Verkehrsplanung Zu unserer Entlastung
Hommage an eine STraße in Berlin mit einem freundlichen Namen
Das Beste aber ist natürlich eine Straße, die nicht nur Entlastungsstraße ist, sondern auch so heißt. Sie hat ein Ich und ein Über-Ich. In Berlin gibt es so eine Straße. An ihr sind ordentliche blaue Straßenschilder zu sehen. Darauf steht »Entlastungsstraße«. Das regt die Vorstellungskraft an. Der Fremde hetzt durch die Stadt, hier ein Termin, dort die Sushi-Verabredung. Schnell runter mit den Reisbällchen, auf Wiedersehen, Frau Sushi, ich muss ins Ministerium. Was für ein Leben. Da braucht es Entlastung. Wie wäre es mit einer ganzen Entlastungsstraße? Auf ihr lustwandeln freundliche Schutzmänner, die uns sogar die Koffer tragen. Gepolsterte Bänke laden zum Ausruhen ein, es gibt öffentliche Schlafkabinen. Eine Fee erscheint und fragt: »Darf ich Ihnen Arbeit abnehmen?« Ach, gehen Sie doch bitte für mich heute Mittag Sushi essen. Ich glaube, eine Entlastungsstraße könnte eine japanische Erfindung sein, und die Fee trägt einen Kimono.
Die echte Berliner Entlastungsstraße ist leicht zu finden. Man setze sich in ein Taxi und seufze: »Guten Tag, bringen Sie mich doch bitte zur Entlastungsstraße.« Das auszusprechen ist schon Erholung. Oder man fährt mit der U-Bahn bis zum Potsdamer Platz, hetzt an den komischen Bauwerken vorbei – bis, tja. Im Schaufenster ein Plakat: »Fühlen Sie sich abgespannt? Müde? Überlastet?« Hier muss sie sein, die Entlastungsstraße! Zwar wirbt das Plakat nur für einen Test der Schilddrüse, aber die gesuchte Straße verläuft wirklich ums Eck, direkt am Sony-Glaspalast, dem japanischen Elektrotempel. Wo ist die Geisha?
Stattdessen ein Parkhaus, mit grünem Licht und einem Display: »Einfahrt Entlastungsstraße frei«. Auch schön. Hätten wir jetzt ein Auto, gäbe es keinen Parkplatzstress. Ansonsten, na ja... weit und breit keine Sofas. Immerhin, die Straße führt vom Potsdamer Platz zum Tiergarten, und dort stehen Bänke, auf denen man sich ausruhen und den Bauleuten bei der Arbeit zusehen kann. Ob die hier auch manchmal sitzen?
Sie bauen einen Tunnel, die Straße wird an der Tunnelbaustelle vorbeigeführt. Später soll sie im Tunnel verschwinden, was schade ist, denn dann entlastet sie nur noch Autos und keine Fußgänger mehr. Zurzeit belastet sie übrigens die Natur, zerschneidet den Tierpark, dröhnt und auspufft alles voll. Im Tierpark selber hält sich die Entspannung auch in Grenzen, wegen der Radfahrer und der Jogger. Ein Schild knurrt: »Liegewiese. Ballspielen nicht gestattet«.
Hart am Rande der Entlastungsstraße, die bald verschwinden soll, damit der durchschnittene Tierpark wieder zusammenwächst und sich endlich erholen darf, zeigt sich eine grüne Reiterstatue. Der Jüngling zu Pferde, angeblich eine Amazone, hat fast nichts an, abgesehen von der Doppelaxt. Das Tier guckt auf die Autos. Hier ist, wie es heißt, ein Lesbentreffpunkt. Sind aber keine da.
Wer entlang der Straße weiterspaziert, landet an der Straße des 17. Juni. Rechts russische Panzer (Ehrenmal), geradeaus das Kanzleramt. Weiß der Kanzler, dass sich ihm nach angestrengten Tagen eine Entlastungsstraße anbietet? Er muss sich allerdings beeilen, wenn er sie noch nutzen will. Ist sie erst in der Erde verschwinden, dann kann er sich nur noch hindurchfahren lassen. Und dann bekommt sie auch bestimmt einen neuen Namen. Ist ja eigentlich doch kein Name, Entlastungsstraße.
Sie heißt so seit dem Mauerbau. Seinetwegen mussten die Stadtchirurgen damals einen Bypass legen. Gut, dass es Straßen mit so neutralen Namen gibt, man kann sie feierlich umbenennen. Straße der Deutsch-Japanischen Freundschaft zum Beispiel. Aber das wäre dann ja ein Tunnel, und wer weiß, vielleicht würde das die Japaner beleidigen. Dann lieber gleich Japan-Tunnel, das ginge eher. Ein Tunnel zur Entlastung der Situation. Vorne fährt man hinein, und hinten kommt man wieder heraus: in Japan.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
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