Allmacht Die Flieger der Nation
Sigmund Jähn (DDR) war der erste Deutsche im Weltall. Ulf Merbold (Bundesrepublik) auch. Beide haben kürzlich ein Jubiläum gefeiert. Ein Gespräch mit zwei Helden der Raumfahrt
Herr Jähn, Sie waren einer der Helden meiner Kindheit.
Jähn : Daran bin ich völlig unschuldig.
In der DDR wurden Sie in Liedern besungen. Wir haben in der Schule mit Wasserfarben Kosmonauten gemalt. Und in den Zeitschriften waren Sie das leuchtende Vorbild dafür, wie weit man es bringen konnte als Arbeiterkind .
Jähn : Das sind Ihre Kollegen, die Sie da belangen müssen.
Waren Sie nicht gern ein Held?
Jähn : Nein, ich habe mich nie als Held gefühlt. Man hatte eine Aufgabe – das war eine tolle Sache –, und die hat man halt erfüllt.
Herr Merbold, ich bin im Westen aufgewachsen und kenne Sie aus dem Fernsehen, allerdings waren Sie nicht der Held meiner Kindheit. Ist es das Schicksal des Zweiten, immer auch der erste Verlierer zu sein?
Merbold : Ich sehe mich nicht als Verlierer. Als mein Flug stattfand vor 20 Jahren, war in der Bundesrepublik das Medieninteresse sehr groß.
Aber die Verehrung, die Sigmund Jähn in der DDR erfahren hat, gab es für Sie nicht. Wurmt Sie das?
Merbold : Überhaupt nicht. Für mich war das völlig irrelevant. Mir ging es nicht um Heldenverehrung, sondern um gute Wissenschaft. Im Laderaum des Shuttles wurden 15 Tonnen wissenschaftliches Instrumentarium in den Weltraum gebracht. Ich wurde im Übrigen nicht von der Bundesregierung, sondern von den am ersten Spacelab-Flug beteiligten Forschern ausgesucht, die mir 72 Experimente anvertrauten. Die europäische Weltraumorganisation Esa rekrutierte mich also aufgrund meiner wissenschaftlichen Qualifikationen. In Sigmunds Fall – ich glaube, das kann ich so sagen – handelte es sich um ein hochpolitisch eingefärbtes Spektakel. Bei mir war das überhaupt nicht so.
Jähn : Da bin ich völlig anderer Meinung. Politik hat in beiden Fällen eine Rolle gespielt, und die Presse als Teil der Politik hat das auch…
Merbold: Die Presse war im Westen kein Teil der Politik!
Jähn : Doch! Ich wurde im Westen mit sehr viel Häme überschüttet. In der Süddeutschen Zeitung stand, ich sei bloß der erste Sachse im Weltraum, der erste richtige Deutsche komme erst noch. Ein Springer-Blatt schrieb vom »Mitesser auf der Russen-Rakete«.
Merbold : Immerhin wurdest du in den bundesdeutschen Medien mit Namen genannt, während die DDR-Medien völlig über mich hinweggegangen sind.
Jähn : Aber der erste richtige Deutsche im Weltraum, das warst du, das steht noch heute in vielen Lexika!
Herr Merbold, glauben Sie im Ernst, Ihr Flug war nicht politisch?
Merbold : Die Frage ist, was alles zur Politik gehört. Mein Flug sollte im Gegensatz zu Sigmunds Flug nicht die Überlegenheit des kapitalistischen Systems demonstrieren. Natürlich kann man es auch so sehen, dass die Amerikaner damals die Europäer eingebunden haben, um mögliche Alleingänge zu verhindern. Wir haben das Spacelab gebaut, um den Shuttle zu einer wissenschaftlichen Plattform aufzuwerten, also in ein Labor umzuwandeln, das singuläre Bedingungen bildet: Schwerelosigkeit, keine Atmosphäre, globalen Überblick.
Sie haben damals die Amerikaner kritisiert.
Merbold : Mich hat gestört, dass das Spacelab von den Europäern entwickelt und bezahlt wurde und dann vollständig in amerikanischen Besitz überging, nur weil die Nasa einmal einen Nichtamerikaner im Shuttle mitnahm. Dieses ungerechte Verhältnis von Geben und Nehmen habe ich damals kritisiert. Danach erhielt ich vom Generaldirektor der Esa ein Schreiben, dass ich mich aller politischen Äußerungen enthalten sollte.
Herr Jähn, haben Sie auch einmal Kritik an den Russen geübt?
Jähn : Ich bin anders aufgewachsen. Und ich war Offizier. Da hat man zu machen, was befohlen wird – oder man bekommt Schliff.
Haben Sie Ihren Flug am 26. August 1978 gerne dem 30. Geburtstag der DDR gewidmet?
Jähn : Um Gottes willen! Das war eine Rede, die ich auswendig lernen musste. Es war alles abgestimmt zwischen dem Politbüro der SED und dem Politbüro der KPdSU.
Können Sie den Text noch?
Jähn : »Mir, einem Bürger der Deutschen Demokratischen Republik, ist die Ehre zuteil geworden, in den Weltraum zu starten…« Ach (winkt ab), und so weiter.
Nach Ihrer Landung wurden Sie gefeiert und als Beweis dafür herumgereicht, dass der Sozialismus dem Kapitalismus überlegen ist. Haben Sie sich instrumentalisiert gefühlt?
Jähn : Mir war der Rummel eher peinlich. Aber ich habe das als eine Art Dank betrachtet. Der Staat hatte mich ja ausgewählt. Ich wollte mein Bestes geben, und das Ganze hinterher gehörte für mich dazu.
Merbold : Was mich betrifft, übernehme ich Verantwortung auch dafür, was andere mit mir machen – respektive was ich andere mit mir machen lasse. Als ich zum Beispiel nach meiner Ankunft aus Amerika in Stuttgart so, wie ich war – unrasiert und ungewaschen –, vom Ministerpräsidenten Baden-Württembergs mit der Verdienstmedaille des Landes ausgezeichnet wurde, habe ich mich darüber gefreut. Ich wusste aber auch, dass sich Lothar Späths Chancen in der kurz darauf stattfindenden Landtagswahl, wiedergewählt zu werden, deswegen nicht verschlechtern würden.
Nach Ihnen, Herr Jähn, wurden in der DDR zwölf Schulen benannt, sogar ein Schiff. Sie waren ein lebendes sozialistisches Denkmal!
Jähn : Es gab vor einem Planetarium in Berlin sogar eine Büste von mir. Die habe ich nach der Wende gleich abmontieren lassen. Manches wurde mir natürlich zu viel. Beim Empfang in meiner Heimat, in Rautenkranz, da habe ich mir zur Begrüßung kein Arbeiterkampflied gewünscht, sondern Am Wald die Rehe grasen.
Sie gehörten in der DDR zu den Privilegierten.
Jähn : Mein Gehalt war das eines Generals, 3000 Mark Ost.
Und Sie hatten ein Westauto.
Jähn : Ja, ich habe mir einen Peugeot kaufen dürfen. Davon wurden damals ein paar hundert importiert, vor allem für Künstler – damit die bei Tourneen im Westen nicht im Trabi vorfahren.
Ihnen scheinen die DDR-Bürger die Bevorzugung nicht übel genommen zu haben. Sie werden bis heute verehrt.
Jähn : Ich bekomme noch jeden Tag Post. Ich sitze jeden Tag vier Stunden am Computer, um alle Post zu beantworten. Ich sehe das als eine Art Verpflichtung. Die Begeisterung der Leute, ihre Freude, die war ja immer echt.
Sie haben den ehrlich interessierten Menschen Dinge verschwiegen. Zum Beispiel, dass sich Ihre Raumkapsel bei der Landung dreimal überschlagen hat und Sie sich das Rückgrat verletzten. Das passte nicht in das Propaganda-Bild der überlegenen Sowjettechnik.
Jähn : Das habe ich nicht so empfunden. Mein Kreuz hat ja erst viel später wehgetan. Aber was in die Presse kam, bestimmte die Partei.
Was haben Sie gedacht, als China kürzlich seinen ersten Teikonauten überschwänglich feierte?
Jähn : Da gibt es natürlich Parallelen, da geht es auch um Propaganda. Und ich finde es schade, dass die Chinesen sich nicht in das Projekt der Internationalen Raumstation ISS eingegliedert haben. Angeblich wollten die ja mitmachen, aber Amis und Russen hatten etwas dagegen.
Merbold : Abseits aller Propaganda bewundere ich die Entschlossenheit und die Ingenieurleistung der Chinesen. Daran könnte sich Deutschland ein Beispiel nehmen. Ich träume davon, dass wir technologisch und wissenschaftlich ganz vorn marschieren wollen. Das zahlt sich langfristig auch aus. Die Chinesen haben schließlich die Kapsel ganz allein entwickelt, Sigmund und ich sind nur mitgeflogen.
Bereits 1984, ein Jahr nach Merbolds Flug, haben Sie beide sich in Salzburg beim Geburtstag des Raumfahrtpioniers Hermann Oberth persönlich getroffen. Welche Vorurteile hatten Sie vor der ersten Begegnung?
Jähn : Ich hatte keine Vorbehalte, was Ulf betrifft.
Haben Sie keinen Klassenfeind erwartet, gerade als Offizier?
Merbold : Der Klassenfeind ist das System, nicht das Individuum.
Jähn: Sie denken vielleicht in Kategorien! Als Journalist!
Das sind die Kategorien aus dem Staatsbürgerkunde-Unterricht der DDR.
Jähn : Dazu erzähle ich Ihnen mal Folgendes: Bei meinem ersten Besuch in der Bundesrepublik 1979 haben mich drei Leute vom Bayerischen Staatsschutz empfangen. Die dachten wohl, weil ich Offizier war, käme ich mit dem Dolch zwischen den Zähnen. Aber nach drei Tagen haben wir uns bestens verstanden. Warum sollten Ulf und ich uns als Papiertiger begegnen? Natürlich tastet man sich ab, aber die Chemie stimmte gleich.
Merbold : Für mich stand fest: Wer ins All fliegt, kann keine Pfeife sein. Da brauchen Sie Fähigkeiten, die einen Menschen über den Durchschnitt hinausheben. Ich habe gedacht, für das, was der Jähn da gemacht hat, verdient er Respekt.
Aber Sie hatten auch gesehen, wie Jähn als sozialistischer Held gefeiert wurde!
Jähn : Lassen Sie endlich mal den Helden beiseite! Sie machen sich offenbar falsche Vorstellungen.
Merbold : Ich bin ja selbst in der DDR aufgewachsen. Ich wusste, wie die Uhren gehen. Mir war klar, dass Sigmund Jähn auch missbraucht wurde. Es hat sich schnell herausgestellt, dass wir – trotz ganz verschiedener Lebenswege – zu sehr ähnlichen Einsichten gelangt waren. Einfach durch die Erfahrung, dass man in 90 Minuten den Erdball umrunden kann.
Nach Ihren Flügen sprachen Sie beide davon, dass Sie nicht verstünden, warum dort unten auf der Erde noch Kriege geführt werden.
Merbold : Ein mittelprächtiges europäisches Land von der Größe unseres eigenen ist mit dem Raumschiff in etwa einer Minute überflogen. Aus dem All sieht man viele Einzelheiten: Flüsse, Kanäle, die Lichter der Städte – nur die Grenzen sieht man nicht. Seit ich so sinnlich erfahren habe, dass wir alle auf einer kleinen Kugel leben, ist es für mich eine noch größere Geschichte, dass die Westeuropäer nach Jahrhunderten voller Feindschaft den Versuch unternehmen, das vereinigte Europa in Gang zu kriegen.
Jähn : Wenn man erst mal ein paar Jahre auf dem Buckel hat, sagt man sich: Das, was einem früher eingeprägt wurde, das stimmt doch alles gar nicht. Egal, ob ich in Moskau, Berlin oder Budapest mit jemandem spreche, die Probleme sind die gleichen.
Merbold : Wissen Sie, die Kiste fliegt etwa pro Sekunde acht Kilometer. Egal, ob es eine russische oder amerikanische, eine sozialistische oder kapitalistische ist. Das gibt – Gott sei Dank – die Orbitmechanik so vor. Und da hat keine Seite die Chance, die andere zu überholen.
Sie sind beide nur 30 Kilometer voneinander entfernt im Vogtland aufgewachsen – der eine in Thüringen, der andere in Sachsen. Warum hat der eine die DDR verlassen, und der andere ist geblieben?
Merbold : Mein Vater war Lehrer und wurde, nachdem er im Sommer 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft nach Thüringen zurückgekehrt war, von den Russen verhaftet und ohne jegliches Gerichtsverfahren in das KZ Buchenwald gebracht. Dort ist er 1948 verhungert. Diese so genannten Sonderlager wurden bis in die DDR-Zeit weitergeführt. Aber darüber durfte nicht geredet werden. Das hat mich am Sozialismus von Anfang an zweifeln lassen. Deshalb wollte ich auch nicht in die FDJ. Als ich mich dann zum Physikstudium an der Uni Jena bewarb, bin ich trotz guter Noten abgelehnt worden. Ich sollte mich erst »in der Produktion bewähren«, wie das damals hieß. Da ging ich in den Westen und ließ alles hinter mir, was mir wichtig war, meine Freundin, meine Mutter, meine Großmutter. Das war die schwierigste Entscheidung meines Lebens.
Haben Sie, Herr Jähn, sich in der DDR irgendwann beengt gefühlt?
Jähn : Nein. Ich bin einen anderen Weg gegangen. Mein Vater war Forstarbeiter. Ich hätte studieren können, aber zu Hause hörte ich, ich solle einen ordentlichen Beruf lernen. Also wurde ich Buchdrucker und ging später zur Armee, weil ich fliegen wollte. Das ist eben deutsche Geschichte, das sind deutsche Schicksale.
Sie haben den Mauerfall gemeinsam erlebt.
Merbold : Wir waren bei einem Treffen der Association of Space Explorers in Riad in Saudi-Arabien. Dort saßen wir zusammen auf dem Bett im Hotelzimmer und sahen im Fernsehen die Leute auf der Mauer tanzen.
Jähn : Es war auch eine Freude für mich. Es war das Ende des Zweiten Weltkriegs. Ich sehe noch das Foto in einer arabischen Zeitung: eine Frau auf der Bornholmer Brücke in Berlin, überglücklich, ihr Kind auf den Schultern. Das Gesicht werde ich nicht vergessen.
Merbold : Ich habe die Fernsehbilder auch nur verschwommen in Erinnerung, weil wir alle geweint haben.
Jähn : Später kam für mich die Enttäuschung, als die DDR in Grund und Boden verdammt wurde.
Sie sollten 1989 in den Vorstand der reformierten PDS gewählt werden, haben aber Ihre Kandidatur zurückgezogen.
Jähn : Da war mir klar geworden, dass ich wieder ausgenutzt werden sollte. Ich sah Leute, die mich vorschieben wollten, um noch was zu retten. Und da habe ich gesagt: Schluss!
Am 2. Oktober 1990 wurde die NVA aufgelöst. Für Sie als Generalmajor bedeutete das die Arbeitslosigkeit. Haben Sie sich vom neuen Staat ungerecht behandelt gefühlt?
Jähn : Ich bin heilfroh, dass mit der Wende die Gefahr einer atomaren Vernichtung gebannt wurde. Was Besseres hätte uns gar nicht passieren können. Aber ich hatte geglaubt, dass die westdeutschen Politiker mehr Größe zeigen würden. Stattdessen gab es eine Art Siegermentalität. Man hat sich damals von allen höheren Offizieren verabschiedet, von den allermeisten Hochschullehrern. Generale mussten plötzlich Zeitungen verkaufen. Ich persönlich war in der glücklichen Lage, dass ich mit der Unterstützung von Ulf sofort Arbeit hatte.
Einen Beratervertrag bei der Esa.
Merbold : Ich habe Sigmund nach besten Kräften geholfen und im Westen gesagt: Hier haben wir einen, der die russische Raumfahrt kennt. Und den brauchen wir jetzt, wenn wir mit den Russen fliegen wollen! Im Gegensatz zu dir, Sigmund, bin ich aber nicht nur deswegen über die Wende froh, dass die atomare Vernichtung gebannt wurde, sondern vor allem, weil endlich die Mauer fiel und damit die DDR-Deutschen reisen konnten, wohin sie wollten. Ich konnte mich nie damit abfinden, dass ein europäischer Staat auf seine Bürger schießen lässt, wenn sie andernorts leben möchten.
Herr Jähn, die meisten Westdeutschen kennen Sie erst seit dem Film »Good bye, Lenin«. Der Regisseur wollte, dass Sie sich darin selbst spielen.
Jähn : Aber ich passte da nicht rein. Das ist eines der Dinge, die ich – spät zwar – gelernt habe: Man kann nicht alles machen, was die Leute von einem erwarten. Auch die Schulen, die nach mir benannt wurden, besuche ich nicht mehr.
Aber Sie sind wieder prominenter geworden.
Jähn : Ich brauche keine Prominenz. Ich wünsche mir, in Ruhe gelassen zu werden. Ich hätte auch am liebsten dieses Interview nicht gegeben. Aber es ist Ulfs 20. Jahrestag, den wollte ich nicht verderben.
Das Gespräch führten TORALF STAUD und CHRISTINA STICHT
- Datum 04.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 04.12.2003 Nr.50
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