Terrorismus Heimlicher HassSeite 2/2
Rückzug in eine Gegenwelt
In der Moschee wird ihnen dann gesagt, welche Jugendfreizeit-Einrichtungen sie meiden sollten, aber auch, welche Süßigkeiten als haram, also unrein zu gelten haben, weil in ihnen Gelatine enthalten sei, die aus Knochen vom Schwein stamme. Internet-Seiten wie muslim-markt.de bieten Anweisungen und Ratschläge für das tadellose muslimische Verhalten in allen Lebenslagen. Mädchen erscheinen in wachsender Zahl mit Kopftuch in der Schule und melden sich vom Turn- und Schwimmunterricht ab.
Die Abwendung von der Mehrheitsgesellschaft folgt einem einfachen Muster: Wir Muslime, wird den Gläubigen suggeriert, bilden die überlegene Kultur und müssen uns vor allen schädlichen Enflüssen „der anderen“ reinhalten. Dieses Angebot einer klar definierten Identität nutzt der politische Islam für seine Zwecke – aber die „Islamisierung“ sei, wie die Berliner Studie betont, keineswegs nur auf die direkte Einwirkung von Agitatoren zurückzuführen. Sie vollzieht sich auch als eine Art kultureller Selbstläufer, ist eine kollektive sozialpsychologische Reaktion auf die erfahrene Geringschätzung durch die deutsche Gesellschaft. Jugendliche türkischer und arabischer Herkunft suchen in der vermeintlich fest gefügten Gemeinschaft des Islams Kompensation für ihre Verlorenheit. Der Rückzug in die scheinbar intakte Gegenwelt der muslimischen Kultur ist der Versuch, das demütigende Gefühl des Ausgeschlossenseins in eine positive Selbstwahrnehmung der Besonderheit zu verwandeln. „Ich war in der Moschee. Ich bin was ganz Tolles. Ich bin der Bessere“, fasst ein Kreuzberger Sozialpädagoge das Motto eines jugendlichen „Trotz-Fundamentalismus“ zusammen.
Die islamistischen Netzwerke bieten den Jugendlichen einerseits eine konkrete Orientierung im Alltagsleben an, stellen andererseits aber auch ein umfassendes politisches Welt- und Feindbild bereit. Hassreden und Verschwörungstheorien über „die Juden“ – zwischen Juden und Israelis wird schon lange nicht mehr unterschieden – gehörten, wie die Berliner Studie beklagt, zum selbstverständlichen Jargon vor allem der arabischen, aber auch der türkischen Jugendszene. „Die Muslime“ als eine fiktive homogene Einheit stehen in dieser Sicht immer als die Opfer da, befinden sich gegen eine Welt von böswilligen Unterdrückern stets im Recht.
- Datum 27.11.2003 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 27.11.2003 Nr.49
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







