Schon wieder ziehen über dem deutschen Bildungstal Wolken auf. Und abermals sind die globalen Wettermacher der OECD am Werk. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung bereitet einen weltweiten Lehrervergleich vor: Attracting, Developing and Retaining Effective Teachers.

Im Rahmen dieser Studie besuchten an elf Tagen im September fünf internationale Experten deutsche Schulen. An 46 Terminen trafen sie 212 Personen, darunter Erziehungswissenschaftler, Verantwortliche aus Ministerien und Sprecher einschlägiger Verbände. Das Protokoll dieser Reise, das der ZEIT vorliegt, liest sich wie eine höflich verpackte Abrechnung. Doch nicht die deutschen Lehrer, sondern unser Bildungssystem als Ganzes wird wohl im internationalen Lehrerexamen durchfallen, weil es sein Personal systematisch fesselt. "Das heutige System deutscher Schulen gehört zu einem vergangenen ökonomischen und gesellschaftlichen System", heißt es im Reiseprotokoll der OECD-Experten.

Verfasst wurde das Resümee der Deutschlandvisite vom nationalen Koordinator, einem Beamten im Hessischen Kultusministerium. Die Analyse stellt Listen von "Positiv" und "Kritisch" einander gegenüber. Im ersten Abschnitt, System von Bildung und Schule, wurde außer einer vagen "grundsätzlichen Offenheit gegenüber Reformen" nichts für gut befunden. Die Kritiksparte indessen bringt es auf zwölf Spiegelstriche.

Die "Fragmentierung des Systems" wird als deutsches Übel diagnostiziert. Das in Hauptschule, Realschule und Gymnasium zergliederte System – das einmalig in der Welt auch noch fast fünf Prozent der Schüler in Sonderschulen ausgliedert – hat nach Pisa seine Reputation verloren. Die deutsche Bildungsapartheid muss den Inspektoren auf dieser Reise absurd vorgekommen sein. Zur Kommission gehörte einer der besten Kenner der weltweiten Schulszene, der schwedische Erziehungswissenschaftler Mats Ekholm. Der Professor ist außerdem Generaldirektor der schwedischen Bildungsagentur Skolverket. Sie gilt als Beispiel für den gelungenen Übergang von einer einst gängelnden Bürokratie zum Beratungsinstitut für selbstständige Schulen. Außerdem reisten Peter Metthews, Leiter der Abteilung für Qualitätsprüfung bei der britischen Bildungsagentur Ofsted, Gábor Halász, Generaldirektor des ungarischen Nationalinstituts für öffentliche Bildung, sowie zwei Mitarbeiter der OECD-eigenen Bildungsabteilung in Paris. Sie stimmen in der Beobachtung überein, dass sich die deutschen "Barrieren zwischen den Schulformen" in der Lehrerbildung unselig wiederholen. Sie spalten die Lehrer in Interessengruppen auf und führen zu einem versteinerten Schulalltag: "Schule und Unterricht sind geschlossene Veranstaltungen."

Zwar wurden auch "hoch engagierte Kollegien" angetroffen, aber selbst sie lähmt ein "unflexibles System von Verwaltung und Besoldung". Besonders der Beamtenstatus der Lehrer irritierte die Besucher. Den finden die Experten sonst nirgendwo. In Schweden oder Dänemark wurde er in den achtziger Jahren abgeschafft. In Deutschland, so das Urteil, verhindert er die leistungsorientierte Besoldung, die Karriereplanung und die Professionalisierung der Lehrer. So unübersichtlich wie das Schulsystem, so unklar empfand die Kommission das Berufsbild unserer Lehrer. Sollen sie kleine Fachwissenschaftler oder Profis im Arrangieren von Lernprozessen sein? Skeptisch fragen die fünf Bildungsweisen: "Wer wird [in Deutschland] eigentlich Lehrer?"

Vermisst wird auf allen Stufen des Systems die Rechenschaftslegung. Weder Lehrer noch Schulen müssen darüber Auskunft geben, was sie leisten und ob sie ihre Ziele erreichen. Moniert wird, dass eine "selbstständige" oder "autonome" Schule noch lange keine "verantwortliche" Schule sei. Auch das wohlfeile deutsche Reformgeraune überzeugt die Experten nicht. Bemängelt wird die "fehlende Klarheit über Wege und Ziele der notwendigen Reformen".

Im Abschnitt Schulmanagement steht ein lapidares Lob harten Kritikpunkten gegenüber. Positiv ist, dass der typische Schulleiter "zumeist ein ausgezeichneter Pädagoge ist". Doch er hat nichts zu sagen und wird nicht sehr geachtet. Sisyphus, so scheint es, ist im 21. Jahrhundert ein deutscher Lehrer. Er quält sich und andere im Klassenzimmer.

Kein gutes Haar lassen die Fachleute an der Lehrerausbildung. Sie "wird von Institutionen betrieben, die nicht miteinander kooperieren". Sie vermissen eine pädagogische Qualifikation, die Kindergärten zum "Teil des Bildungssystems" macht. Reformen sind den Bundesländern "im Alleingang überlassen". Das Urteil über die Weiterbildung müsste jeden Personalvorstand eines Unternehmens seinen Hut nehmen lassen: "Geballte Ladung in der ersten und zweiten Phase und dann nichts mehr bis zur Pensionierung. Die Erstausbildung verliert rasant an Wirksamkeit, wenn im Beruf keine weitere Qualifizierung erfolgt."