Als Clive White sich vornimmt, schon bald ein berühmter Mann zu sein, ist er ausgelassen und ziemlich betrunken. An einem jener verregneten Märzabende des Jahres 1995 ist es passiert, in einer Holzhütte am Ufer eines Angelteichs in der englischen Grafschaft Hampshire. Wieder einmal leert Clive White mit dem Besitzer des Teiches viele Flaschen Bier, wieder einmal muss er den Wagen stehen lassen und die Nacht auf einer Matratze in der Angelhütte verbringen. Wie so oft reden die beiden über gigantische Fische, acht Kilo schwer, zehn Kilo, nein, noch schwerer, wieder öffnen sie Flaschen, und mit einem Mal ist ein undenkbarer Gedanke in der Welt: ein kleiner Trick, und der Fisch der Träume liegt in Clive Whites Händen. Eine Lüge, nicht ganz, eine halbe Lüge, mit dem Teichbesitzer gut vorbereitet, schwer zu durchschauen. Der ganz große Coup im Vereinigten Königreich, dem Mutterland des Angelsports. Noch nie hat White sich etwas Riskantes zugetraut. Er trinkt sich Mut an, und als ihn am nächsten Morgen Zweifel wecken, redet er sich ein, dass alles gut gehen wird, gut gehen muss. Wird er die Nerven behalten?

Heute, acht Jahre später, sitzt der inzwischen 35-jährige Clive White in der Küche seines roten Backsteinhauses in der südenglischen Kleinstadt Andover und nippt an einer Tasse Kaffee. Clive White berichtet von einem Menschen, der sein Leben von einer Regenbogenforelle abhängig machte. Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich acht Jahre lang an eine Lüge klammerte und damit beinahe seine Familie zerstörte. Seine eigene Geschichte.

Der 4. April 1995 beginnt sonnig und warm. Schon seit dem Morgengrauen steht Clive White auf dem ausgetrampelten Uferweg am Fischteich und wirft mit der Angel eine künstliche Maifliege aufs Wasser. White hat eine Fotokamera in seine Angeltasche gelegt. Es wird noch etwas Erstaunliches passieren, so ist es mit dem Teichbesitzer verabredet. Zufällig wandern zwei andere Angler am Ufer entlang. White hat sie hier noch nie gesehen. Die Fremden ahnen nichts, sie dürfen seinen Trick nicht durchschauen.

Unter dem großen Zweig liegt die Plastiktüte, hat White mit dem Teichbesitzer ausgemacht, eine prall gefüllte Tüte, versteckt im Schilf. Die Fremden pirschen arglos heran, und wenn sie noch näher kämen, könnten sie durch die Lücken im Schilf die Tüte sehen. Damit sein Plan noch gelingt, muss White jetzt handeln. Er legt die Angelrute auf die Wiese und lässt eine tote Regenbogenforelle aus der Tüte ins Gras gleiten. Der Fisch stammt nicht aus diesem Teich, er stammt aus einem separaten Zuchtbecken des Teichbesitzers. Mit zitternden Händen wuchtet White den Fisch empor, jetzt sehen ihn auch die anderen. Sie starren fassungslos. Ein schier unglaublicher Koloss von Fisch, mit einer mächtigen glitzernden Flanke. Der Glanz dieser Forelle soll auf Clive White abstrahlen. Jubeln müsste er jetzt eigentlich, schreien vor Glück, aber er schweigt betreten. Denn White bemerkt plötzlich, dass er in der Eile entscheidende Fehler gemacht hat. Ein frisch gefangener Fisch ist noch tropfnass, die Haut dieser Forelle jedoch ist ausgetrocknet, weil die Sonne die Tüte erwärmt hat. Und die Angelschnur liegt weit draußen im Wasser – wie kann das sein? "Das wird mich verraten", denkt White und will schon verzweifeln. Aber dies ist nicht der Moment für logische Schlüsse, die anderen Angler sehen nichts als einen gewaltigen Fisch, sie rennen herbei und gratulieren. Der Plan ist gerettet. Als einer der Fremden die Kamera auf ihn richtet, nimmt der 27-Jährige den Fisch auf den Arm, strahlt breit und entspannt. Die Pose eines Siegers.

Der Name Clive White steht sogar im "Guinness Buch der Rekorde"

Der Teichbesitzer lässt sich nichts anmerken, er hängt den Fisch an die Waage. Gut 16 Kilo. Die schwerste Regenbogenforelle, die jemals in Großbritannien von einem Angler gefangen wurde. Der Beauftragte einer unabhängigen Firma, die Längen und Gewichte offiziell prüft, wird gerufen. 16,740 Kilo, es bleibt dabei, Clive White, dieser Teufelskerl, er steht ganz oben. Die Nachricht spricht sich schnell herum. In England ist Angeln kein Hobby für Sonderlinge, sondern Breitensport. Sogar bei Hochzeitsfeiern und Beerdigungen paradieren ernste Männer in hohen Gummistiefeln und tragen ihre Angelruten so stolz, als wären es Nationalflaggen. In Whites Heimatstadt Andover, umgeben von den bekanntesten Forellenflüssen des Landes, reden die Einheimischen so oft übers Angeln wie über Fußball. Wer hier über Nacht prominent werden will, der braucht einen legendären Fisch.

Clive White füllt das Formular des British Record Fish Committee aus, die beiden anderen Angler unterschreiben als Zeugen. Jetzt ist es amtlich. Jetzt soll es die Welt erfahren. Im 250 Kilometer entfernten Peterborough, in der Redaktion des Fachblatts Trout Fisherman ("Forellenangler"), macht sich ein hektischer Fotograf auf den Weg. Auch er wird diesen Tag nicht vergessen. Er rast mit 187 Stundenkilometern über die Autobahn, wird von einer Radarpistole geblitzt und verliert später seinen Führerschein. Fernsehteams schleppen Richtmikrofone ans Ufer, das Massenblatt Sun befragt Clive White nach Ködern, der Star , der Daily Express. So lange präsentiert White den Fisch vor den Kameras, dass seine Arme wehtun.

In russischen Angelzeitschriften erscheint der Name Clive White, in australischen, überall, sogar im Guinness Buch der Rekorde. Hunderte Male noch wird Clive White die immergleiche Geschichte erzählen: Zehn Minuten dauerte es, bis er den widerspenstigen Fisch mit der Angel ans Ufer zerren konnte. Wenn er einen Pub in Andover betritt, hört er die Männer am Tresen sagen: "Big fish." Der Angler ist sehr stolz auf sich.