Hochschulen Freiheit für die Unis!
Sparen ohne Verstand: Der Staat ruiniert die Hochschulen
Heinrich sagt zur Liese, sie solle einen Topf Wasser holen. „Wenn der Topf aber ein Loch hat?“, fragt sie, und das Kinderlied nimmt seinen Lauf. „Stopf’s zu!“ – „Womit denn, lieber Heinrich?“ – „Mit Stroh.“ Doch das ist zu lang, das Messer ist stumpf und der Schleifstein zu trocken. „Mach ihn nass!“ – „Womit?“, fragt die Liese. Nun ja, mit Wasser. Ist bloß keins da. Jemand muss einen Topf Wasser holen. Aber der hat ja ein Loch…
Willkommen in der deutschen Hochschulpolitik. Leer sind die Geldtöpfe, ratlos sind die Kultusminister, empört die Studierenden, auf der Kippe steht das ganze Bildungssystem.
Zwei Millionen Studenten meldet das statistische Bundesamt für dieses Wintersemester. Ein Rekord, wenngleich die Arbeitslosigkeit nachgeholfen hat; besser an der Uni herumhängen als auf dem Arbeitsamt, heißt es unter Abiturienten. Jedenfalls liegen Deutschlands Studentenzahlen immer noch unter dem europäischen Durchschnitt. Eine Gesellschaft mit sinkendem Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerungszahl kann ihren Lebensstandard nur mit steigender Produktivität halten. Dazu braucht sie mehr Wissen, also mehr Akademiker – und vor allem: bessere Universitäten. Sie werden aber schlechter.
Professoren in sonnigen Gefilden
Seminare mit 150 Teilnehmern und mehr; Institutsbibliotheken, in denen die Standardwerke fehlen; Sparauflagen wie in Bayern, Berlin oder Niedersachsen, die manche Universität nur dadurch erfüllen kann, dass sie drei Jahre lang keine freien Planstellen besetzt: Gegen solche Übelstände demonstrieren in diesen Tagen die Studenten, begleitet von der Sympathie ihrer Professoren.
Doch die Universität leidet nicht nur unter den „Spar Wars“. Das ganze System hängt schief. Es beherbergt Dozenten, die ihre Vorlesungen auf Freitag um 16 Uhr legen, damit auch ja kein Student vorbeischaut; Professoren, die ihre Sprechstunden schwänzen, und Studenten, die nie eine Sprechstunde aufsuchen; Dekane, die pausenlos Gremien-Sitzungen einberufen, aber nicht gelernt haben, eine zu leiten; Hochschullehrer, die nicht durch Lehre auffallen, sondern vielmehr als Geschäftsleute, Romanautoren oder Freizeitmusiker. Manche leben in sonnigen Gefilden und kommen ihren Pflichten in so genannten Blockseminaren nach. Vor ihnen sitzen Studenten, die sich weigern, Fachliteratur zu lesen, und in aller Unschuld fragen, ob sie schon für Anwesenheit einen Seminarschein erhalten (und wenn ja: „Ab wie viel Prozent der Stunden ist es Anwesenheit?“). Da gibt es Sekretärinnen, die ungnädig werden, wenn man sie beim Patience-Spiel stört; Personalräte, die man darauf besser nicht ansprechen sollte; Universitätsverwaltungen, deren selbst gestrickte Software zusätzliche Arbeit schafft, die nach und nach erledigt wird – oder auch nicht; Berufungsverfahren, die nur pro forma durchgeführt werden, weil das Votum für einen beliebten Kollegen in Wahrheit schon feststeht. In den Gelehrtenrepubliken ist manches beim Alten geblieben, obwohl die Systemfehler bekannt sind: Endlose Semesterferien, noch längere Studienzeiten voller überflüssiger Prüfungen, das ewige Studium wird zur Zweitbeschäftigung. Wer studiert, jobbt nebenher.
Die Hochschulen brauchen Reformen. Sie müssen neu anfangen, doch aller Anfang ist teuer und kostet Geld. Lieber Heinrich, was tun? Zweierlei. Erstens müssen die vorhandenen Ressourcen besser verteilt werden. Wenn die Bundesregierung, wie verkündet, den Anteil der Studienanfänger pro Altersgruppe von 35 auf den europäischen Durchschnitt von über 40 Prozent steigern will, dann darf sie die Mittel für den Hochschulbau eben nicht um 135 Millionen Euro kürzen. Solange zum Beispiel Landwirte Geld vom Staat kassieren, weil der Sommer recht heiß oder der Herbst recht herbstlich war, so lange bleiben die Klagen der Politik über leere Kassen unglaubwürdig.
Zweitens aber: Lasst die Unis frei!
- Datum 04.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
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