In einem roten Heftchen gibt die Bundesregierung dieser Tage Antworten zur Agenda 2010 . Mag sein, dass der reformmüde Bürger gar nicht gefragt hat, aber egal. Die Idee, das Volk über die Vielzahl verabschiedeter und geplanter Veränderungen kompakt zu informieren, ist begrüßenswert – selbst wenn es die Begeisterung ein wenig trübt, dass eine Berliner "Werbe- und Ideenagentur" das Aufklärungswerk konzipiert und gestaltet hat.

Machen wir ein Gedankenexperiment. Angenommen, einem wohlmeinenden Außerirdischen fiele das rote Heftchen in die Hand, das in hoher Auflage kostenlos verteilt wird. Was für einen Eindruck müsste er gewinnen?

Zunächst einmal dächte er, dass die Deutschen ein ausgesprochen junges Volk sind. Acht Personenfotos symbolisieren die Reformbereiche, und keines zeigt einen alten Menschen. Gesundheit zum Beispiel? Ein junges, küssendes Paar – die Frau hat bei näherem Hinsehen einen Arm in Gips, was sie aber nicht weiter zu behindern scheint. Bildung und Forschung? Ein niedliches Kleinkind schaut über ein Geländer. Und Rente? Klar, eine Jungfamilie mit zwei Kindern sitzt idyllisch am Wasser, in der Ferne ein Segelboot.

Derart erfreut über die deutschen Verhältnisse, geht der Außerirdische an die Lektüre. Und er bekommt mehr und mehr das Gefühl, dass die Deutschen die Quadratur des Reformkreises geschafft haben. "Sind die Reformen der Agenda 2010 sozial gerecht?", lautet eine Frage. Die Antwort: "Ja." Es sei gerecht, heißt es zum Beispiel weiter, "Chancengleichheit für alle herzustellen". Aus welchem Sonnensystem auch immer man kommt – wer möchte da widersprechen?

Gerecht sei es auch, "mehr Eigenverantwortung bei der Gesundheitsversorgung" zu erwarten. Stimmt schon wieder, und wenn der Außerirdische noch mehr wissen will, kann er unter "Gesundheit" nachgucken. Dort steht zunächst, wie in jedem Teil der Publikation, "das Problem" beschrieben, dann kommt "die Lösung".

Die Modernisierung des Gesundheitssystems orientiere sich ganz am Patienten, heißt es da. Und weiter: Mittels der Reform, zu der selbstredend alle Beteiligten einen angemessenen Beitrag leisten, werden die Kosten erheblich gesenkt, sodass der durchschnittliche Beitragssatz erheblich sinken soll. In einer hübschen Grafik, die Veränderungen unverhältnismäßig groß darstellt, wird für 2004 schon einmal die beabsichtigte Senkung von 14,4 Prozent auf 13,6 Prozent vorgezeichnet.

Der Außerirdische ist einmal mehr beeindruckt. Alle Nationen hadern mit ihren Gesundheitssystemen, aber nicht diese Deutschen. Dass die Eigenverantwortung vor allem mit zusätzlichen Zwangsversicherungen gestärkt wird, weiß er nicht. Dass es mit der geplanten Senkung der Beiträge wohl nichts wird, erfährt er nicht. Und dass die Reform die kassenärztlichen Vereinigungen und die Pharmafirmen ungeschoren davonkommen lässt, weil die CDU es so wollte, bleibt ihm verborgen.

So begeistert er sich weiter: "Künftig zahlt ein verheirateter Alleinverdiener mit zwei Kindern und einem Durchschnittseinkommen (40000 Euro brutto) 83 Prozent weniger Steuern als 1998." Ist ja irre, denkt der Leser. Wie machen diese deutschen Reformzauberer das bloß? Tatsächlich ist das Beispiel einfach nur geschickt gewählt. Im Schnitt werden die Bürger um weniger als 20 Prozent entlastet. Das ist zwar auch nicht schlecht, gerade angesichts der staatlichen Finanzprobleme. Aber den Marketingexperten im Dienst der Bundesregierung war es anscheinend nicht genug.