Kino Überdosis Elend

Zur Prostitution gezwungen: Lukas Moodysons Film „Lilja 4-ever“ über eine junge Russin

Lilja springt. Ihr Gesicht ist zertrümmert, der Traum von einem einfacheren Leben sowieso. Ihrem Folterer ist sie wenigstens dieses eine Mal entwischt. Ihrer Zukunft, die ihrer Vergangenheit schrecklich ähneln wird, kann sie nicht entkommen. So springt sie von der Autobahnbrücke, und Rammstein singen mit donnernder Garstigkeit Mein Herz brennt dazu.

Lilja 4-ever ist ein wuchtiger Film. Einer, nach dem man sich fröstelnd, bedrückt und stumm auf den Heimweg macht. In dieser Passionsgeschichte vom russischen Babystrich zur modernen Leibeigenschaft im schwedischen Sozialstaat war nie etwas gut und wird es auch nicht werden. Lukas Moodyson, der mit seinen Filmen Fucking Amal und Zusammen bekannt wurde, hat den Plot als freien Fall angelegt, bei dem man schon im Absprung den dumpfen Aufprall hören kann. Bebildert in dokumentarischer Schlichtheit, ausgemalt in schmutzigen Farben, die nur den Engeln auf Liljas Andachtsbildern ein bisschen Glanz lassen. Ihr Leben ist eine Krankheit, an der man nur eingehen kann. Die Konsequenz, mit der Moodyson ihren Verlauf beschreibt, hat auf den ersten Blick etwas ungeheuer Gewagtes. Auf den zweiten aber schimmert hinter der Geschichte einer Zerstörung eine zweifelhafte inszenatorische Programmatik durch. Ein Unbehagen stellt sich ein, wie immer, wenn das Unerträgliche mit dem Unausweichlichen verschmilzt.

Ein harter Schnitt wirft uns an den Anfang von Liljas Martyrium, drei Monate vor dem Sprung. Vor Nachbarskindern und Schulkameraden in einem russischen Plattenbau-Vorort prahlt das Mädchen damit, dass es fort geht. Weit weg, nach Amerika. Denn „hier gibt es nichts“. Doch die Mutter haut ohne Tochter ins Land der Träume ab und kündigt in einem Brief ans Jugendamt sogar ihre Elternschaft. Die Tante schmeißt die 16-Jährige aus der Wohnung. Ohne Geld und Familie bleibt Lilja nur ein Wohnloch. Dort hockt sie zusammen mit dem kleinen Wolodja, sie schnüffeln Klebstoff, kuscheln, kümmern sich umeinander. Als der Strom abgestellt wird, ein Geburtstagsgeschenk, selbst eine Tüte Chips unerschwinglich wird, geht Lilja anschaffen. Sie wird Teil eines seelenlosen Systems aus Verwertung und Erniedrigung. Aus ihrer Perspektive, die erst eine des Ekels ist, dann eine der inneren Emigration wird, sehen wir die Freier. Spastisch zuckende Oberkörper, von Gier entstellte Fratzen. Es ist die Untersicht einer Verratenen, der die Selbstsucht der Erwachsenen und die Gesetze des Marktes nichts mehr übrig lassen – nur den festen Entschluss, nichts mehr zu empfinden.

Das Martyrium des Mädchens, das schließlich als Prostituierte nach Schweden verschleppt wird, scheint selbst Moodyson irgendwann zu hart zu werden. Daher stellt er Liljas Bitte um Erlösung recht hilflos einen Engel zur Seite. Den kleinen Wolodja, der seit einer Überdosis Tabletten alles schon hinter sich hat. Andere Parallelwelten gibt es nicht. Nicht für gefallene Mädchen, die wie Lilja keine drei Schritte rennen dürfen, ohne in eine Pfütze oder vor Mülleimer zu stürzen.

Trotz aller Realitätsnähe und aufklärerischem Impetus bleibt die Protagonistin auf diese Weise immer Moodysons geschundene Kreatur. Sie untersteht seinem dramturgischen Patronat, erduldet die Torturen, die er in seinem sicher durch und durch humanistisch gemeinten Projekt ausgestellt haben möchte. So großartig die junge Oksana Akinschina ihre Figur auch spielt, so feinfühlig sie ihr Elend auch mit kindlicher Sehnsucht und den kleinen Fluchten der Vorstellungskraft durchwirkt: Moodysson lässt sie nur im Leiden wahre Virtuosität und Größe entwickeln. Und das hat bei aller erzählerischen Radikalität und aufrichtiger Wut auch etwas Obszönes.

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