Im Jahr 2006 wollen sie wieder gemeinsam antreten. Für eine dritte rot-grüne Wahlperiode. So jedenfalls haben es die beiden Köpfe der Koalition, Gerhard Schröder und Joschka Fischer, Ende August verkündet. Etwas ungewöhnlich war das schon, eine Bündnisaussage drei Jahre vor dem regulären Wahltermin. Das klang nach neuer Gemeinsamkeit. So, als seien die beiden widerspenstigen Koalitionspartner, die sich schon so oft zerstritten und wieder zusammengerauft hatten, endlich aus dem Gröbsten raus. Weit gefehlt! Sie streiten wieder. Und auch wenn der doppelte Atom-Konflikt dieser Tage beigelegt wird: Er war nur der Auftakt für die Auseinandersetzungen des kommenden Jahres.

Der China-Auftritt jedenfalls hat demonstriert, wie sich der Kanzler als erster Interessenvertreter der deutschen Wirtschaft im Ausland – und damit fürs heimische Publikum – zu profilieren sucht. Kurzerhand hatte Schröder den Chinesen eine Aufhebung des EU-Waffenembargos in Aussicht gestellt, die Position seiner Gastgeber im Konflikt mit Taiwan eingenommen und dann auch noch den Export der Hanauer Nuklearfabrik für unbedenklich erklärt. Und als hätten des Kanzlers Spreng-Sätze, die mittlerweile als "China-Kracher" firmieren, nicht schon gereicht, wurde auch noch bekannt, dass die Bundesregierung eine Beteiligung des Siemens-Konzerns am Bau eines finnischen Atomreaktors mit Exportbürgschaften fördern wolle.

Fischer eckt an – in seiner Partei

Doch die Koalitionsbombe platzte erst mit einiger Verzögerung. Verantwortlich dafür war Joschka Fischer, der Mann, der einst als hessischer Umweltminister das Aus für die Hanauer Anlage durchgesetzt hatte. Der krächzte nun mit seiner Reibeisenstimme etwas von "bitteren Entscheidungen" in die Mikrofone – nicht ohne im Nachsatz anzumerken, es gäbe ja ohnehin nichts zu entscheiden, da alles nach einem klaren rechtlichen Procedere ablaufe. Damit stand Fischer ziemlich dicht an der Seite seines handlungsreisenden Kanzlers und ziemlich weit weg von seiner Partei. Normalerweise reicht Fischers Einsicht in die jeweilige Notwendigkeit, um die grüne Mehrheitsrichtung vorzugeben. Diesmal war es anders.

Zu bestaunen war ein kleiner Kulturbruch im langjährigen Konfliktbündnis der Grünen zu ihrem heimlichen Vorsitzenden: Aus allen Richtungen, von Fischer-nah bis -fern kam Widerspruch: Der Atom-Export nach China sowie die Bürgschaft für den Bau des finnischen Meilers stünden in diametralem Widerspruch zum rot-grünen Atomausstieg. Und während Fischer sich offenbar schon mit dem Hanau-Geschäft abgefunden hatte, wurden die Stimmen aus seiner Partei immer lauter, die eine ernsthafte Prüfung der Gefahren eines militärischen Missbrauchs forderten. Noch gravierender für die Öko-Partei war die in Aussicht genommene Exportförderung für das finnische Kraftwerk. Sollte die Bundesregierung, die den Atomausstieg beschlossen hatte, nun den Ausbau der Kernenergie im Ausland aktiv unterstützen? Das grüne Nein kam nicht überraschend. Und so war es diesmal nicht Fischer, der die Partei auf Linie brachte, sondern umgekehrt. Verschärfend kam hinzu, dass Fischer und seine grünen Kabinettsfreunde seit längerem von den problematischen Exportgeschäften gewusst und sie vor der Partei verborgen hatten. So musste der Außenminister zur Kenntnis nehmen, dass sich weder in der Fraktion noch in der Partei auch nur eine prominente Stimme dafür fand, den Atom-Deals einfach ihren Lauf zu lassen. Im Gegenteil: Ganz unaufgeregt war die Koalition an den Rand eines Bruches geraten.

Man kann die Geschichte der ersten rot-grünen Legislaturperiode als permanenten Identitätsverlust der Öko-Partei interpretieren. Man kann sie aber auch – und dazu hat sich die übergroße Mehrheit der Grünen entschlossen – als eine, mit Erfolgen durchsetzte, Einübung in die mitunter recht schmerzhaften Kompromisse des Regierens begreifen. Die Partei hat viel von ihrer idealistischen Restnaivität verloren, ohne sich in purem Machtpragmatismus aufzulösen. Sanktioniert wurde diese Sicht der ersten grünen Regierungsbilanz durch das beste Bundestagswahlergebnis in der Geschichte der Partei. Das hat den Grünen Selbstvertrauen zurückgegeben. In diesen Tagen wurde das erstmals erkennbar. Nicht nach früherem Muster, laut aber folgenlos, sondern ruhig und bestimmt widersprach die Partei dem Kanzler und seinem Vize. Bis auch Fischer nach vielen Gesprächen begriff, dass sein Stillhaltekurs nicht durchzuhalten war.

Eine starke SPD bedeutet für die Grünen meist nichts Gutes. Aber schwieriger noch ist die Beziehung, wenn die SPD leidet. So wie in diesen Wochen hat sie noch nie gelitten. Die Reformen treffen sie im Kern ihres Selbstverständnisses, die Mitglieder schwinden, die Umfragen sind auf dem niedrigsten Stand angelangt. Den Grünen geht es dagegen gut. Und fast sieht es so aus, als habe der Kanzler mit seinen jüngsten Vorstößen sein Image ganz bewusst auch auf Kosten des kleineren Partners aufpolieren wollen. Die Kalkulation ist nicht recht aufgegangen.

Die Koalition, so formuliert es der grüne Parteichef Bütikofer süffisant, habe doch wirklich "andere Prioritäten" als den Atomstreit: die Beschlussfassung über das Reformprogramm in den nächsten Tagen und parallel dazu die Regierungsverhandlungen über die europäische Verfassung.