Wintersport Après Knie
Viele Winter lang hat der Tiroler Schuhmacher Johann Leitner die strapazierten Beine seiner Kunden studiert. Dann entwickelte er einen Skischuh, der die Industrie revolutionieren könnte
Von Brenda Strohmaier
Der Tiroler Johann Leitner spricht gern über seinen Forscherdrang, auch morgens um fünf am Steuer seines VW-Busses. Netterweise bemüht er sich auch dann schon, ein für Norddeutsche verständliches Deutsch zu sprechen. »Wenn ich etwas mache, denke ich im gleichen Augenblick: Geht das nicht noch besser?«, sagt er. Es klingt wie eine Entschuldigung. Es ist seine Erklärung dafür, warum er vor 15 Jahren den Verdacht geschöpft hat, dass Skifahren komplizierter und schmerzhafter und gesundsheitsschädlicher ist, als es sein müsste, vor allem für die Knie. Irgendwo da draußen im Dunkeln sind die Alpen. Hier drinnen geht es um die Geschichte eines 52-jährigen Schuhmachers, dessen Hobby Skirennen sind und der sich nicht damit abfinden wollte, was die Hersteller für gute Skischuhe hielten. Es geht um einen Handwerker, der tage- und nächtelang in seinem Schuhladen in Bichlbach – einem 500-Einwohner-Dorf auf der österreichischen Seite der Zugspitze – an etwas Besserem bastelte. Und der jetzt mit einer Zunge aus Fieberglasspachtelmasse im Gepäck nach Ried im Innkreis unterwegs ist, zum Skihersteller Fischer.
Vorletztes Jahr wurde Leitner Vizemeister bei den Österreichischen Seniorenmeisterschaften im Riesenslalom, »die Konkurrenz war nicht besonders«. Er ist Schuhmacher geworden, weil sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater Schuhmacher waren. Er trägt Jeans und geht gern joggen. Er hat fünf Kinder, der Älteste ist 30 und hat in den letzten Jahren immer mehr Verantwortung im Laden übernommen, weil sein Vater anderweitig beschäftigt war. In diesem Winter bringt Fischer nämlich seine Skischuhe auf den Markt, und Leitner sagt dazu: »Es hat mich doch sehr gefreut, dass man als kleiner Wicht einen solchen Einfluss nehmen kann.« Eigentlich stellt die Firma schon seit Jahren keine Skischuhe mehr her, aber mit der Erfindung von Leitner wollen sie es noch mal versuchen.
Von außen ist der Soma Tec, wie man ihn bei Fischer getauft hat, ein ganz normaler Skischuh, ein klobiges Plastikteil mit vier Schnallen und ein paar Schrauben zur Feineinstellung. Was das Besondere ist, merkt man erst, wenn man seine Füße darin versenkt: Die Fußspitzen zeigen nicht wie gewohnt nach vorn, sondern leicht nach außen. Die Idee ist ganz simpel, nämlich: dass man in der V-Stellung viel leichter in die Knie gehen kann. Wenn die Füße dagegen beim Skifahren in die gleiche Richtung deuten (so wie in den vergangenen 100 Jahren), dann geht in der Fahrposition viel Kraft darauf, die Knie parallel zu halten. Ein »Dr. med. Hubert Hörterer« erklärt das in der Fischer-Marketingbroschüre so, dass durch die V-Stellung »der Bewegungsapparat wirkungsvoll vor Fehlbelastungen geschützt wird«, weil sie der natürlichen Fußstellung entspreche.
Den Verdacht, dass da etwas schief läuft, hat er schon lange gehabt und auch die Idee, dass man es besser machen könnte. Und doch hat der Leitner Hans aus Bichlbach lange nicht glauben können, dass er möglicherweise Recht hat: »Ich hab einfach nicht gewagt, an der Industrie zu zweifeln. Ich hielt sie für unantastbar.« Am Abend zuvor hat er in seinem Schuhladen erzählt, wie die Probleme seiner Kunden ihn schließlich vom Glauben abbrachten. »Ich habe bestimmt schon vor zigtausend kaputten Beinen gekniet. Und alle Kunden haben gedacht, dass nur ihnen der Skischuh nicht passt«, sagte er. Im Herbst 1989 kamen kurz hintereinander zwei Skiläufer zu ihm, die scheinbar ganz unterschiedliche Sorgen mit ihren Schuhen hatten. »Dann ging mir auf, dass die Probleme die gleiche Ursache hatten. Beide Läufer mussten sich zu stark bewegen, um den Ski unter Kontrolle zu bringen. Und bei beiden kam der Wirkungsverlust durch die Fußposition.« Die Bewegung des Knies und die Bewegung des Skis klafften einfach zu weit auseinander, die Knie bewegten sich zu weit nach innen.
Ein Jahr zuvor hatte Leitner bei einem Testfahren Herbert Auer kennen gelernt, einen Schuhmacher aus Steinbach am Brenner, einen, der sich wie er brennend für Füße interessiert. »Mit dem hab ich stundenlang telefoniert, auch er kannte ja die Probleme mit den Skischuhen aus seinem Laden. Wir haben uns gegenseitig beflügelt, haben Tests gemacht.« Das Ergebnis zahlloser Abfahrten war die Idee für ein Modell mit V-Position. »1990 hat der Auer gesagt: ›Komm, wir lassen uns das patentieren.‹«
Leitners Schuhladen: brauner Teppich, helle Möbel im Landhausstil. Außer Skischuhen gibt es nicht viel zu kaufen. Arbeitsstiefel, Gesundheitssandalen, Halbschuhe mit dem Gütesiegel »homemade by Johann Leitner«. In den Siebzigern lebte es sich mal ordentlich vom Schuheverkaufen. Heute besteht seine Kundschaft vor allem aus Hobbyskiläufern und Profirennfahrern, weil Leitner aus einem handelsüblichen Plastikklotz einen passenden Skischuh machen kann. Manchmal reicht dafür eine neue Sohle, ein neues Innenfutter, häufig bringt er die Schuhe mit der Fräse in Form oder mit einem Spezialföhn, der eigentlich dazu konstruiert wurde, Plastikhandläufe an schmiedeeiserne Treppengeländer zu schmoren.
Leitner springt oft auf, wenn er seine Arbeit erklärt. Dann krempelt er etwa die Jeans hoch und erläutert die Bewegungslinie des oberen Sprunggelenks. Oder er verschwindet irgendwo in der Werkstatt, ruft von dort: »Damit Sie das auch richtig verstehen.« und kehrt mit Anschauungsmaterial zurück. Mit einem Plastikskelett vom Fuß, einem Leisten oder einem Innenfutter, aus dem Schläuche ragen. Jedenfalls kann er sehr gut zeigen, warum Menschen mit gesunden Füßen Probleme mit einem Skistiefel bekommen, Knieschmerzen, Krämpfe, Druckstellen. Dazu braucht er nur das untere Stück eines Skistiefels, den er kurz über der Sohle entzweigesägt hat, sowie einen Fußabdruck auf Papier. »Sehen Sie, der passt da nicht rein«, sagt er. Und: »Da fragt man sich doch, warum die Industrie so was produziert!«
- Datum 04.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
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