Tierhaltung Süß, bunt, kompliziert

Der Film »Findet Nemo« hat den Clownfisch zum Wunschhaustier unzähliger Kinder gemacht. Aber die Haltung hat ihre Tücken. Jürgen Lange, Direktor des Berliner Zoos, kennt sich da aus

Herr Lange, wenn ich beim Schnorcheln einem Clownfisch begegne, schwimmt er auf mich zu. Will der spielen?

Nein, er verteidigt sich und seine Anemone.

Was kann er denn zur Verteidigung tun, außer nach der Bedrohung zu schnappen?

Er klappert mit den Kiemendeckeln und erzeugt damit Geräusche. Viele Fische tun das. Der Knurrhahn heißt nicht umsonst Knurrhahn. Das klingt für andere Fische wesentlich lauter als für uns, weil erstens ihr Gehör empfindlicher ist und zweitens Wasser den Schall besser trägt. Es gibt aber auch Arten, da können Sie das Klappern des Gebisses durch die Scheibe des Aquariums hören.

Und wenn der Clownfisch selbst Angst bekommt vor einem größeren Gegnern?

Dann versteckt er sich in den Tentakeln der Anemone.

Wodurch unterscheiden sich die etwa 30 Clownfisch-Arten?

Als Clownfisch bezeichnen wir im Deutschen orangefarbene Anemonenfische mit mehreren weißen Binden. Bei einer Binde sprechen wir nur vom Anemonenfisch. Clownfische sind von Kopf bis Schwanz orange und haben die weißen Streifen meist über den ganzen Körper verteilt. Es gibt die so genannten falschen Clownfische, die nur den weißen Streifen haben; und es gibt die echten Clownfische – da ist der weiße Streifen durch einen schmalen schwarzen Rand eingerahmt.

Was nützt dem Fisch die Zeichnung?

Tarnung und Wiedererkennung im Schwarm. Wenn Sie im Meer ein wenig abtauchen, verschwinden Rot- und Gelbanteile des Lichtes. Dann wird das Orange des Clownfisches zu einem Hellblaugrau. Wenn Sie sich dazu bunte Korallen und Anemonen mit ihren langen Tentakeln vorstellen, dann ist das durchaus eine Somatolyse, also eine körperauflösende Zeichnung.

Wie kommt es, dass die Anemone den Fisch nicht frisst?

Sie erkennt ihren individuellen Bewohner. Erkennt die Anemone ihren Fisch nicht, vernesselt sie ihn.

Wie lernen Fisch und Anemone sich kennen?

Wenn der Fisch in die Anemone einzieht, führt er zunächst vorsichtige streichelnde Bewegungen durch. Dabei nimmt er das Gift der Anemone in die Schleimschicht seiner Haut auf. Die Anemone erkennt dann ihr eigenes Gift. Meist wird eine Anemone von einem Pärchen bewohnt, es kann sich aber auch um eine kleine Gruppe handeln, die von der Anemone akzeptiert ist.

Sind die Clownfische im Aquarium des Berliner Zoos selbst gezüchtet?

Das ist eine aufwändige Sache. Die Jungen sind so klein, dass man sie nicht mit Krebslarven füttern kann. Sie brauchen Meereseinzeller oder Rädertierchen. Und die wiederum fressen nur einzellige Algen, sodass man eine Nahrungskette aufbauen muss, damit die Jungfische überhaupt Nahrung haben. Die Anemomenhaltung ist noch komplizierter. In unserer Zuchtanlage bieten wir brütenden Paaren deshalb als Ersatz einen Blumentopf an. Sie legen ihre Eier darin auf einem Substrat ab. Beide Elterntiere bewachen die Eier. Männchen und Weibchen stehen abwechselnd vor dem Gelege und fächeln Frischwasser darauf, damit die Embryonen Sauerstoff bekommen. Der jeweils andere verteidigt das Gelege und den fächelnden Partner. Am 17. bis 18. Tag schlüpfen die Jungfische; und zwar in der ersten drei viertel Stunde nach Eintritt der Dunkelheit. Das liegt daran, dass in der Natur in den frühen Abendstunden Planktonwanderungen aus den größeren Tiefen nach oben stattfinden. So schwimmen die Jungfische in der Planktonwolke und haben die Gelegenheit, zur Oberfläche zu gelangen, kurz Luft zu schnappen und damit die Schwimmblase zu füllen. Alle Jungfische sind männlichen Geschlechts. Das stärkste Männchen wird dann zum Weibchen.

Wie werden die Männchen zu Weibchen?

Doppelanlagen sind in der Natur immer vorhanden. Die Umstellung ist hormonell bedingt. Wenn der Stress durch die Anwesenheit eines Weibchens wegfällt, wächst das stärkste Männchen zum Weibchen. Weibchen sind größer als Männchen.

Was braucht der Clownfisch, um sich im Wohnzimmer heimisch zu fühlen?

Clownfisch-Haltung ist nichts für Anfänger. Für ein Pärchen – sie sollten mindestens paarweise gehalten werden – braucht man ein Aquarium von 150, 200 Litern. Das sind anderthalb Badewannen. Die Mischungen für Meerwasser bestehen aus 68 bis 80 verschiedenen Salzen. Damit muss das Wasser angemischt werden. Das Wasser sollte mindestens drei bis vier Wochen im Kreislauf mit dem Filter laufen, ehe man einen Fisch einsetzt. Frisch angesetzt ist es zu aggressiv. Der Filter sollte eingelaufen sein, das heißt: mit Bakterien besiedelt. Außerdem muss er so dimensioniert sein, dass der Inhalt des Beckens einmal pro Stunde durchläuft. Für wirbellose Tiere – wenn also noch eine Anemone dazukommt – setzt man Eiweißabschäumer ein, die gelöste Abfallstoffe aus dem Wasser entfernen. Das ist wie an dreckigen Flüssen, wo sich Schaumberge bilden. Das wird im Aquarium technisch erzeugt, indem man kleinste Luftblasen injiziert, an denen sich die Abfallstoffe anlagern. Die Luftblase treibt nach oben und wird in einen Auffangbehälter gedrückt. Wenn man es gut machen will, betreibt man das System mit Ozon. Ozon oxidiert das hoch giftige Ammonium zum weniger giftigen Nitrat. Das Becken muss für die Anemone relativ stark beleuchtet werden, möglichst mit einer Farbtemperatur von 10000 Kelvin wegen des Blauanteils im Licht. Zur Fütterung sollte man nicht auf Flocken zurückgreifen, sondern gefrostete Shrimps oder Ähnliches zur Verfügung haben.

Angeblich sind Clownfische momentan weltweit ausverkauft.

Aus einem Film kann durchaus eine Bedrohung für die Individuen in der Natur werden. Die Aufzucht der Clownfische ist leider so aufwendig, dass es billiger ist, wenn man sie fängt. Und das geschieht nicht mit dem kleinen Kescher. Wenn man hier einen Fisch kauft, kann es sein, dass nur für ihn ein ganzes Riff geplündert wurde und tausend andere Tiere sterben mussten. Wenn Kinder aus dem Kino kommen und unbedingt ein Aquarium haben wollen, sollte man vielleicht mit einem Süßwasseraquarium und ein paar Guppys anfangen. Ein Anemonenfisch ist in der Realität auch nur ein paar Zentimeter groß – und nicht leinwandfüllend.

Im Internet kursieren Fotomontagen, in denen Clownfisch Nemo aus einer Sushi-Rolle herausguckt. Kann man Clownfische essen?

Wenn Sie wollen, können Sie alles essen. Clownfische sind nicht giftig.

Das Gespräch führte RALPH GEISENHANSLÜKE

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
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  • Schlagworte Fisch | Kinder
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