Viola Hanke ist eine beneidenswerte Frau. Biologin, junge Professorin und Direktorin. Äpfeln gilt ihre Leidenschaft, in Dresden-Pillnitz leitet sie das Institut für Obstzüchtung, eine Filiale der Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen (BAZ). Das renovierte Institutsgebäude ist mit modernen Labors ausgestattet, die Lage des Hauses königlich: direkt am Park des Lustschlosses Pillnitz, der imposanten Sommerresidenz sächsischer Herrscher am Ufer der Elbe. Viola Hanke forscht, wo andere Urlaub machen. Rechts neben ihrem Schreibtisch hängt eine Grafik, eine geometrische Anordnung appetitlich fotografierter Äpfel verschiedenster Sorten. Fügte man in dieses Arrangement ein Porträtfoto von ihr ein, mit ihrem rotwangig-freundlichen Gesicht könnte man sie glatt als Apfelkönigin präsentieren.

Viola Hanke ist eine bedauernswerte Frau. Sie wirkt ernst und bedrückt, ihre Leidenschaft als Forscherin ist ramponiert. Wer ihre Geschichte hört, die sie nüchtern und ohne Anklage referiert, der versteht exemplarisch, warum viele Nachwuchswissenschaftler, speziell Bio- und Gentechniker, trotz guter materieller Ausstattung Deutschland frustriert verlassen. Dabei ist Hanke eine Rückkehrerin. Sie wollte in Dresden umsetzen, was sie an der Cornell University in New York gelernt hatte. Nach jahrelangen Bemühungen schien sie nun dem ersehnten Ziel nah. Durch Einschleusen ausgesuchter Gene wollte sie die deutschen Apfelbäume gegen drei der wichtigsten Schädlinge im Obstbau resistent machen: Feuerbrand, Mehltau, Schorf.

Solch resistente Bäume könnten den Obstbauern viel Mühe und Geld, der Umwelt viele Pflanzenschutzmittel ersparen. "Die ersten Freisetzungen hatten wir für diesen Herbst beantragt", erzählt sie. Die Auspflanzungen sollten in den üblichen Versuchsarealen erfolgen, in Dresden-Pillnitz und bei der Zentrale der BAZ in Quedlinburg, Sachsen-Anhalt.

Die Bäumchen von Viola Hanke enthalten eingeschleuste Resistenzgene in vielen verschiedenen Kombinationen. "Wir wollten im Freiland über mehrere Jahre hinweg prüfen, ob sie halten, was Vortests im Labor versprochen hatten", sagt sie. Denn die eingeschleusten Gene könnten – wie viele natürliche Gene auch – im Lauf der Jahre von den Bäumen abgeschaltet werden. Die Schädlingsresistenz ginge wieder verloren. Freilandtests sind notwendig, weil die Infektion von Bäumen durch Pilze und Bakterien oft auf komplexen Wegen erfolgt. So können etwa Sturm oder Hagel Blätter und Blüten verletzen. Solche Wundstellen sind Einfallstore für Mikroben, die von Vögeln, Insekten, Wind oder Regen herangetragen werden. "So viel Natur lässt sich im Gewächshaus nicht nachahmen", sagt die Züchterin.

Da bürokratische Mühlen in Sachen Gentechnik besonders gründlich mahlen, hat Hankes Chef, BAZ-Direktor Manfred Neumann, bereits im Februar 2001 das für ihn zuständige Bundeslandwirtschaftsministerium um Erlaubnis gebeten, einen Freisetzungsantrag für die Apfelgehölze stellen zu dürfen. Neumann residiert im mittelalterlichen, als Weltkulturerbe ausgezeichneten Quedlinburg in einem alten Gebäude nahe am Arbeitsamt. Eine fast gespenstische Ruhe herrscht abends in dem malerischen Städtchen, Wirtschaftsflaute und die nasskalte Jahreszeit halten die Touristen fern. Gut, dass Quedlinburg ein weiteres Standbein hat – es ist eine traditionelle Hochburg deutscher Saatzucht. Auch das benachbarte Gatersleben ist weltberühmt für seine Pflanzen-Genbank. Die Landesregierung Sachsen-Anhalts will ihre "Kompetenzzentren für moderne Saatzucht und Biotechnologie" stärken und pumpt mehr als 100 Millionen Euro in eine Biotechnologieoffensive zur Unterstützung von Forschung und Wirtschaft. Während Biobauern in Mecklenburg-Vorpommern stolz sind auf die erste "gentechnikfreie Zone", betreibt Sachsen-Anhalt das Gegenteil. Die Landesregierung will rasch die großflächige Aussaat von Genmais vorantreiben. "Die Fläche wird so groß sein, dass Gentechnik-Gegner mit schwerem Großgerät anrücken müssten, um sie zu zerstören", prophezeit Wirtschaftsminister Horst Rehberger.

Die Politfehden sind nicht das Feld von BAZ-Direktor Manfred Neumann. Er freut sich still auf Millioneninvestitionen des Bundes in sein neues Dienstgebäude. Der Grundstein wurde kürzlich gelegt. Mit grüner Gentechnik haben weder er noch die Bürger Quedlinburgs Probleme. "Die Menschen hier sind eben sehr gut informiert", sagt er. Hohe Zäune um seine Versuchsfelder? Ein Graus! Wozu auch, seit Jahren ist Gentechnik wichtiger Bestandteil der BAZ-Forschung, fast schon Routine. "Wir haben seit 1996 bereits acht verschiedene genetisch veränderte Organismen freigesetzt. Vorwiegend bakterien- und virusresistente Kartoffelsorten, pilzresistente Weinreben, auch Raps", berichtet er. Abgesehen von vorübergehenden Diskussionen, etwa bei der Freisetzung von Reben in Rheinland-Pfalz, gab es kaum Probleme.

"Die letzte Genehmigung zur Freisetzung von genetisch verändertem Raps in Groß Lüsewitz bei Rostock haben wir noch in diesem Mai erhalten", sagt er. Auch für die Apfelbäumchen sah alles gut aus: "Von der ZKBS, der Zentralen Kommission für Biologische Sicherheit, wussten wir schon, dass sie keine Risiken gesehen und grünes Licht gegeben hat." Die ZKBS ist hochkarätig besetzt und gilt als wichtigste Hürde im Genehmigungsverfahren. Sie arbeitet als unabhängige Kommission für das Berliner Robert Koch-Institut im Gesundheitsministerium.

Und dann das: Am 24. Oktober wurden Viola Hanke und Manfred Neumann von Journalisten überrascht. Das Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL), orakelten die Pressevertreter, habe die Freisetzung der gentechnisch veränderten Apfelbäumchen untersagt. Sie bezogen sich auf Informationen der Grünen. Hanke war ahnungslos, Neumann fühlte sich überrumpelt. Er war zwar mündlich vorgewarnt worden, aber erst zwei Tage später ging bei ihm ein Brief aus dem BMVEL ein, die Freisetzung fände nicht statt.