marktwirtschaftDas Gesetz des Dschungels

Manche Topmanager vergessen allen Anstand. Der Raubtierkapitalismus bedroht die offene Gesellschaft. Ein Plädoyer für mehr Moral von Helmut Schmidt

Es wird immer deutlicher: Weniger persönlicher Reichtum als vielmehr die Konzentration von finanzieller Verfügungsmacht und massenpsychologischer Einflussmacht in relativ wenigen Händen entwickelt sich zu einer ernsten Gefahr für eine offene Gesellschaft. Die hohe Geschwindigkeit der Übermittlung von Verfügungen, Daten und Nachrichten sowie deren massenhafte Verbreitung können binnen sehr kurzer Zeit enorme Dominoeffekte auslösen. Wo Spekulation und Leichtfertigkeit Unternehmen oder Banken in Gefahr gebracht haben, wo deshalb die Versuchung zum Verbergen und Vertuschen, zur Täuschung und zum Betrug sich ausbreitet, dort stehen wir am Rande des Verfalls. Wo Kapitalismus und Moral sich gegenseitig ausschließen, dort stecken wir bereits tief im Sumpf.

Seit dem Frühjahr des Jahres 2000 haben die Betrügereien gewaltig zugenommen. Damals begann der Absturz der Aktienkurse in Nordamerika und in Europa, bei dem die US-Börse nicht ganz die Hälfte, die deutsche Börse sogar zwei Drittel ihres Wertes verlor. Vorher hatte es eine Massenpsychose gegeben, der manche Topmanager auch in alten, angesehenen Produktions- und Handelsfirmen sowie insbesondere in Banken und Versicherungen anheim gefallen waren; man hatte sich der Illusion ständig steigender Aktienkurse hingegeben. Dazu war in den neunziger Jahren die massenhafte Illusion einer unaufhaltsamen New Economy und eines Neuen Marktes gekommen. Als dann der Absturz erkennbar wurde, haben allzu viele zunächst der Versuchung zum Vertuschen von Fehlern und vielfach auch von Betrügereien nachgegeben.

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Mit vollem Recht hat der ehemalige amerikanische Finanzminister Paul O’Neill von einer "Schande" gesprochen. Das gleiche Wort trifft auf manchen deutschen Spitzenmanager zu. BDI-Präsident Rogowski hat deshalb verlangt: "Auch Topmanager haben sich am Begriff des ehrbaren Kaufmanns zu orientieren."

Heute ist in den USA, aber auch in Europa und in Deutschland ein ungewöhnlich hoher Verlust an Vertrauen des breiten Publikums eingetreten. Die Skandalliste umfasst nicht nur ein dutzend Wall-Street-Investmentbanken, sondern sie reicht von Arthur Andersen und Enron bis WorldCom und Xerox – und in Deutschland von Balsam und EM.TV bis Kirch. Ganz abgesehen von Straftaten, ist schon allein der heute dringende Bedarf an Wertberichtigungen und Abschreibungen erschreckend. Er hat in vielen Fällen die Erträge ganz und gar aufgefressen. Den Shareholder Value preist gegenwärtig nicht einmal mehr der Chef von DaimlerChrysler.

Tausendmal so viel wie die Arbeiter

Zwar kann man sich wahrscheinlich auch künftig mit einer Aktienanlage der eigenen Ersparnisse langfristig ein Einkommen für den Lebensabend sichern. Wer das auf dem Wege über einen Investmentfonds tut, der muss sich von den Managern des Fonds und von deren Sachkenntnis, Urteil – und Anstand! – abhängig machen. Zwar kann man relativ leicht die Leistungen der einzelnen Fonds miteinander vergleichen und sie dementsprechend auswählen. Aber die Risiken, die der einzelne Fonds eingeht, sind für den privaten Anleger weit weniger durchsichtig. So sind zum Beispiel die ahnungslosen Staatsangestellten, die ihre spätere Altersvorsorge in den kalifornischen Pensionsfonds in guten Händen geglaubt hatten, inzwischen eines Schlechteren belehrt worden.

Von den Investmentfonds aller Arten stehen einige – vor allem in den USA – weder unter Bank- noch Wertpapieraufsicht. Manche domizilieren sogar ganz offiziell auf irgendeiner Insel, auf welcher weder Aufsichts- noch Steuerbehörden funktionieren. Millionen Amerikaner haben in den vergangenen Jahren im Vertrauen auf Fondsmanager erhebliche Teile ihrer Alterspension verloren. In Deutschland ist das Vertrauen des allgemeinen Publikums in unseren Kapitalmarkt derzeit vermutlich noch geringer (was Abschlüsse zur Riester-Rente beeinträchtigt) als das Vertrauen in die Rente aus der staatlichen Versicherung. In beiden Staaten ist dringend zu wünschen, dass das Vertrauen der öffentlichen Meinung wiedererlangt wird; in beiden Fällen müssen deshalb Fehlentwicklungen offen gelegt und eingestanden werden. Das bedeutet auch: Die Staaten müssen in ihren Justiz-Apparaten mehr Kräfte zur Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität bereitstellen und einige Gesetze verschärfen.

Die sichtbare Spitze des Eisberges, wenngleich quantitativ keineswegs die wichtigste Größe, ist die Bezahlung von Spitzenmanagern. Dem Magazin Fortune zufolge haben die 100 Spitzenmanager in den USA Ende der neunziger Jahre im Durchschnitt 1000-mal so viel Geld erhalten wie ein durchschnittlicher amerikanischer Arbeiter. In Deutschland hat die Habgier die Bezüge nicht ganz so hoch getrieben. Aber immerhin erreichen einige unserer angestellten Spitzenmanager das Zweihundert- und Dreihundertfache des Jahresverdienstes eines durchschnittlichen gewerblichen Angestellten. DaimlerChrysler oder die Deutsche Bank sind hierzulande nur die prominentesten, keineswegs die alleinigen Beispiele. Zum Vergleich: Ein Bundesminister erhält etwa das Fünffache des Gehalts eines durchschnittlichen Angestellten.

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