigen der muslimischen Gemeinde zur Pflicht werde. Dabei verschleiere Milli Görus systematisch „Strukturen und organisatorische Verantwortlichkeiten“.

Die Studie registriert eine wachsende soziale Pression innerhalb der muslimischen Gemeinde, sich dem Zwang zum Moscheebesuch oder zum Tragen des Kopftuchs zu unterwerfen. „Über ein Netz von sozialer Kontrolle“, so die Studie, „wird dabei auch subtiler Druck ausgeübt. Manchmal genügt bereits ein dezenter Hinweis, damit ein kleiner Lebensmittel- und Getränkehändler alle Alkoholika aus dem Regal verbannt oder nur noch unter der Ladentheke verkauft.“ Vor allem Kinder und Jugendliche sind solcher Beeinflussung ausgesetzt. Die Zahl der Kinder, die die Moschee besuchen müssen, habe sich, wie ein Sozialarbeiter berichtet, in der von ihm betreuten Gegend in den vergangenen zehn Jahren um ein Vielfaches auf jetzt 70 bis 80 Prozent erhöht.

Rückzug in eine Gegenwelt

In der Moschee wird ihnen dann gesagt, welche Jugendfreizeit-Einrichtungen sie meiden sollten, aber auch, welche Süßigkeiten als haram, also unrein zu gelten haben, weil in ihnen Gelatine enthalten sei, die aus Knochen vom Schwein stamme. Internet-Seiten wie muslim-markt.de bieten Anweisungen und Ratschläge für das tadellose muslimische Verhalten in allen Lebenslagen. Mädchen erscheinen in wachsender Zahl mit Kopftuch in der Schule und melden sich vom Turn- und Schwimmunterricht ab.

Die Abwendung von der Mehrheitsgesellschaft folgt einem einfachen Muster: Wir Muslime, wird den Gläubigen suggeriert, bilden die überlegene Kultur und müssen uns vor allen schädlichen Enflüssen „der anderen“ reinhalten. Dieses Angebot einer klar definierten Identität nutzt der politische Islam für seine Zwecke – aber die „Islamisierung“ sei, wie die Berliner Studie betont, keineswegs nur auf die direkte Einwirkung von Agitatoren zurückzuführen. Sie vollzieht sich auch als eine Art kultureller Selbstläufer, ist eine kollektive sozialpsychologische Reaktion auf die erfahrene Geringschätzung durch die deutsche Gesellschaft. Jugendliche türkischer und arabischer Herkunft suchen in der vermeintlich fest gefügten Gemeinschaft des Islams Kompensation für ihre Verlorenheit. Der Rückzug in die scheinbar intakte Gegenwelt der muslimischen Kultur ist der Versuch, das demütigende Gefühl des Ausgeschlossenseins in eine positive Selbstwahrnehmung der Besonderheit zu verwandeln. „Ich war in der Moschee. Ich bin was ganz Tolles. Ich bin der Bessere“, fasst ein Kreuzberger Sozialpädagoge das Motto eines jugendlichen „Trotz-Fundamentalismus“ zusammen.

Die islamistischen Netzwerke bieten den Jugendlichen einerseits eine konkrete Orientierung im Alltagsleben an, stellen andererseits aber auch ein umfassendes politisches Welt- und Feindbild bereit. Hassreden und Verschwörungstheorien über „die Juden“ – zwischen Juden und Israelis wird schon lange nicht mehr unterschieden – gehörten, wie die Berliner Studie beklagt, zum selbstverständlichen Jargon vor allem der arabischen, aber auch der türkischen Jugendszene. „Die Muslime“ als eine fiktive homogene Einheit stehen in dieser Sicht immer als die Opfer da, befinden sich gegen eine Welt von böswilligen Unterdrückern stets im Recht.

 
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