War der Rhetoriker Walter Jens, war der Germanist Peter Wapnewski Mitglied der NSDAP? Wen kümmert's heute noch? Auf alle Fälle die Gelehrten selbst, die ein Eintrag im Internationalen Germanistenlexikon 1800 bis 1950 als junge Parteigenossen aufführt. Doch ein Gefühl moralischer Überlegenheit wird sich, zumal bei den Nachgeborenen, nicht einstellen, denen die sinfonischen Instrumentierungen des nachgeholten Antifaschismus im Feuilleton-Alltag der fünfziger und sechziger Jahre nicht mehr bekannt sind.

Jens war einer ihrer Kapellmeister.

Wapnewski, der dem Todesurteil vor einem Kriegsgericht wegen "Zersetzung der Wehrkraft" knapp entronnen war, wird es nicht zur Selbstverteidigung anführen wollen: Seine glanzvollen literarischen, akademischen und philologischen Leistungen wiegen viel schwerer als eine Mitglieder-Karteikarte, der das dazugehörige Parteibuch ebenso fehlt wie irgendein anderer Beweis einer zumindest angepassten Gesinnung. Jenes Buch hat er nie erhalten.

Das geistige Leben der jungen Bundesrepublik wäre ein anderes, wäre gewiss langweiliger gewesen ohne den liberalen Esprit des langjährigen ZEIT-Mitarbeiters Walter Jens. Doch gerade in seinem Falle verdrießt es, dass er, der bisweilen so schneidend zu urteilen wusste, zu einer ganz klaren Auskunft über seine Vielleicht-Mitgliedschaft nicht bereit sein will. "Ich bin ein Mann des peut-être", sagt er der Süddeutschen Zeitung.

Das las sich vor einem Vierteljahrhundert etwas anders (ach, die verdammten Archive!), als er dem damaligen Feuilletonchef der ZEIT, Fritz J. Raddatz, die Leviten las. Kopfwäschen waren Jens' Spezialität. Raddatz hatte in einem Parforceritt durch die Texte der "inneren Emigration" das germanistische Gedächtnis aufgefrischt: Günter Eich, Peter Huchel, Erich Kästner, Wolfgang Koeppen schrieben fröhlich weiter, immer weiter, während die Welt ringsum in Scherben fiel.

Walter Jens empfand Raddatz' Essay als "Denunziation", und er dekretierte eine Richtlinie zur korrekten Erfassung der Seelenlage aller Dichter der inneren Emigration. "Die These ist preiszugeben, die da besagt: Jedermann, der damals zwar nicht mit-, wohl aber weitermachte, ist, schon durch sein pures Verharren, in Schuld und Verstrickung geraten." Stattdessen ginge es darum, "behutsam zu nuancieren". Ein menschliches Petitum, dem nun ein gewisses Geschmäckle anhaftet. Im naturlyrischen Eskapismus der Weiterdichter suchte Jens Stilformen von "Negation und Zustimmung ... Hier könnte, bei offener Forschungslage, eine Debatte von Niveau beginnen - aber nie und nimmer auf der Ebene von 'War X in der Partei oder Y in der Reichsschrifttumskammer?'"

Ach, möchte man heute hinzufügen, vielleicht, aber doch nur "bei offener Forschungslage". Offene Archive waren wohl nicht gemeint. "Ich glaube nicht", so Jens, "dass sich die Wahrheit auf Karteikarten findet." Wo aber steckt sie dann? Wenn nicht in der Erinnerung, dann im Vergessen? Peut-être.