Wilder Westen Noch ein Duell

Wer erschoss Billy the Kid? 122 Jahre nach seinem Tod wird Amerikas berühmtester Revolverheld noch einmal von mehreren Sheriffs gejagt. Nächste Woche soll ihm der Prozess gemacht werden

Dass womöglich etwas nicht stimmt mit Billy the Kid, fällt dem Sheriff während einer Reise nach Texas auf. Einen ganzen Tag lang ist Tom Sullivan schon gefahren, erst über die Hochebenen von New Mexico, dann durch die platte Steppe von West Texas. Schließlich macht er Rast in einem Flecken namens Hico. In der Ortsmitte entdeckt der Sheriff ein Denkmal. »Da steht ja Billy«, stellt Sullivan fest, »unser Billy.«

Warum, fragt er sich, ehren die Texaner einen Fremden? Denn Billy the Kid, Amerikas Robin Hood, berühmtester Revolverheld des Westens, gehört New Mexico. Im Sommer 1881, so will es die Legende, wurde der jugendliche Bandit in diesem Bundesstaat erschossen. Und zwar von Sheriff Pat Garrett, der damit Recht und Ordnung im Wilden Westen wieder herstellte. Jedes Kind kennt diese Geschichte und Sullivan erst recht, denn als Sheriff von Lincoln County ist er ein Amtsnachfolger von Garrett.

Anzeige

Tom Sullivan folgt den Wegweisern zu einem kleinen Museum. Allerlei Memorabilia und Dokumente dort sollen belegen, was der Sheriff auf einer kleinen Erinnerungstafel liest: »Hier verbrachte ›Brushy Bill‹ Roberts, der wirkliche Billy the Kid, die letzten Tage seines Lebens. Seine Seele ruhe in Frieden.« Sheriff Sullivan ist irritiert. »Das widerspricht unserer Geschichtsschreibung«, sagt er sich. Hat Pat Garrett damals etwa den falschen Mann erschossen? Hat er gar gelogen, um Billy fliehen und 70 weitere Jahre jenseits der Staatsgrenze leben zu lassen?

Sheriff Sullivan reist weiter, doch diese Geschichte lässt ihn nicht los. Immerhin wird der Gründungsmythos seiner Heimat geschändet. Wäre die Texas-Version wahr, wäre sein eigenes Amt entehrt. Denn an seiner Brust haftet ein Sheriffstern, den Pat Garretts Konterfei ziert. Seine Behörde gründet auf Garretts Vermächtnis. Dessen Heldentat steht für den Geist aller Männer des Gesetzes. Pat Garrett ist Vater und Vorbild der Polizei von New Mexico. Und dieser Mann soll in Wahrheit ein Lügner sein? Ein Handlanger des Verbrechens?

Wieder daheim, ruft Tom Sullivan seinen Stellvertreter an. Immer wenn die beiden etwas Wichtiges zu besprechen haben, legen sie ihre Revolvergurte um, satteln die Pferde und reiten aus. Ihr Heimatdorf liegt auf knapp 2000 Metern, mitten in der Mesa unterhalb der Gipfel der Rocky Mountains. Nur Präriegras und Dornbüsche, Kakteen und Krüppelkiefern wachsen hier. Alles sieht so aus wie damals, als Billy the Kid durch diese Steppe streifte. Noch heute kann man tagelang reiten, ohne auch nur ein Viehgatter öffnen zu müssen. Zu hören sind bloß der Wind und das Geheul der Koyoten. Kein Mobiltelefon läutet hier. Wo sonst kann ein Mann heutzutage noch einen klaren Gedanken fassen?

Beim Ausritt in diese Einsamkeit, irgendwann im Frühjahr 2003, werden die beiden Sheriffs sich einig: Die ungeheuerliche Behauptung vom anderen Billy muss aus der Welt geschafft werden. Aber wie? Der Deputy schlägt vor, den Fall wieder aufzurollen: »Wir haben heute die Möglichkeit zur DNA-Analyse. Wenn man Thomas Jefferson testen kann, um herauszufinden, ob er ein Kind mit einer Sklavin hatte, warum nicht auch Billy the Kid?« Darauf der Sheriff: »Vielleicht hast du Recht. Wir wissen genau, wo Billys Mutter liegt. Wir wissen genau, wo ›Brushy Bill‹ Roberts liegt. Und wir wissen, ungefähr jedenfalls, wo Billy liegt.« So entsteht der Plan, die Mordermittlung Billy the Kid zu eröffnen – mit 122 Jahren Verspätung.

Ein »kalter Fall«, sagt der Sheriff. Alle Beteiligten sind tot

Service