Entscheiden Machen Sie sich unsterblich!
Man muss nicht Bohlen heißen, um sein Leben aufschreiben zu lassen. Die Berliner Germanistin Katrin Rohnstock verfasst Biografien für jedermann und jedefrau
Zuerst mag man gar nicht glauben, dass die besondere Fähigkeit von Katrin Rohnstock darin liegt, gut zuhören zu können. Dafür redet sie einfach zu viel. Rohnstock, 43, sitzt in ihrem Büro in Berlin, an der lauten Prenzlauer Allee über einem Schlecker-Markt, und erzählt und erzählt. Von der Frau Guse, die mit 69 endlich den Mann heiratete, der ihr Jahrzehnte zuvor schon zwei Mal einen Antrag gemacht hatte. Von dem Sohn, der nach der Lektüre der Lebenserinnerungen seines Vaters sagte: „Endlich verstehe ich dich.“ Von Herrn Willenberg, einem Schmied, der sich nach Krieg und Gefangenschaft im Nachkriegsdeutschland zum Produktionsleiter hocharbeitete. Einfache Geschichten, aber wenn Katrin Rohnstock sie erzählt, sprudelnd, immer wieder unterbrochen von einem hellen Lachen und ausholenden Gesten, klingen sie spannend.
Meistens aber hört sie selbst zu. Seit fünf Jahren schreibt Katrin Rohnstock die Biografien so genannter einfacher Leute. Sie hat mehr Bücher geschrieben als mancher berühmte Schriftsteller, aber ihre Werke gibt es in keiner Buchhandlung zu kaufen. In Kleinstauflagen von fünf, zehn oder zwanzig Stück werden sie produziert. Die Bücher tragen Titel wie Lebensbilder, Allein die Stunde zählt oder Die Hand an der Klinke. Die Leser sind die Familien. Sonst niemand.
Billig ist die Bewahrung der eigenen Lebensgeschichte nicht. 8000 Euro zahlt, wer auf Rohnstocks Tonband spricht, was früher im Kreis der Familie am Kamin erzählt wurde. Zwei bis fünf Tage dauern solche Interviews. Dann sitzt Katrin Rohnstock leise am Tisch, hört interessiert zu, ermuntert, tröstet. Sie ist, das sagt sie so, demütig gegenüber dem Leben ihres Gesprächspartners. „Wenn man diese Hingabe nicht hat, taut der Mensch nicht auf. Dann erzählt er nichts.“
Weiße Flecken sind erlaubt
Rohnstock und ihre Mitarbeiter graben behutsam in den Lebenswegen, haken nach, wo Zusammenhänge unklar sind, fragen: Wie war das, als die Russen in Ihr Dorf kamen? Niemals jedoch nehmen sie den Erzähler ins Kreuzverhör. „Jedes Leben hat Tabus, und die respektieren wir“, sagt Rohnstock. Wenn jemand von seiner Zeit bei der SS erzählt und dabei vor Schuldbewusstsein weint, ist es gut. Wenn er lieber weiße Flecken lassen will, zwingt ihn niemand. Autobiografiker (ein Terminus, den Rohnstock sich hat schützen lassen) sind keine Journalisten. „Man muss sich bei diesen Gesprächen völlig zurücknehmen. Die meisten Journalisten können das nicht.“
Dazu gehört auch, sich in den Sprachduktus der Kunden einzufühlen. Wer das Buch später liest, soll das Gefühl haben, dass die eigene Großmutter das tatsächlich geschrieben hat. Und wenn die Oma Fleischersfrau war, dann klingt das anders als bei einer Professorengattin. „Max konnte sein Geld keine fünf Minuten zusammenhalten“, heißt es dann zum Beispiel, „seine Verschwendungssucht ging mir mächtig gegen den Strich. Ich schickte ihn zum Teufel.“ Ja, genau so war sie, die Oma.
Die Geschäftsidee der Journalistin und Germanistin Katrin Rohnstock, die sich schon im Studium in Jena und Berlin intensiv mit Biografieforschung beschäftigt hat, füllt eine Lücke, die ins moderne Leben gerissen worden ist. „Das Budget an gemeinsam verbrachter Zeit ist viel geringer als früher“, sagt Rohnstock. „Viele Geschichten werden einfach nicht mehr erzählt.“ Statt abends zusammen zu sein und zu reden, sitzen die Familien vor dem Fernseher, und der Enkel surft im Internet. Irgendwann wird einem klar, dass man viel zu wenig von der eigenen Geschichte weiß. „Je mehr die Wertesysteme zusammenbrechen, desto mehr muss man sich in den Geschichten der eigenen Familie suchen.“ Die Enkelin des ehemaligen Schlossers und Kriegsgefangenen Artur Willenberg hat ihren Opa eines Tages gebeten, das Wichtigste aus seinem Leben auf ein paar Zeilen zu notieren. Schnell wurden daraus einige Seiten, schnell wuchs ihm das Manuskript über den Kopf. Wenig später rief er bei Katrin Rohnstock an und wurde ihr erster Kunde.
Die Begründungen für den Willen zur eigenen Autobiografie („Machen Sie sich unsterblich!“ lautet ein Werbeslogan von Rohnstocks Medienbüro) klingen ähnlich: als Geschenk für Kinder oder Enkel, als vorläufiger Abschluss des eigenen Lebens, meist zum 80. oder 75. Geburtstag. „Wer früher zu mir kommt“, sagt Rohnstock, „ist dem Tod schon einmal über den Weg gelaufen.“ Erst kürzlich hat sie die Geschichte eines 38-jährigen Hodenkrebs-Patienten geschrieben.
Wenn die Interviews beendet sind, wird das gesamte Tonband abgetippt und dann das Leben strukturiert. Hitlers Machtergreifung, der Krieg, Bombardierung, Flucht, Kriegsgefangenschaft, Nachkriegszeit sind die Themen, die meistens auftauchen. Ein erstes Kapitel bekommt der Kunde zugeschickt, damit er Änderungen anbringen kann. Wenn das Manuskript fertig ist, bekommt er noch einmal die Gelegenheit zum Gegenlesen – häufig mit dem Effekt, dass ihm noch mehr einfällt und das eine oder andere Kapitel hinzugefügt werden muss. Dann werden noch Layout, Einband, Farben, Fotos ausgewählt, und schließlich, nach rund neun Monaten, ist das Buch fertig. Schön gestaltete Bände, mit bibliophiler Liebhaberei entworfen. „Die Bücher sollen Schatzkästchen sein“, sagt Rohnstock.
Die intensive Beschäftigung mit sich selbst platzt mitten in eine Zeit, in der die Buchregale voll sind mit den Erinnerungen (oder Erfindungen) mehr oder weniger prominenter Menschen. Dieter Bohlen berichtet von seinem Penisbruch. Daniel Küblböck von seiner Bisexualität. Stefan Effenberg davon, wie er es allen gezeigt hat. Boris Becker blickt in einer Startauflage von 150000 Stück auf seine Karriere zurück.
Opa ist spannender als Becker
Zu lernen ist aus diesen Büchern nichts. Während die Motive der Prominenten irgendwo zwischen Eitelkeit und Profitstreben angesiedelt sind, wollen die Menschen bei Katrin Rohnstock verstehen, wer sie sind. „Unser Konzept ist es, historische Weisheiten festzuhalten. Da passt Dieter Bohlen nicht hinein.“ Als Kunden hätte sie ihn abgelehnt, natürlich, da muss sie wieder lachen. Gelesen hat sie sein Buch trotzdem. „Es ist gut geschrieben und ehrlich. Unsere Bücher sind vom Stil her sogar vergleichbar: Auch seins ist so geschrieben, wie er spricht.“ Aber für die Enkelin von Artur Willenberg ist die Biografie ihres Großvaters viel interessanter als die von Dieter Bohlen.
In Rohnstocks Büro arbeiten heute sechs Angestellte und acht Autobiografiker als freie Mitarbeiter. 80 Biografien sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden, die Geschäftsidee funktioniert. Unter einem Franchising-Dach gegründete Ableger gibt es in der Schweiz und Österreich, in Kassel, Dresden, Freiburg und Köln. Als Rohnstock mit ihrem Vorhaben damals hausieren ging, erntete sie nur kritische Blicke. „Eine schöne Idee. Aber Geld werden Sie damit nicht verdienen“, bekam sie von Unternehmensberatern und Banken zu hören. Kredite gab es nicht. Die gab es nur für Unternehmen, die das Wort „Internet“ im Namen führten. Es war die Zeit der New-Economy-Blase. Ausgerechnet zu dieser Zeit kam Katrin Rohnstock mit ihrer so sympathisch altmodischen Idee.
Aber hat dieses Geschäft eine Zukunft? Was wird, wenn die Generation, die durch Krieg und Elend so viel zu erzählen hat, gestorben ist? Wer heute 30 oder 40 ist, wird nicht so viel erlebt haben wie seine Großeltern. Dann geht es nicht mehr darum, loszuwerden, wie man Zeuge von Nazigräueln wurde, sondern darum, wie man sich gefreut hat, als man mit 18 das erste eigene Auto geschenkt bekam. Brauchen diese Menschen einen Autobiografiker? Rohnstock rechnet mit der Wende in der DDR, die viele gebrochene Biografien produziert hat, und mit Ausländern, die nach Deutschland eingewandert sind. Die werden viel zu erzählen haben. In Katrin Rohnstock finden sie eine gute Zuhörerin.
- Datum 04.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
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