Popmusik Ein sehr eigenwilliges Mädchen

Milde Sozialkritik und gediegenes Spielvermögen – die neue CD der Pop- Sängerin Alicia Keys

Dass Kylie Minogue auf dem Titelblatt von gleich neben dem „besten Spielzeug für Männer“ und den „schnellsten Sportwagen Japans“ herumkurvt, muss wohl so sein. Alicia Keys im selben Heft als „Sex-Ikone des Pop“ präsentiert zu bekommen verblüfft ein wenig. Mehr als einmal hat die zweifellos schön anzusehende Sängerin kundgetan, wie sehr sie Äußerlichkeiten verabscheut, dass es auf den Menschen dahinter ankommt, sein Streben und sein Verhältnis zu Gott. Herausfordernd glanzbalsamierte Lippen erzeugen in dem Kontext eine leichte kognitive Dissonanz.

Aber es ist ja nur ein Image. Und Alicia Keys’ Image besteht darin, gegen die Image-Produktion der Lifestyle-Industrie zu sein. „Eigentlich zählt im Leben nur eins: Tu immer, was du für richtig hältst“, verrät sie in den schmalen Textbeigaben der Fotostrecken, mit denen sie sich derzeit einem Millionenpublikum in Erinnerung ruft. Im Internet kann man sogar direkt in ihre Seele hineinblicken. Wer www.aliciakeys.com anklickt, die offizielle Homepage, findet dort ein Tagebuch, in dem sie von ihrem New Yorker Alltag erzählt. Dass die Intimität industriell produziert ist, ein Trailer für die neue, The Diary Of Alicia Keys betitelte CD – man soll es vergessen. Oder zumindest vergessen wollen.

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Alicia Keys zehrt von einer unverwüstlichen Ressource des bürgerlichen Lebens: der Natürlichkeit. Anders als die meisten ihrer derzeit erfolgreichen Kolleginnen versteht sie es, das Bild des wohlgesinnten, talentierten, aber unangepassten Mädchens zu kultivieren. Während Kylie Minogue beispielsweise kein Problem damit hat, ein Produkt zu sein, vielmehr die Fabrikation ihrer Ikone als Dernier Cri ausstellt, verkörpert Alicia das singende Individuum, das nur zufällig ins Showgewerbe geraten ist.

Wehe, ein Journalist wagt es, sie eine Diva zu nennen oder gar eine „Nu Diva“, wie das Marketing-Etikett für singende Frauen mit Soul-Appeal vor einigen Jahren lautete – aufbrausende Reaktionen sind ihm sicher. Alicia Keys ist nämlich im Grunde ihres Herzens nicht nur ein Kumpeltyp, sondern auch eine große Schubladensprengerin. Sie steht für den Eigensinn in einer Branche, die vom Zurechtstutzen und Auf-den-Markt-Werfen lebt. Umgekehrt freilich liebt die Mainstream-Industrie nichts so sehr, als von eigenwilligen Mädchen den Marsch geblasen zu bekommen. Solange sie Erfolg haben.

Mit 16 träumte sie von Chopin

Zur Alicia-Keys-Legende gehört, dass ihr Leben trotz früh erkennbarer Begabungen ein Kampf war. Der Vater, Steward bei einer Fluglinie, verließ die Familie, sie wuchs bei ihrer Mutter im übel beleumundeten New Yorker Stadtteil Hell’s Kitchen auf. Von Drogendealern und Huren direkt vor der Tür ist die Rede, doch neben solch misslichen Umständen war da immer zugleich das Klavier. Mit sechs begann sie zu üben, mit 14 schrieb sie eigene Songs, mit 16 träumte sie nicht von Puff Daddy, sondern von Frédéric Chopin. Klassik statt Bettlakensoul – noch heute, mit 22, ist ihr Publikum verzaubert, wenn sie im Konzert einem ihrer Songs ein paar Takte aus Beethovens Mondscheinsonate vorausschickt.

Die Schlüsselszene allerdings handelt davon, wie sie den Versuchungen des Glitzergewerbes widerstand. Mitte der Neunziger war’s, als das gereifte Wunderkind sich einer ganzen Riege von Produzenten ausgesetzt fand, die nichts anderes wollten, als den Rohdiamanten zu schleifen, aufzupolieren, in die gläserne Vitrine zu stellen. Alicia jagte sie allesamt zum Teufel, richtete ein eigenes Studio ein, um sich und ihren Sound herauszubringen. Und siehe, während das Neueste von gestern längst vergessen ist, verkaufte sich ihr Debütalbum Songs In A Minor bald darauf so prächtig, dass sie gleich fünf Grammys dafür bekam. Sogar das Pädagogenfachblatt Financial Times Deutschland schwärmte bald darauf von „richtig guter Musik“: Kultur mit Wert für Teenie-Mädchen nach überstandener Britney- und Kylie-Phase.

Dass dieses Karrieremärchen letztlich nicht ohne ein wenig Hilfe vonseiten einflussreicher Männer zustande kam, ist zweitrangig beziehungsweise bestätigt die Regel. Clive Davis etwa, der Übermogul, der schon Janis Joplin entdeckte und Bruce Springsteen groß machte, küsste dem jungen Talent die Füße, blieb aber gütige Vaterfigur im Hintergrund. Männer – auch darin erweist sich Alicia Keys als Anhängerin des Emanzipationsgedankens – sind in ihren Augen nicht jene Tiere, wie wir sie aus HipHop-Videos kennen, es sind gleichberechtigte Partner, die unter bestimmten Umständen sogar Liebe verdient haben, ansonsten aber dazu da sind, das Beste in einem herauszubringen.

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