Würde man sie nur an der Zahl der Täter messen, die von deutschen Gerichten verurteilt wurden, wäre die bundesrepublikanische Aufarbeitung des Holocaust alles andere als ein Ruhmesblatt. Seit 1958, als mit der Einrichtung einer Zentralen Stelle der Justizverwaltungen in Ludwigsburg überhaupt erst eine systematische Verfolgung von NS-Verbrechen durch die hiesige Justiz begann, wurden weniger als 500 Personen wegen ihrer Beteiligung an der organisierten Judenvernichtung bestraft. Nur 100 der 4500 Personen, die zwischen 1945 und 1949 wegen NS-Delikten vor deutschen Gerichten standen, waren wegen Tötungsverbrechen angeklagt worden.

Auch der Frankfurter Auschwitz-Prozess, der vor genau 40 Jahren, am 20. Dezember 1963 begann, endete mit Strafzumessungen, die in keinem Verhältnis zu den grauenhaften Verbrechen standen, die im Prozessverlauf enthüllt worden waren. Von den 22 Angeklagten, die keine Einsicht oder Reue zeigten, wurden am 19. August 1965, nach zwanzigmonatiger Prozessdauer, 6 zu lebenslangem Zuchthaus, 11 weitere zu Freiheitsstrafen zwischen dreieinhalb und 14 Jahren verurteilt. 3 wurden freigesprochen, 2 schieden wegen Tod beziehungsweise Krankheit vorzeitig aus dem Verfahren aus.

Der ungeschützte Blick in die Mordmaschine schockiert die Welt

Dennoch hat dieser Prozess wie kaum ein anderes Ereignis der deutschen Nachkriegsgeschichte das Selbstverständnis der Bundesrepublik verändert. Zusammen mit dem Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem hob er die unvergleichbare Dimension der nationalsozialistischen Judenvernichtung erstmals massiv ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Zwar hatten die von den Alliierten geführten Nürnberger Prozesse bereits den Tatbestand der "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" verfolgt. Doch spielte er damals neben den Delikten "Kriegsverbrechen" und "Verbrechen gegen den Frieden" nur eine untergeordnete Rolle. Nach den Enthüllungen im Frankfurter Prozess aber war die Identitätssuche der deutschen Demokratie nicht mehr von dem vollständigen Wissen darum zu trennen, dass es Auschwitz gab und was es bedeutete. Auschwitz, als Chiffre für das Äußerste, das Menschen anderen Menschen antun können, bezeichnet seitdem den Abgrund, der unter der zivilisatorischen Oberfläche selbst einer hoch entwickelten, modernen Gesellschaft wie der deutschen lauern kann.

Ob man in Auschwitz nun aber das Resultat einer unheilvollen Fehlentwicklung der deutschen Geschichte oder das Menetekel der modernen Zivilisation insgesamt sehen wollte – unverrückbar blieb, worauf die Philosophin Hannah Arendt, in einem Briefwechsel mit Hans Magnus Enzensberger, 1965 hingewiesen hatte: Die bisher einzige planvoll betriebene Ausrottung einer gesamten, von den Verfolgern einer zu vernichtenden "Rasse" zugeordneten Menschengruppe ist nun einmal von Deutschland ausgegangen und von Deutschen ins Werk gesetzt worden. Alle Versuche, den Holocaust in generalisierende metaphysische oder geschichtsphilosophische Erklärungsmuster aufzulösen und damit das "Spezifische, Partikulare" deutscher Schuld zu verdecken, würden, so Arendt, an diesem unverrückbaren Faktum ihre Grenze finden.

Der deutschen Öffentlichkeit diese konkrete Schuld in qualvollen Details – die in zahlreichen Zeugenaussagen von Opfern und durch die Rekonstruktion durch Sachverständige ans Licht kamen – vor Augen geführt und sie in einer Urteilsbegründung von fast eintausend Seiten festgehalten zu haben ist die große Leistung des Prozesses. Um das Verdienst der anklagenden Staatsanwälte und des Gerichts würdigen zu können, muss man die Voraussetzungen betrachten, unter denen es zu diesem Verfahren gekommen war. Die frühe Phase der "Vergangenheitsbewältigung" war von dem Wunsch nach "Vergessen" und "Bereinigen" des Vergangenen, nach dem berüchtigten "Schlussstrich" geprägt.

Eines der ersten Gesetze, die vom Parlament der frisch gegründeten Bundesrepublik verabschiedet wurden, war das Straffreiheitsgesetz von 1949, das alle vor dem 15.September dieses Jahres begangenen Taten, die mit Gefängnis bis zu sechs Monaten beziehungsweise bis zu einem Jahr auf Bewährung geahndet werden konnten, amnestierte. Es folgten 1950 die Empfehlung des Bundestags, die Entnazifizierung zu beenden, 1951 das Gesetz zum Grundgesetz-Artikel 131, das die Rückkehr von NS-belasteten Angehörigen des öffentlichen Dienstes auf ihre alten Stellen ermöglichte, und 1954 ein erweitertes Straffreiheitsgesetz, das für Delikte, die mit Strafen bis zu drei Jahren belegt waren – somit selbst für vorsätzliche Tötungen bei mildernden Umständen – Straffreiheit in Aussicht stellte. Seit 1951 wurden zahlreiche Kriegsverbrecher, die von alliierten Militärgerichten verurteilt worden waren, begnadigt. Eine 1955 zwischen der Bundesregierung und den Alliierten getroffene Vereinbarung schloss Verfahren gegen Personen aus, die bereits von alliierten Gerichten abgeurteilt worden waren. So blieben NS-Täter, selbst wenn gegen sie neues Material vorlag, von weiterer rechtlicher Verfolgung verschont.

Diese Maßnahmen folgten dem von der allgemeinen Volksstimmung gestützten Bestreben, die "Aufrechnung" früheren Unrechts möglichst schnell abzuschließen und das "Vergangene ruhen zu lassen". Nicht nur nationalistische Kräfte mit restaurativer Absicht dachten so. Auch unzweifelhaft antinazistisch eingestellte Persönlichkeiten wie Konrad Adenauer, der erste FDP-Justizminister Thomas Dehler oder der SPD-Abgeordnete Fritz Erler betrieben eine "Vergangenheitspolitik" (wie der Historiker Norbert Frei es nannte) rascher "Normalisierung" – galt es doch, die Institutionen der jungen Demokratie zu stabilisieren und die große Zahl der "kleineren" NS-Täter und "Mitläufer" nicht von der Mitarbeit am Neuaufbau abzuschrecken.