New York Zum Teufel mit der Hölle
Die Gangster und die Huren haben Hell's Kitchen verlassen. Das ehemals berüchtigste Viertel New York erneuert sich
Sie stelzen durch die Nacht, schwanenhaft die Hälse, Gesichter wie Porzellan. Ihre Schritte pochen auf dem Asphalt. Als sie die Lichter der Bar sehen und die Scheiben, hinter denen die Gäste ihre Schönheit ausstellen, stoppen sie. Senken die Köpfe und blicken prüfend auf ihre Körper, die bauchlosen Bäuche, die hungernden Hüften. Dann gehen sie dem Eingang entgegen, Gesichter modelliert zu Masken des Lächelns. Der Türsteher erblickt sie, und er hebt das samtrote Seil.
Es ist der Moment, in dem sich die Stadt spaltet entlang einer samtroten Linie, hinter der Männer in schwarzen Lederjacken stehen und die Wartenden auswählen. Vor dem Zanzibar küssen die Frauen den Türsteher, der das Seil für sie hebt, und treten in eine Welt weichen Lichts. Sie empfangen die Blicke der Männer, ihren stillen Applaus und schreiten zur gläsernen Bar, die glimmt, als fließe glühender Stahl in ihr. Das Licht durchflutet den Stoff ihrer Röcke. Sie kreuzen die Beine und klappen die Schminkspiegel auf. Aus ihren Handtaschen erklingen die Melodien silberner Telefone, die sie wie Amulette gegen die Einsamkeit tragen. Der Discjockey thront auf seiner Kanzel und lässt House-Musik auf sie niedergehen. Sie betrachten die Kleider der Frauen und die Körper der Männer, und sie halten die Martini-Gläser wie Zepter in ihren Händen. Die Männer positionieren sich und komponieren ihren ersten Satz.
Die Stadt ist elektrisch in dieser Nacht, sie schimmert, sie sirrt. Über die Ninth Avenue wischt der Verkehr, das Gelb der Taxis in Unschärfe verschwimmend, verschleiert von Dampf, der aus den Kanaldeckeln steigt. Drinnen, unter der Kanzel des Discjockeys, flimmert ein Flachbildschirm, auf dem ein Globus schmilzt und zerfließt und sich dann zu einer neuen Erdkugel formt und verhärtet. Es ist ein Bild, wie gemalt für den Moment. Eine Welt löst sich auf und verschwindet. Eine neue entsteht.
Das ist die Geschichte. Es ist die Geschichte eines Stadtteils, den schon sein Name davor zu bewahren schien, chic zu werden. Hell’s Kitchen war gritty, grobkörnig, großmäulig, und es hatte eine Vergangenheit, die wie eine Warnung an ihm haftete. Die Straßen von Hell’s Kitchen waren das Revier der brutalsten New Yorker Verbrecher. Ein Jahrhundert lang mordeten sie hier, von den Anfängen der Industrialisierung bis zu den Drogenkriegen der achtziger Jahre. Der Stadtteil trug die Narben dieser Zeit mit dem Stolz, sie irgendwie überlebt zu haben, und es schien undenkbar, dass eines Tages ein Schönheitssalon wie das Zanzibar in seiner Mitte eröffnen könnte.
Jetzt ist es passiert. Der Wohlstand ist in das Viertel gesickert, und ein Prozess der Veredelung hat begonnen, der den Stadtteil zersetzt und erneuert. Der Wandel verdrängt Dinge, die niemand vermisst. Die Dealer, den Dreck, die Gewalt. Aber er verdrängt auch jene, die den Preis nicht bezahlen können. Die Schauspieler, die Schriftsteller, die Musiker. Sie kamen, weil die Mieten niedrig waren und die Lichter des Broadway nah. Sie mochten, dass Hell’s Kitchen nicht versuchte zu gefallen. Dass es sich weigerte, seine Geschichte zu verleugnen. Im Rechteck zwischen 34th und 59th Street, Eighth Avenue und Hudson River fanden die Künstler eine Heimat, mörderisch manchmal, doch auf faszinierende Weise lebendig. Hell’s Kitchen war ein Bewusstsein, eine Weltanschauung. Jetzt wird es zu einer Location.
Sie stützt sich auf ihren silbernen Stock und geht die Ninth Avenue hinab. Irgendwann bleibt sie stehen und betrachtet ein leeres Schaufenster. Von Dennis’ Laundry ist nur das Schild geblieben und ihre Erinnerung an den Geruch frischer Wäsche. »Jetzt habe ich meinen Wäschemann verloren«, sagt Chocolate Waters und blickt durch das verstaubte Schaufenster. In der Leere des Ladens hängt ein Schild mit einer Telefonnummer, und wahrscheinlich hat sie längst jemand gewählt, der mehr Umsatz verspricht, als Dennis es konnte. »Sie haben seine Miete verdreifacht«, sagt Chocolate. »Da hat er aufgegeben.«
Und so verlängert sich ihre Liste. Vor ein paar Jahren begann Chocolate, die Orte aufzuschreiben, die aus der Nachbarschaft verschwanden. Wenn sie heute durch die Straßen von Hell’s Kitchen geht, kann sie die Vergangenheit noch sehen. Die Theater, in denen sie Gedichte vortrug. Die Bars, in denen sie Martinis trank. Irgendwann fiel der Vorhang auch im Curtain Up, ihrer Stammkneipe an der 43rd Street, und sie merkte, dass Hell’s Kitchen mehr als nur Geschäfte verlor. »Es war das Wohnzimmer, das ich zu Hause nicht hatte«, erzählt Chocolate. »Ich traf dort meine Freunde und schrieb Gedichte.«
- Datum 04.12.2003 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





