Cyberspace Die Piraten des 21. JahrhundertsSeite 8/8

„Wir wollen hier das neue Zahlungssystem für das Internet werden“, sagt Sandy Sandfort und ruckelt auf seinem wackligen Schreibtischstuhl hin und her, als könne er es plötzlich kaum noch erwarten. „Und zwar eines, bei dem es keine Schwierigkeiten gibt, wenn jemand Glücksspiel-Chips, Waffen oder was auch immer einkaufen will.“ Grob vereinfacht ausgedrückt: Kunden werden eines Tages Geld an Verax überweisen, per Bank, Postanweisung und womöglich sogar bar. Bei Verax bekommen sie dafür ein Guthaben eingeräumt und können fortan in Kasinos wetten. In Panama gibt es gegen diese Methode keine Gesetze. Die wahre Identität eines Spielers behalten Sandfort und seine Kollegen dabei für sich; neue Krypto-Technologien sollen sicherstellen, dass der Spieler anonym bleibt und dass trotzdem keiner pfuschen kann.

Aber was passiert, wenn die amerikanischen Behörden Überweisungen an Verax eines Tages genauso verbieten wie an die Spielkasinos? Sandy lacht. „Allein aus diesem Grund wollen wir möglichst schnell dafür sorgen, dass unser Zahlungsmittel von möglichst vielen Händlern im Internet akzeptiert wird, auch von Hotels, Reisefirmen, vielleicht sogar eines Tages von Amazon.com. Für was genau der Kunde sein Geld ausgegeben hat, das ist in unserem System nicht mehr nachvollziehbar. Er kann dann immer plausibel abstreiten, es fürs Cyber-Glücksspiel verwendet zu haben.“

Wenn das Zahlungssystem erst läuft, will Sandfort es vielleicht auch für andere Anbieter lizenzieren; sein Programmierer Pelle, ein 33-jährige Däne, hat dazu schon allerlei Gedankenexperimente gemacht. „Neuclear funktioniert wie uralte Tauschsysteme“, sagt er, „nur mit High-Tech-Methoden durchgeführt. Sie können mit diesem System theoretisch alle möglichen Währungssysteme aufbauen. Wenn Sie wollen, bauen Sie eine Cyber-Währung auf, die auf Gold als Sicherheit basiert. Oder besser noch auf Opium. Ich würde mich kaputtlachen, wenn das jemand probieren würde.“ Ein Scherz. Und längst arbeitet der Programmierer Pelle schon an einer Version seines Bankprogramms, das gar nicht mehr auf einem einzelnen Computer untergebracht ist – sondern verteilt auf viele, viele Einzelcomputer auf der ganzen Welt. Wenn das erst funktioniert, welche Bankengesetze können dann überhaupt noch zum Einsatz kommen? Entstehen auf diesem Weg bald perfekte digitale Finanzoasen im Cyberspace? Parallele Wirtschaftsräume, mit denen man seine Handels-, Wertpapier- und Glücksspielgeschäfte ein für alle Mal verheimlichen kann?

„Ach, wissen Sie, das ist das Problem mit allen Cypherpunks“, sagt Sandy Sandfort. „Die haben diese Vision, dass sie völlig in eine parallele Welt verschwinden wollen. Meistens funktioniert die Welt nicht so.“ Sagt es, geht zu seinem Schreibtisch herüber und deutet an die Decke. „Schauen Sie, ich könnte hier mit der besten Sicherheitssoftware der Welt sitzen – und dann könnte irgendein Spion oder die Polizei eine winzige Kamera in der Lampe eingebaut haben, die alles aufnimmt, was ich tippe. Glauben Sie mir: Wir werden noch viele Fortschritte machen. Aber ganz unsichtbar werden Sie im Cyberspace niemals sein.“

 
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