Sitten und gebräuche Zugempfindlich

Der moderne Bahnreisende tritt nicht gern mit anderen in Kontakt

Sie sollten lieber Zuteile heißen. Denn zur Wahrung der Privatsphäre auf Zugreisen leisten Abteile wenig. Zwar halten sie einem das Gros der Mitreisenden vom Leib. Dafür muss man mit den Übrigen in umso innigere Gemeinschaft treten. Früher, als Reisen noch ein Abenteuer war, mögen solche Zufallsbegegnungen ein Teil des Vergnügens gewesen sein. Heute, wo die meisten bloß pendeln, sind mit dem Nörgeln über die ewigen Verspätungen schon alle Gesprächsthemen erschöpft, und man brütet den Rest der Fahrt über der Frage, ob man sich beim Aussteigen verabschieden muss. Die letzten Virtuosen der Abteilplauderei sind wohl die betagten Muttchen, die einmal im Jahr ihre Kinder besuchen und den Chef des ICE-Teams hartnäckig mit »Herr Schaffner« anreden. Alle Übrigen betreten ein Abteil in der Hoffnung, dort möglichst lange allein zu sein.

Entsprechend richtet man sich dort ein. Manche untermauern ihre Gebietsansprüche, indem sie sich möglichst ausladend hinfläzen. Andere täuschen durch strategisch verteilte Gepäckstücke vor, auch die übrigen Plätze wären belegt. Andere wiederum ziehen die Schuhe aus oder stellen sich schlafend, damit Eindringlinge merken, wie sehr sie den Hausfrieden stören.

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Früher gab es noch wirksamere Mittel zur Revierverteidigung. Aber die Bahn hat spätestens seit ihrer Privatisierung an raumgreifender Gemütlichkeit wenig Interesse. Darum hat sie die verhängbaren Abteiltüren durch voll verglaste ersetzt und die klappbaren Polstersitzgruppen durch Bankreihen, die ihrem gemütlichen Aussehen zum Trotz eine geordnete Sitzhaltung erzwingen. Auch die Möglichkeit, durch Lüften während der Fahrt Zugempfindliche wegzuekeln, ist lange schon verbaut. Ein Makel freilich eignet all diesen Kniffen: Sie schrecken den Wohlerzogenen ab, nicht aber jene Rüpel, mit denen man sein Abteil zuallerletzt teilen möchte.

Jedoch, das macht nichts. Abteilfahrer können verzeihen. Beim nächsten Halt schon ist der Störenfried von eben ein Verbündeter im Kampf gegen den Nächsten, der hereinwill. Zwei böse Blicke wirken stärker als einer. So geht es weiter, bis das Abteil mit einer Auslastung von fünfzig Prozent seine natürliche Sättigung erreicht. Kommt dann noch jemand hinzu, hat man das, was in vielen Milieus als Übergriff verstanden wird: unausgesetzten, direkten Augenkontakt.

Aber auch wer nicht das Pech hat, einer Abordnung der Borussenfront nach verlorenem Auswärtsspiel gegenüberzusitzen, kommt Fremden unerwünscht nahe. Man sieht das Loch in der Socke des Rucksacktouristen. Man riecht die Leberwurst im Butterbrot des Rentners. Man hört das Aufatmen des Mädchens, nachdem »Schatz« endlich aufgelegt hat. Man spürt den Ellbogen des Übergewichtigen, der nicht begreifen will, wo seine Hälfte der Armlehne endet.

So etwas kann auch den umgänglichsten Reisenden zermürben. Nach ein paar Stunden angestrengten Ignorierens fühlt man sich, als wäre man im Fahrstuhl stecken geblieben. Darum weichen wir dankbar auf die Großraumwagen aus, die die alten Abteilwagen verdrängen. Sie bieten zwar nur kleinsten Raum, aber den hat man zumindest für sich. Wenn wir jetzt noch starre Rückenlehnen und gesprächstötenden Fahrtlärm bekämen, stünde einer geruhsamen Zugfahrt nichts mehr im Wege.
MICHAEL ALLMAIER

 
  • Serie sitten und gebraeuche
  • Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
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  • Schlagworte Reise | Privatsphäre | Privatisierung
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