hochschule „In zehn Jahren Dritte Welt“
Der Universitätsrektor spricht auf der Studentendemo; die Professorin widmet ihr Seminar dem Protest. In seltener Einigkeit lehnen sich die Hochschulangehörigen von Bayern bis Berlin gegen die Bildungskürzungen auf
An dem Spruch müssen sie noch arbeiten. „Haushaltsloch seit Jahren – gestopft wird mit Talaren“, heißt es auf dem Transparent, das Studenten hinter Ursula Lehmkuhls Rücken hochhalten. Man muss schon zweimal lesen, um das zu verstehen. Lehmkuhl ist Professorin für nordamerikanische Geschichte an der Freien Universität in Berlin; diese Woche hat sie ihr Seminar in die Haupthalle des Bahnhofs Zoo verlegt. Vor ihr kauern Dutzende von Studenten auf dem verdreckten Boden. In der Hand das Megafon, spricht Lehmkuhl von sozialen Umwälzungen im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts, von Industrialisierung und Massenimmigration, schließlich ist dies ein historisches Seminar. Allerdings mit aktuellen Bezügen: Wie heute in Deutschland sei vor 100 Jahren in den USA staatliches Handeln gefordert gewesen. „Die haben die Kurve gekriegt damals“, sagt sie und verlässt kurz historisches Terrain: „Wenn die Kürzungen im Bildungssystem so weitergehen, erreichen wir in zehn Jahren das Bildungsniveau eines Dritte-Welt-Staates.“ Die Studenten klatschen, ein paar Passanten auch, dann ist das Seminar beendet. Weiter geht es. In einer Stunde treffen sich am Potsdamer Platz Demonstranten von allen drei Berliner Universitäten zur Kundgebung des Tages.
Deutschlands Akademiker kommen langsam in Protestlaune. Und das nicht nur in Berlin, wo streikende Studenten vergangene Woche das Büro von Wissenschaftssenator Thomas Flierl (PDS) und die PDS-Parteizentrale besetzt hielten. Ob Niedersachsen, Bayern oder Hessen, die Streikwelle rollt. Überall im Land debattieren Studenten in Vollversammlungen, halten Professoren ihre Vorlesungen an öffentlichen Orten ab, und sogar Hochschulrektoren marschieren mit bei studentischen Protestzügen. Eine solche Solidarität zwischen Lehrenden und Lernenden hat es während Unistreiks der Vergangenheit selten gegeben. Doch auch die Streichpläne einzelner Bundesländer sind einzigartig: Bayern plant im Rahmen der generellen Haushaltskonsolidierung Einschnitte von mindestens fünf Prozent auch in der Wissenschaft, Niedersachsen zwei Prozent, Berlin mindestens sieben. Ernüchternde Zahlen, die auf eine ganz andere stoßen, die das Statistische Bundesamt in Wiesbaden heute bekannt geben wird: Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik sind im laufenden Wintersemester mehr als zwei Millionen Studenten an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) sieht darin eine „erfreuliche Entwicklung“, mit der Deutschland dem erklärten Ziel einer Studienanfängerquote von 40 Prozent noch einmal näher gekommen sei. Sie stützt sich dabei auf eine inzwischen hinlänglich bekannte, von OECD-Studien untermauerte Einsicht: Um international mithalten zu können, braucht Deutschland in den kommenden Jahren wesentlich mehr gut ausgebildete Fachkräfte, und das heißt: mehr Studenten.
Mehr Studenten wollen und gleichzeitig weniger Geld ausgeben für die Hochschulen – Detlef Müller-Böling, Leiter des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE), nennt das einen unauflösbaren Widerspruch. „Das geht nicht. Das spüren die jungen Leute ganz deutlich, und deshalb gehen sie auf die Straße.“ Ähnlich äußert sich Achim Meyer auf der Heyde, der neue Generalsekretär der Deutschen Studentenwerke: „Bund und Länder müssen endlich entsprechend den politischen Ankündigungen für die Zukunftsaufgabe Bildung genügend Geld zur Verfügung stellen.“
Die Betreuungssituation deutscher Studenten hat sich schon vor den aktuellen Sparplänen weiter verschlechtert. 2002 kamen 60 Studenten auf eine Professorenstelle, das waren noch einmal zwei mehr als im Jahr davor. Um mit dem Studentenansturm fertig zu werden, reagieren besonders große Universitäten mit der nahezu flächendeckenden Einführung eines hochschulinternen Numerus clausus. In Köln, Hamburg oder Münster hat diese Strategie faktisch bereits zu einer Deckelung der Immatrikulationszahlen geführt. Die großen Zuwachsraten melden daher vor allem die kleineren Hochschulen, die noch ein wenig Luft haben. So ist die Gesamtzahl der Studenten an der Universität Greifswald seit 1990 von 2300 auf zuletzt über 9000 in die Höhe geschnellt. Doch auch in Greifswald werden die Auslastungsgrenzen bald erreicht sein. Der Prorektor Claus Dieter Classen berichtet von überfüllten Hörsälen besonders bei den Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern. „Wir denken sehr stark darüber nach, ob wir jetzt auch an unserer Universität die NC-Beschränkungen auf weitere Fächer ausdehnen sollen“, sagt er.
Auch anderswo öffnet sie sich weiter, die Schere zwischen Studentenpopulation und Finanzausstattung der Hochschulen. An der Universität Nürnberg-Erlangen zum Beispiel erreichte die Zahl der Studenten im Wintersemester 23600, das sind 8,8 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei verzeichneten die Erziehungswissenschaften und die Naturwissenschaften den größten Zulauf. Gleichzeitig müsste die Universität schon im kommenden Jahr mehrere Millionen Euro kürzen. Wie viel genau, weiß keiner.
Die bayerische Regierung rudert schon zurück
„Es herrscht maximale Unsicherheit“, sagt der Rektor Karl-Dieter Grüske. „Man zieht der jungen Generation den Teppich unter den Füßen weg.“ Deshalb hat er neulich auf einer Studentendemo eine Rede gehalten. Seine Botschaft an Studenten und Staatsregierung: Das ursprünglich ausgegebene Einsparziel, zehn Prozent oder bis zu 27 Millionen Euro, sei illusorisch. Grüske hat ausgerechnet, dass selbst bei einem totalen Einstellungsstopp und dem Verzicht auf sämtliche Bau- und Sanierungsmaßnahmen nächstes Jahr bestenfalls vier Prozent zu schaffen wären.
- Datum 04.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
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