CyberspaceDie Piraten des 21. Jahrhunderts

Im Kampf gegen den Terror bauen Polizei und Geheimdienste den Überwachungsstaat auf. Doch eine Gruppe von Computergenies führt im Internet einen Datenkrieg gegen die Behörden. Bericht aus der Welt der verschlüsselten Botschaften von 

Die Kunst der Macht ist die Kunst des Verschwindens. (Paul Virilio)

Eben hat der Computer im Büro der gemeldet, dass eine E-Mail des Stadtschreibers eingegangen ist. Der Mann ist für diese Geschichte ein begehrter Informant. Einer, der einen Ruf in der Szene der Kryptografen genießt, der Erfinder und Anwender elektronischer Tarn- und Verschlüsselungstechniken. Doch eine E-Mail des Stadtschreibers kann man nicht einfach anklicken und lesen. Mehrere Minuten hat es gedauert, bis der Computer in die "verteilte Stadt" aufgenommen ist, ein Untergrundnetzwerk, das tief unter der Oberfläche des Internet versteckt und nur mit den richtigen Codewörtern zu betreten ist.

Die "verteilte Stadt" sieht auf den ersten Blick nicht anders aus als viele Web-Seiten im Internet. Man kann dort E-Mails versenden, Nachrichten an Schwarze Bretter heften und Chaträume besuchen. Doch anders als im gewöhnlichen Internet können sich Surfer hier auf ihre Anonymität verlassen. Niemand wird ihre Nachrichten abfangen. Eine Reihe von Techniken, die vor einem Vierteljahrhundert höchstens Geheimdiensten zugänglich waren, verschlüsseln elektronische Botschaften bis zur Unkenntlichkeit, lassen sie als vermeintlich sinnlosen Datenstaub um den Globus flitzen, verwischen auf der langen Reise alle Spuren. "aANQR1DBw04D/NSEz31qI+8QEADwytY", beginnt die Nachricht des Stadtschreibers, das ist "Cyphertext". Eine mathematisch verschlüsselte Botschaft, die nur ihr vorgesehener Empfänger lesen kann. Ein paar Mausklicks, ein Passwort, und endlich erscheint etwas Lesbares auf dem Bildschirm. "Thomas, lassen Sie mich über die Fragen nachdenken. Ich melde mich morgen wieder."

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Willkommen in der geheimnisvollen Welt der Cypherpunks! Es war im Mai 1992, als Eric Hughes bei seinem Freund Tim May im kalifornischen Santa Cruz auf einen Besuch vorbeischaute – und sich dann irgendwie drei Tage lang festquatschte. Hughes war damals Ende 20 und ein begnadeter Mathematiker von der Universität Berkeley; May war zehn Jahre älter, ein ehemaliger Physiker bei der Chipfirma Intel und ein paar Jahre zuvor mit einem gewaltigen Aktienpaket unterm Arm in "Frührente" gegangen. Man konnte es schnell merken, dass die beiden Wissenschaftler sich gut verstanden: Sie teilten einen ähnlichen Geschmack für Westernkluft und coole Sonnenbrillen, eine Faszination für Computertechnik und mehr als ein gesundes Maß an Verfolgungswahn. Vor allem teilten sie gemeinsame politische Überzeugungen.

Beide zählten sich zum Umfeld der libertarians, den Anhängern einer ultraliberalen Ideologie, die in der weißen amerikanischen Mittelschicht recht verbreitet ist. Libertäre Amerikaner stehen dem Staat in all seinen Erscheinungsformen besonders skeptisch gegenüber, von der Polizei bis zum Steuereintreiber; nicht wenige von ihnen würden Staaten samt ihren Steuern und Organen am liebsten ganz abschaffen und das Regiment den freien Märkten überlassen. Um solch markiges Gedankengut ging es auch beim Gesprächsmarathon der beiden Freunde in jenem Mai. Es wäre kaum der Rede wert, wenn das Duo nicht auch davon überzeugt gewesen wäre, selber den Schlüssel zu seinen politischen Traumvorstellungen in der Hand zu halten.

Noch im Herbst 1992 bildeten May und Hughes einen losen Zusammenschluss von Gleichgesinnten, der zu einer der ungewöhnlichsten – und obskursten – politischen Bewegungen aller Zeiten werden sollte. Sie nannten sich die Cypherpunks, frei nach einer Science-Fiction-Stilrichtung, die Ende des 19. Jahrhunderts in Mode gekommen war. Sie waren ein Sammelsurium aus hoch dekorierten Wissenschaftlern und Träumern, Computergenies und politischen Aktivisten, Rechtsanwälten und auch Verbrechern. Rebellen im Cyberspace wollten sie sein, Weltveränderer in Turnschuhen und T-Shirts, die ihre Laptops als Waffen begriffen. Sie würden zu unregelmäßigen "physischen Treffen" zusammenkommen, ihre Cypherpunk-Mailingliste würde zu einem der heißesten Internet-Debattenplätze mit fast 2000 Abonnenten aufsteigen; sie wollten die technische Elite sein, die die Infrastruktur für einen utopischen, gesetzlosen Cyberspace schafft. Und ausgerechnet heute, zehn Jahre später und nach den Terroranschlägen vom 11. September, sehen einige von ihnen ihre große Stunde gekommen: als letztes Bollwerk gegen die Überwachungsgesellschaft.

Die Internet-Wirtschaft, wie wir sie heute kennen, steckte zu Beginn der neunziger Jahre noch in ihren Kinderschuhen. Doch in Kreisen der Techniker-Avantgarde, in denen Hughes und May verkehrten, waren Visionen für eine digitale Zukunft schon weit gediehen: An der amerikanischen Westküste debattierte man längst, wie elektronische Post in den kommenden Jahren fast alle Papiersendungen in und zwischen Betrieben ersetzen werde, dass sämtliche Geld- und Aktiengeschäfte von der Bankfiliale in den Cyberspace verlegt würden, dass Produkte wie Musik und Filme und Nachrichten eines Tages bloß noch per Datenleitung ausgeliefert würden. Immer größere Anteile unserer Arbeitsalltage und unserer Freizeit würden sich vor den Bildschirmen abspielen.

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