Am Start im Sport-Coupé: Jörg Lau, Zeit-Redakteur im Feuilleton, Im Nissan 350 Z Papa ist auf der Piste

Der 350 Z verwandelt auch treu sorgende Familienväter in rasende Singles. Kinder passen diesem Wagen überhaupt nicht ins Konzept

Vor diesem Auto muss gewarnt werden. Es hat persönlichkeitsverändernde Eigenschaften, die beim regelmäßigen Nutzer Abhängigkeitsgefühle hervorrufen. Besonders Personen, die sich nicht als typische Sportwagenfahrer sehen, sind gefährdet. Beim Minivan-Fahrer zum Beispiel, der sich angewöhnt hat, auf die unreife Welt der Tiefergelegten und der Lichthupendrängler hinabzuschauen (»Wann werdet ihr endlich erwachsen!«), weckt der 350 Z verdrängte Wünsche: Na komm schon, probier mich aus, ich bin doch nur ein Nissan – du weißt schon, Micra und Almera –, niemand wird dich für einen peinlichen Aufschneider halten. Man sieht mir die 280 PS, das Sechsganggetriebe und die einteilige Kardanwelle aus Kohlefaserverbundmaterial doch überhaupt nicht an! Und wer die vier goldfarbenen Sättel des innenbelüfteten Brembo-Scheibenbremssystems sehen will, der müsste schon durch die geschmiedeten Aluminiumsportfelgen hindurchlugen. Niemand wird vermuten, dass in meinem Innern ein Bose-Soundsystem darauf wartet, aus extrem flachen, innovativen Nd-Tieftönern unglaubliche Bässe durch die elektrisch verstell- und beheizbaren Ledersitze wummern zu lassen! Das Birdview-Navigationssystem mit riesigem Farbdisplay und dreidimensionaler Streckenführung kannst du zur Not auch ganz diskret hinter einer schwarzen Klappe verschwinden lassen! Hab dich nicht so, Minivan-Mann: Ich bin keine Ludenschleuder, ich bin ein bis zur Unauffälligkeit elegantes, im Grunde ganz vernünftiges Auto mit einem tollen Preis-Leistungs-Verhältnis und vielen praktischen Details.

So säuselt der Nissan 350 Z immer weiter: Zum Beispiel preist er auch seinen V6-Saugmotor sanft an, der 363 Nm schafft und doch nur 11,1 Liter auf 100 Kilometer verbraucht – bis der Minivan-Mann endlich seinen ohnehin nicht sehr robusten Widerstand aufgibt, den soliden Aluminiumgriff packt, mit einem sachlichen Klick die Fahrertür öffnet und sich in den Rennsitz sinken lässt. Dieser Wagen lässt sich nur bei durchgetretener Kupplung starten – ein erstes Omen seiner Kraft: Etwas unter der Motorhaube macht bei der kleinsten Berührung der Zehenspitze mit dem Gaspedal (in Rennoptik, aus gelochtem Aluminium) freudig Vrumm-Vrumm. Aha, das »Sound-Engineering«, sagt sich Minivan-Mann, und seine ironische Distanz ist wieder da: irgendwie peinlich die Vorstellung, dass erwachsene Männer in Laborkitteln mit Stimmgabeln unter einer Motorhaube herumfuhrwerken.

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Aber bald schon ist es mit seinem krampfigen Überlegenheitsgetue vorbei. Der Nissan ist nämlich eigens konstruiert worden, den reichlich verklemmten Hochmut des Vernunftautofahrers zu unterlaufen. Der Minivan-Mann macht im 350 Z die merkwürdige Erfahrung, dass ein Auto immer genau das macht, was er will. Die Kombis und Kleinbusse, mit denen er sich bislang fortbewegt hat, erscheinen im Vergleich dazu als mürrische und träge Dienerschaft, die immer erst nett gefragt werden will, bevor sie dann irgendetwas macht. Der Nissan 350 Z aber trägt einen schnell noch eben über die gelbe Ampel, bevor man sich den Wunsch überhaupt gestattet hat. Er lässt den Audi TT bereits hinter sich, ohne dass man sich das Begehren, es diesem eingebildeten Typen da vorn zu zeigen, überhaupt schon eingestanden hat. Bitte sehr, mein Herr, spricht der Nissan, Sie wollen mit 100 Sachen durch diese Kurve ziehen? Warum denn eigentlich nicht, treten Sie doch einfach getrost aufs Gas. Oder haben Sie sich die Sache anders überlegt und ziehen es jetzt plötzlich vor, die Grünphase doch nicht mehr mitzunehmen? Kein Problem, treten Sie einfach mit voller Wucht auf die Bremse, den Rest regeln wir dann für Sie!

Der Minivan-Mann hätte nie gedacht, dass er ein 280-PS-Typ ist. Bisher ist er ganz gut mit der Hälfte dieser Kraft ausgekommen. Aber es wird schwer sein, sich damit wieder zu bescheiden. In seinem Alltagsauto muss er komplizierte Berechnungen vor jedem Überholmanöver auf der Autobahn anstellen, um sich dann oft genug die Sache doch lieber aus dem Kopf zu schlagen. Der 350 Z bietet eine Beschleunigung und eine Straßenlage, die solche Abwägungen überflüssig machen. Nach ein paar Tagen beginnt der zum Sportwagenwesen bekehrte Vernunftkraftfahrer sein neues Ich ganz unironisch zu genießen. Er freut sich über die Blicke der Bauarbeiter, die über die ungewöhnliche Gestalt dieses von vorne an Porsche und von hinten an einen Chevrolet erinnernden Autos rätseln. Bald schon erwischt er sich dabei, wie er stolz auf den Zuruf des Taxifahrers im Stau – »Na, wie loofta denn nu?« – antwortet: »Zieht ganz schön ab, ist ein V-6er!«

Die persönlichkeitsverändernden Eigenschaften dieses Autos zeigen sich übrigens sogar bei Paaren. Der Nissan 350 Z verwandelt ein bürgerliches Ehepaar, das seine demografische Pflicht in einem Reihenhaus am Stadtrand bereitwillig übererfüllt, im Handumdrehen in besserverdienende, kinderlose, lebensabschnittsbegleitende Singles zurück – jene beneidenswerte Sorte von Leuten, die auf Kosten kommender Generationen ihr Leben in vollen Zügen genießt und sich einen feuchten Dreck um Ulla Schmidt und die leere Rentenkasse schert. Für den Minivan-Mann und seine Frau wäre es ein Traum, einen solchen Nissan 350 Z dauerhaft als Zweitwagen zu haben. Man würde sich wochenends, wenn die Kinder bei Großmuttern sind, im Rennauto auf die Piste begeben und jene erfrischend neidvollen Blicke auf sich ziehen, mit denen die Kollegen der Minivan-Fraktion auf verantwortungslose double income no kids- Verbrecher hinabschauen, die sich einen Zweitwagen für fast 40000 Euro leisten können.

Im Unterschied zu manchen konkurrierenden Modellen verfügt der Nissan 350 Z auch über keinerlei Notsitze. Es soll gar nicht erst der Eindruck erweckt werden, mit diesem Auto könnte man zur Not auch Mal die kleine Emily vom Tennis abholen. Richtig so: Der Nissan 350 Z ist doch, seinen vernünftigen Einflüsterungen zum Trotz, ein Hardcore-Sportwagen ohne faule Kompromisse. Er dient einzig dem Zweck, jenen speziellen Trost zu spenden, der vom Sportwagenfahren ausgeht und den verunsicherte Männer, aber auch alte Ehepaare so sehr brauchen können. Für Letztere ist übrigens der Kofferraum ausgelegt. Zwei Golftaschen passen genau in die Aussparungen unter der Heckklappe. Der Minivan-Mann hatte sich in der zweiten Testwoche derart stark von seinem verantwortlichen Paterfamilias-Selbst entfernt, dass er versuchte, seine drei Töchter zwischen drei und sechs Jahren in den Golftaschenstauräumen zu verstauen, um sie mit dem Nissan zu einem Kindergeburtstag zu chauffieren. Und siehe da, es funktionierte! Den Kindern gefiel es im Golftaschenraum sehr gut. Sie fingen in kürzester Zeit an, wie es ihre Art ist, durch die Heckklappe den nachfolgenden Fahrzeugen die Zunge herauszustrecken. Sie wollten jetzt immer nur noch mit dem Rennwagen fahren, bekannten sie. Der Minivan-Mann begann ernsthaft nachzurechnen und redete sich ein, der Wagen sei irgendwie doch sehr praktisch. Es waren erst die entgeisterten Blicke, mit denen die Kindergeburtstagsgastgeber beobachteten, wie er seine Töchter aus dem Golftaschenfach heraushievte, die ihn wieder auf den Boden holten.

 * PS Nächste Woche am Start: Marc Brost, stellvertretender Ressortleiter im Wirtschaftsressort, im Chrysler Crossfire 

 
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