Entscheiden Machen Sie sich unsterblich!Seite 2/2

Wenn die Interviews beendet sind, wird das gesamte Tonband abgetippt und dann das Leben strukturiert. Hitlers Machtergreifung, der Krieg, Bombardierung, Flucht, Kriegsgefangenschaft, Nachkriegszeit sind die Themen, die meistens auftauchen. Ein erstes Kapitel bekommt der Kunde zugeschickt, damit er Änderungen anbringen kann. Wenn das Manuskript fertig ist, bekommt er noch einmal die Gelegenheit zum Gegenlesen – häufig mit dem Effekt, dass ihm noch mehr einfällt und das eine oder andere Kapitel hinzugefügt werden muss. Dann werden noch Layout, Einband, Farben, Fotos ausgewählt, und schließlich, nach rund neun Monaten, ist das Buch fertig. Schön gestaltete Bände, mit bibliophiler Liebhaberei entworfen. „Die Bücher sollen Schatzkästchen sein“, sagt Rohnstock.

Die intensive Beschäftigung mit sich selbst platzt mitten in eine Zeit, in der die Buchregale voll sind mit den Erinnerungen (oder Erfindungen) mehr oder weniger prominenter Menschen. Dieter Bohlen berichtet von seinem Penisbruch. Daniel Küblböck von seiner Bisexualität. Stefan Effenberg davon, wie er es allen gezeigt hat. Boris Becker blickt in einer Startauflage von 150000 Stück auf seine Karriere zurück.

Opa ist spannender als Becker

Zu lernen ist aus diesen Büchern nichts. Während die Motive der Prominenten irgendwo zwischen Eitelkeit und Profitstreben angesiedelt sind, wollen die Menschen bei Katrin Rohnstock verstehen, wer sie sind. „Unser Konzept ist es, historische Weisheiten festzuhalten. Da passt Dieter Bohlen nicht hinein.“ Als Kunden hätte sie ihn abgelehnt, natürlich, da muss sie wieder lachen. Gelesen hat sie sein Buch trotzdem. „Es ist gut geschrieben und ehrlich. Unsere Bücher sind vom Stil her sogar vergleichbar: Auch seins ist so geschrieben, wie er spricht.“ Aber für die Enkelin von Artur Willenberg ist die Biografie ihres Großvaters viel interessanter als die von Dieter Bohlen.

In Rohnstocks Büro arbeiten heute sechs Angestellte und acht Autobiografiker als freie Mitarbeiter. 80 Biografien sind in den vergangenen fünf Jahren entstanden, die Geschäftsidee funktioniert. Unter einem Franchising-Dach gegründete Ableger gibt es in der Schweiz und Österreich, in Kassel, Dresden, Freiburg und Köln. Als Rohnstock mit ihrem Vorhaben damals hausieren ging, erntete sie nur kritische Blicke. „Eine schöne Idee. Aber Geld werden Sie damit nicht verdienen“, bekam sie von Unternehmensberatern und Banken zu hören. Kredite gab es nicht. Die gab es nur für Unternehmen, die das Wort „Internet“ im Namen führten. Es war die Zeit der New-Economy-Blase. Ausgerechnet zu dieser Zeit kam Katrin Rohnstock mit ihrer so sympathisch altmodischen Idee.

Aber hat dieses Geschäft eine Zukunft? Was wird, wenn die Generation, die durch Krieg und Elend so viel zu erzählen hat, gestorben ist? Wer heute 30 oder 40 ist, wird nicht so viel erlebt haben wie seine Großeltern. Dann geht es nicht mehr darum, loszuwerden, wie man Zeuge von Nazigräueln wurde, sondern darum, wie man sich gefreut hat, als man mit 18 das erste eigene Auto geschenkt bekam. Brauchen diese Menschen einen Autobiografiker? Rohnstock rechnet mit der Wende in der DDR, die viele gebrochene Biografien produziert hat, und mit Ausländern, die nach Deutschland eingewandert sind. Die werden viel zu erzählen haben. In Katrin Rohnstock finden sie eine gute Zuhörerin.

 
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