Jerusalem

Über dem kleinen palästinensischen Städtchen Dschenin, am nördlichen Rand des Westjordanlandes, geht die Sonne auf. Ihre Strahlen tauchen die grauen, schmuddeligen Betonhäuser für einen kurzen Augenblick in freundliches, gelbes Licht. Schnitt. Ein Mann rast durch die Gassen, springt nach links, nach rechts, fuchtelt wild mit den Armen. Immer wieder hält er sich den rechten Zeigefinger an die Schläfe und drückt den Mittelfinger nach innen. Der Mann ist taubstumm, er kann nur mit Gesten sagen, dass in Dschenin etwas Schreckliches geschehen sein muss.

Schnitt. Sirenen heulen auf, das Geknatter von Hubschraubern der israelischen Armee betäubt die Ohren, Explosionen bringen ganze Häuserfluchten zum Einsturz. Auf der Straße liegen gefesselt und aufgereiht ein knappes Dutzend Menschen. Ein Panzer rollt auf sie zu. Schnitt. Leichen werden fortgetragen. Ein Vater beweint seinen Sohn. Hasserfüllt sagt ein zwölfjähriges Mädchen: "Stolz wie ein Adler werden wir leben, aufrecht wie ein Löwe werden wir sterben."

Szenen aus dem Film Dschenin, Dschenin, den der israelische Araber Muhammed Bakri über die Militäraktion im April 2002 gedreht hat. "Massaker, Massaker!", riefen viele Palästinenser und forderten die Welt auf, sich zum Beweis diese Dokumentation anzuschauen. "Propaganda, Propaganda!", konterten viele Israelis und liefen gegen die Ausstrahlung Sturm. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren verbot die israelische Filmprüfstelle die Vorführung eines Kinostreifens aus politischen Gründen. Ihr Argument: Der Film verfälsche die Wirklichkeit.

Muhammed Bakri zog vor das Oberste Gericht des Staates Israel – und bekam vor wenigen Wochen Recht. Ja, der Film verdrehe Tatsachen, er lüge sogar, sagen die höchsten Richter. In Dschenin habe kein Massaker stattgefunden, das hätten zahlreiche Untersuchungen belegt. So habe zum Beispiel der Panzer in Wahrheit angehalten und sei nicht, wie Bilder und Filmschnitte nahe legten, über die gefesselten Menschen hinweggerollt. Das gesteht auch Muhammed Bakri ein. Trotzdem, urteilen die Richter, müsse der Film gezeigt werden. Die Prüfstelle habe zwischen dem Recht auf Sicherheit des israelischen Volkes und dem Recht auf freie Meinungsäußerung falsch gewichtet. Der israelische Bürger Muhammed Bakri triumphiert, die israelische Armee ist empört – und fordert die Richter auf, ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken.

Hier das von Selbstmordattentätern bedrohte Leben der Israelis, das von Hamas und Islamischem Dschihad bestrittene Existenzrecht Israels, dort die im Anti-Terror-Kampf der Soldaten und Polizisten bedrängten Menschenrechte. Inmitten dieses zermürbenden Konfliktes sitzen die neun Männer und fünf Frauen des Obersten Gerichts von Israel und lassen das Pendel mal in die eine und immer öfter in die letztere Richtung ausschlagen. Seit Jahren kämpfen sie heldenhaft für die Freiheitsrechte und zeigen aller Welt, dass Israel eine wehrhafte und zugleich eine wahrhafte Demokratie ist. Die umliegenden arabischen Staaten, geschweige denn die palästinensische Autonomiebehörde, haben kein solch starkes, unabhängiges und mutiges Gericht. Gäbe es einen Dokumentarfilm über die Opfer von Selbstmordattentaten, er käme dort nicht in die Kinos.

Israels Oberstes Gericht thront auf einem Hügel hoch über Jerusalem, in einem der schönsten Justizgebäude der Welt. Links davon tagt der Knesset, das Parlament, rechts entsteht gerade der neue Amtssitz des Premierministers. Ein schnurgerader Weg verbindet die Gebäude und soll – so die Architekten und die Bauherren – symbolisieren, dass alle drei Gewalten Recht setzen und dem Recht unterworfen sind. Andere sagen, die Lage des Gerichts beleuchte exakt sein Dilemma: Die beiden Nachbarn, Volksvertretung wie Regierung, nähmen die Justiz kräftig in die Zange.

Tatsächlich muss sich das Oberste Gericht nach allen Seiten wehren. Palästinenser wie linke Israelis wüten, die Richter stellten die Besatzungspolitik, die Mauer, die Zäune, die Enteignungen, die Zwangsumsiedlungen, die Häuserzerstörungen, die gezielten Tötungen mutmaßlicher Terroristen nicht grundsätzlich infrage, sondern zögen bloß Grenzen. Damit legitimierten sie diese Politik sogar. Die Rechten und die Regierung Scharon empören sich, das Gericht mische sich in die Politik ein, sei blind für die Sicherheitsbedürfnisse des Landes und falle mit seinem naiven Bekenntnis zu den Menschenrechten Polizei und Armee ständig in den Arm. Die Zeitungen sind voll erregter Kommentare, den Richtern wird Verrat vorgeworfen, zahlreiche Abgeordnete wollen die Macht der Justiz beschneiden. Der Präsident des Gerichts, der in Litauen geborene Aharon Barak, fährt nach Morddrohungen nur noch in einem gepanzerten Wagen, bewaffnete Bodyguards schützen ihn auf Schritt und Tritt.