Um die Zukunft des Alters zu erkunden, zerschneiden sie Zähne von frühmittelalterlichen Skeletten. Sie züchten Billionen von Hefezellen in Geräten, die wie altmodische Kühlschränke aussehen. Sie machen Experimente in einem Raum mit über zehntausend Glühbirnen, von denen nur einige noch funktionieren. Und sie beschäftigen sich, manchmal jedenfalls, mit der Langlebigkeit von Autos.

Es sind ungewöhnliche Wissenschaftler, die der Amerikaner James Vaupel im Max-Planck-Institut für Demografie in Rostock versammelt hat. Sie kommen aus allen Teilen der Welt und gehören unterschiedlichen Fachrichtungen an: Biologie, Statistik, Mathematik, Anthropologie, Soziologie, Psychologie. Gemeinsam ist ihnen ihr Optimismus: Aus Rostock kommen besonders weitreichende Prognosen, wie die Alten von morgen leben könnten – und wie alt sie werden.

"Es ist immer wieder behauptet worden, dass es eine natürliche Obergrenze für die Lebenserwartung gebe", sagt Institutsleiter Vaupel, "immer wieder hat sich das als falsch erwiesen." 120 Jahre alt werden, oder gar 130 – für die Rostocker Forscher ist das nicht abwegig. Sie glauben, dass künftig viel mehr Menschen im hohen Alter gesund, innovativ und leistungsfähig bleiben. Und sie stellen regelmäßig fest, dass in Deutschland ganz anders über das Altern geredet wird. "Warum eigentlich", staunt der halb in Dänemark, halb in Deutschland lebende Vaupel, "wird hier der Anstieg der Lebenserwartung nur als Problem gesehen und nie als Errungenschaft?"

Träge, ängstlich, satt – so lauten die Etiketten für alternde Gesellschaften. Mehr Alte, heißt es, bedeuten weniger Wachstum, weniger Risikobereitschaft, weniger Existenzgründungen. Das Institut für Weltwirtschaft in Kiel rechnet mit einem altersbedingten Rückgang der Wirtschaftsleistung Deutschlands um jährlich 0,4 bis 1 Prozent. Als sich Demografie-Experten Ende November auf einem Kongress in Maastricht trafen, war dort von rückläufigem Konsum und sinkenden Steuereinnahmen die Rede – ohne dass jemand widersprach.

"Ohne höhere Geburtenraten bekommen wir keine Dynamik, keine Innovation, keine Kraft", sagt auch der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber. Der Demografie-Experte Meinhard Miegel liefert die Erklärung: "Wirtschaftswachstum bedeutet nicht nur Wohlstandsmehrung, sondern immer auch die Zerstörung von Überkommenem." Dagegen leiste eine alternde Gesellschaft größeren Widerstand als junge Kulturen. "Alte Menschen", meint Miegel, "wollen ruhiger, zurückgezogener leben und halten stärker an Vertrautem fest."

Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Würde das Gegenteil stimmen und auch die Altengesellschaft von morgen hoch produktiv sein – die Probleme der Alterung ließen sich leichter verschmerzen. Schließlich sagen Geburtenquoten allein nicht viel über den Wohlstand eines Landes aus, sonst müssten Staaten wie Indien oder Bangladesch viel wohlhabender sein als Deutschland oder Dänemark. Entscheidend für die Wirtschaftskraft ist die Zahl der Beschäftigten und ihre Produktivität. Für eine erfolgreiche Zukunft braucht ein Land beides: mehr Kinder und mehr Wachstum – uneinig sind sich die Experten allerdings, ob und wie beides zusammenhängt.

Der Irrtum der Kopfzahltheorie