Deutschlands Universitäten sind das Spiegelbild des nationalen Unbehagens und manchmal auch sein Blitzableiter. Noch sind sie nicht haftbar gemacht worden für ökonomische Stagnation oder die Verspätungen der Bundesbahn. Das wäre nicht gerecht, aber auch nicht ganz abwegig. Schließlich sind sie es, die unsere Verwaltungs- und Wirtschaftseliten ausbilden. Auch unsere Juristen, die den Staatsapparat beherrschen, fallen nicht vom Himmel. Sie jedenfalls werden so gut ausgebildet, dass sie in der Lage sind, Macht und Verbreitung ihres Berufsstands ins Unermessliche zu vergrößern: Pro Kopf der Bevölkerung gerechnet, gibt es bei uns sechsmal so viele Berufsrichter wie in England. Entsprechend mehr Rechtsanwälte muss es geben.

Jahrelang reichte es, die 68er-Generation für jeden systemischen Fehler der Republik haftbar zu machen. Inzwischen hat man neue Schuldige gefunden. Es sind die Strukturen des Wohlfahrtsstaates und seiner wirtschaftsrelevanten Rechtsverordnungen. Die Strukturanalytiker sind natürlich ebenfalls Akademiker. Wenn denn die Bildungsanstalten an allem Schuld sein sollen, dann können ihre Absolventen diese Schuld in Hunderten von Kommissionssitzungen auch erklären und die pädagogische Nationalkrise mit Reparaturvorschlägen beleben. Seit Georg Pichts Prophezeiung einer drohenden deutschen "Bildungskatastrophe" (1963) steht der Kammerton unserer Schul- und Hochschuldebatten fest: Die öffentliche pädagogische Diskussion ist stets von einem pessimistischen Gefühl des Verlustes geprägt. Da helfen nur radikale Reformen.

Zivilisation war etwas Welsches, Kultur war das Unsere

Eine jener vielen Kommissionen, nämlich diejenige zur "Strukturreform der Hamburger Hochschulen", hat vor ein paar Monaten ihre Blaupause zur Verbesserung der akademischen Ausbildung vorgelegt. Sie sieht die Halbierung des geisteswissenschaftlichen Fächerangebots vor, zum Vorteil der Naturwissenschaften und der Ingenieurstudiengänge. Mehr Steuergeld soll fließen für Nanotechnologie, Wirtschafts-, Rechts- und Biowissenschaften. Doch ihre Vorschläge sind so neu nicht.

Universitätsreformen in Deutschland sind seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts stets mit dem Abbau der Geisteswissenschaften verbunden gewesen. Spätestens nach 1871 endete in Deutschland der historische Antagonismus zwischen klassischer und moderner, industriell und naturwissenschaftlich geprägter Bildung. Die erfolgreich nachgeholte industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte das Land von Grund auf verwandelt. Nicht Bildung, sondern Erziehung hieß die pädagogische Parole. Kaiser Wilhelm II. rühmte sich, das Promotionsrecht für die Technischen Hochschulen (1899) erkämpft zu haben. Die weitere Produktion junger Römer und Griechen an den Gymnasien empfahl er nicht. Statt Latein wurde Deutschunterricht die Konstante im wilhelminischen Schulgang. Die Gleichwertigkeit der Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen wurde durch Erlass vom 26.November 1900 amtlich anerkannt. Deutschland, so sollte der Kaiser elf Jahre später Kasselaner Gymnasiasten zurufen, stellten sich neue Aufgaben: "Wir müssen nationalökonomische und finanzielle Kenntnisse uns aneignen, denn es gilt, Deutschland seine Stellung in der Welt, besonders auf dem Weltmarkte zu wahren."

Zu jenem Zeitpunkt hatte die Pharma-, Maschinenbau- und Rüstungsindustrie den Vorsprung der konkurrierenden europäischen Nationen aufgeholt. Im Zeitalter des akademischen Positivismus stiegen die Philosophen, Historiker und Philologen alter Schule auf der nationalen Prestige-Skala auf die mittleren Plätze ab. Fabrikanten und Bankiers, Offiziere und Erfinder galten als vorbildliche Bürger - und neben ihnen natürlich die Beamten, vom Adel ganz zu schweigen. Doch die Geisteswissenschaftler zogen sich nicht kampflos zurück. Sie hinterließen den deutschen Inbegriff ihrer akademischen Existenz, den Begriff der "Bildung" – er war und blieb explosiv.

Wir sind die einzigen Europäer, die für Erziehung noch ein zweites, im Grunde genommen sehr seltsames Wort geprägt haben – ebenjene "Bildung". Es taucht im allgemeinen Sprachgebrauch Ende des 18.Jahrhunderts auf und war, in den Worten von Moses Mendelssohn, neben "Kultur und Aufklärung in unserer Sprache noch (ein) Neuankömmling … (und bezeichnete) Bemühungen der Menschen, ihr geselliges Leben zu verbessern…"

In Wirklichkeit waren "bildunge", "überbilden", "in sich bilden" mittelalterliche Neologismen Meister Eckharts, die mystische Erfahrungen der Gottesebenbildlichkeit des Menschen beschrieben. Gott sich anzunähern, ja, mit ihm eins zu werden, war für ihn ein Bildungsakt: "Swenne der Geist haftet an Gote mit ganzer einunge des willens, so wird er vergotet." Die Hingabe an Gott war ein Bildungserlebnis.