Je schlimmer die Nachrichten über Anschläge auf militärische und zivile Ziele werden, je undefinierbarer die Frontlinie des Krieges erscheint, desto lauter werden die Stimmen, die das Engagement der USA und Großbritanniens im Irak für gescheitert erklären. So forderten anlässlich des Besuchs von Präsident Bush in London an die hunderttausend Demonstranten den Rückzug der amerikanischen und britischen Streitkräfte. Sie konnten sich dabei der Zustimmung eines großen Teils der europäischen Öffentlichkeit sicher sein. Die Regierungen Frankreichs, Deutschlands und Russlands verlangen zwar nicht – wie die meisten arabischen Regierungen – einen sofortigen Truppenabzug. Doch sie drängen darauf, die Macht so schnell wie möglich "an das irakische Volk zu übergeben" – ohne freilich zu erklären, wer genau sie dann ausüben und unter welchen konkreten Umständen dies geschehen soll.

Die meisten Gegner der amerikanischen und britischen Präsenz im Irak sind nicht erst angesichts der Entwicklung seit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Bagdad am 9. April zu dieser Haltung gekommen. Ihre Argumente gründen entweder auf einer prinzipiellen Antikriegshaltung oder auf der Überzeugung, die gewaltsame Beseitigung eines diktatorischen Systems wie das Saddam Husseins sei illegitim. Die Diskussion über die Zukunft des Iraks wird deshalb auch in Deutschland zumeist nicht auf der Basis von Kenntnissen über die aktuellen Verhältnisse in diesem Land geführt. Die Debatten sind vielmehr von Voreingenommenheit und Rechthaberei geprägt – wenn nicht sogar von nur mühsam unterdrückter Schadenfreude über die hohen Verluste der "arroganten" Amerikaner. Auch die wenigsten so genannten Nahost- oder Terrorismusexperten, die derzeit in deutschen Fernseh-Talkshows vor einem "zweiten Vietnam" warnen, sind in der Lage, ein wirklich realistisches Bild von den Zuständen im Irak zu zeichnen. Wäre dies der Fall, müssten sie eindringlich davor warnen, dass ein amerikanischer Rückzug für das Land – und die ganze Region – eine Katastrophe bedeuten würde.

Neuerdings wird der anwachsende Terror im Irak in manchen Medien als Ausdruck eines zunehmenden "irakischen Widerstands" bezeichnet. Dies ist ein unerträglicher Euphemismus, der die Wirklichkeit grob verfälscht. Betrachtet man die terroristischen Aktivitäten genauer, stellt man rasch fest, dass sich alle diese Operationen auf den Westen des Landes konzentrieren. In dieser Region haben sich jene Sippen formiert, die über die Jahre der Diktatur hinweg von dem System Saddam Husseins profitierten. Aus ihnen ist eine neue – ursprünglich beduinische – aristokratische Schicht hervorgegangen, die man als die "Kaste der Anwohner von Euphrat und Tigris" bezeichnen könnte. Denn sie hat an den Ufern der beiden Flüsse in großem Stil Ländereien mit Beschlag belegt und dort ihre prächtigen Villen erbaut. Diese Kaste besetzte hohe Ränge in Militär, Sicherheits- und Geheimdienstapparat sowie in den Eliteeinheiten, aus denen sich die Republikanische Garde und die Fedajin Saddam Husseins rekrutierten. Sie stellt auch heute das soziale und politische Rückgrat des saddamistischen Untergrunds dar. Die Region der Profiteure erstreckt sich vom Westen Bagdads bis nach Tikrit und umfasst drei weitere wichtige Städte: Udschda (der Geburtsort Saddam Husseins), Samarra und Falludscha.

Vor allem westliche Kommentatoren nennen diese Gegend gern "das sunnitische Dreieck". Die Iraker aber vermeiden diese pauschalisierende Bezeichnung, denn sie zwängt die politischen Konflikte im Land in ein konfessionelles Schema. Im Irak wurde deshalb ein anderer Spitzname erfunden, der einen besonderen Hintersinn enthält: ta’assuf, das "Dreieck der Willkür". In dem Wort ta´assuf finden sich die arabischen Anfangsbuchstaben der oben genannten Städte wieder. Es bezeichnet "Willkür" in seiner ganzen Bedeutungsbreite von Missbrauch bis hin zu Sabotage.

Selbst wenn sich die Mehrheit der Bewohner der genannten Region an Aktionen gegen die amerikanische Präsenz beteiligen würde – was nicht unterstellt werden darf –, würden sie doch nur einen Teil der sunnitischen Bevölkerungsgruppe ausmachen, deren Anteil an der Gesamtbevölkerung des Iraks von westlichen Experten mit 13 Prozent beziffert wird. Nehmen wir die anderen religiösen und ethnischen Gruppierungen im Irak hinzu – Sunniten, Schiiten, Christen, Zaiditen, Mandäer und Juden, Araber, Kurden und Turkmenen –, kommen wir auf eine irakische Mehrheit von mehr als 24 Millionen, die am gewaltsamen "Widerstand" des Dreiecks der Willkür nicht beteiligt ist. Der Irak insgesamt hat 26 Millionen Einwohner.

Innerhalb dieser überwältigenden Mehrheit wiederum befürwortet nach Umfragen eine Majorität die amerikanische Präsenz, während eine Minderheit sie ablehnt oder nicht genau weiß, ob sie sich einen Rückzug oder einen Verbleib der amerikanischen Truppen wünschen soll. Was die Schiiten betrifft, die ihre Stimme zunächst gegen die amerikanische Präsenz erhoben haben – so die Gruppen um Muqtaddar al-Sadr oder Ajatollah Sistani –, so haben viele von ihnen ihren Standpunkt inzwischen geändert: Sie fordern die Amerikaner auf, ihrer Verantwortung als Besatzungsmacht nachzukommen und warnen vor dem Machtvakuum, das nach einem Rückzug der westlichen Truppen entstehen würde. Die Mehrheit der Iraker hat sehr gut begriffen, dass es den Amerikanern zwar möglich war, in relativ kurzer Zeit einen Krieg zu gewinnen, dass es aber jahrelang dauern kann, Frieden und Stabilisierung zu erreichen.

Sie wissen: Ein Rückzug der amerikanischen und britischen Streitkräfte würde für den Irak schreckliche Folgen haben. Nicht nur, dass es dann zu einem Bürgerkrieg aller gegen alle kommen könnte – Schiiten, Sunniten, Araber, Kurden, Turkmenen würden ihre Streitigkeiten womöglich mit der Waffe austragen. Auch die Nachbarländer könnten in den Konflikt hineingezogen werden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass der eine oder andere Nachbarstaat versuchen würde, sich sein Stück vom auseinander fallende irakischen Kuchen zu sichern – allen voran Iran und die Türkei. Das Ergebnis wäre eine Erschütterung der gesamten Region, was sich zu einem großen Krieg im Nahen Osten ausweiten könnte .

Auch die Kriegsgegner sollten diese Gegebenheiten endlich akzeptieren. Sie sollten aufhören, die Meinung der Mehrheit des irakischen Volkes zu ignorieren und stattdessen nur auf den Lärm der Explosionen von Autobomben und Raketen zu hören, die von den verbliebenen Anhängern des Machtapparats Saddam Husseins und den mit ihm verbündeten islamistischen Terroristen gezündet werden. Es ist kein Geheimnis, worauf es die "schwarzen Todesschwadronen" der Baathisten mit ihren Gewalttaten abgesehen haben. Sie zielen auf das, was sie für die schwache Stelle der westlichen Demokratien halten: deren Hochschätzung des individuellen Menschenlebens. Das Kalkül der professionellen Massenmörder, die selbst keinerlei Respekt vor Menschenleben kennen, ist simpel. Je mehr Soldaten und Zivilisten sie umbringen, desto mehr werde sich die öffentliche Meinung in den Ländern der Koalition gegen eine Fortführung des Krieges wenden. Und da demokratische Regierungen auf Dauer dem Druck ihrer Wähler nachgeben müssen, spekulieren Saddam Husseins Mörder auf einen baldigen Triumph. Inzwischen gilt es für sie, durch Terror die eigene Bevölkerung einzuschüchtern und an der Zusammenarbeit mit den "Besatzern" zu hindern. Für diese Strategie gibt es keinen besseren Kronzeugen als Saddam Hussein selbst, den gelehrigen Schüler Stalins und Hitlers. Am 19. Juli 1979, direkt nach der Machtübernahme im Land, hielt der frisch gebackene Diktator als Erstes eine Rede vor einer Versammlung westlicher Journalisten. An sie gerichtet, erklärte er: "Ihr sollt wissen, dass unsere Regierung nicht wie eure Regierungen ist. Sie fällt, wenn es nur eine einzige abweichende Stimme gibt. Sie kam auf ihre eigene Weise und wird auf ihre Weise fortfahren." Noch bevor er seinen Satz beendet hatte, legte er die Hand auf seine Pistole. Was er damit meinte, davon zeugen die zahlreichen Massengräber, die seit seiner Vertreibung von der Macht gefunden werden. Mit derselben Verachtung für den Einzelnen, die Saddam Hussein bei seinem täglichen Terror gegen die eigene Bevölkerung und in zerstörerischen militärischen Aktionen unter Beweis stellte, wüten heute seine Terrortrupps unterschiedslos gegen Fremde und Iraker, Männer und Frauen, Greise und Kinder. Dabei betrachten sie längst nicht mehr nur Amerikaner und Briten als Zielscheibe. Wie das Selbstmordattentat auf den Stützpunkt der italienischen Streitkräfte in Nasirija, die Anschläge auf die Stützpunkte der Vereinten Nationen und des Roten Kreuzes in Bagdad sowie zuletzt die Angriffe gegen spanische Geheimdienstler, japanische Diplomaten und südkoreanische Aufbauhelfer zeigen, haben diese "Widerstandskämpfer" allen den Krieg erklärt, die den Irakern beim Wiederaufbau ihres Landes beistehen wollen. Der Kampf ist längst über die Frage hinausgewachsen, ob die "amerikanische Besatzung" berechtigt sei. Es geht den Terroristen darum, Kampfzonen zu schaffen und auszuweiten, in die sich Vertreter der Vereinten Nationen und von humanitären Organisationen nicht mehr hineintrauen. In diesem Zustand der Anarchie hofft der Mörder Saddam Hussein als einziger Garant für Ordnung an die Macht zurückkehren zu können – nach seinen Vorstellungen werden ihm dazu die Europäer verhelfen, um genau zu sein: Frankreich.

Die Europäer sollten ihm und seiner Entourage diese Illusion so schnell und eindeutig wie möglich rauben. Wer den Irakern beistehen will, sollte das ohne Rücksicht darauf tun, ob er den Irak-Krieg für rechtmäßig hielt oder nicht. Der Krieg hat nun einmal stattgefunden, und die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen. Statt auf ein baldiges Ende der amerikanischen und britischen Vormachtstellung zu drängen, sollten sich alle Demokratien der Bekämpfung ihrer wirklichen Feinde zuwenden. Angesichts der Strategie der Saddamisten und ihrer Verbündeten ist es widersinnig, eine "Verbesserung der Sicherheitslage" abzuwarten, bevor man sich im Irak engagiert. Ebenso wenig produktiv sind genüssliche Reflexionen darüber, dass die amerikanischen Neokonservativen und "Falken" eine Lektion erhalten hätten. Auch wenn man der Ansicht ist, dass die Irak-Frage von der US-Administration falsch beantwortet wurde und die amerikanische Zivilverwaltung dort viele Fehler macht – die Frage selbst bleibt doch mit umso größerer Dringlichkeit bestehen.