Ein grundlegender Widerspruch kennzeichnet die rot-grüne Atomausstiegspolitik. Während die Regierung die Produzenten von Nuklearstrom hierzulande dazu verdonnert hat, ihre Meiler nach und nach stillzulegen, drängen hiesige Hersteller von Nukleartechnik ins Ausland. Und weil sie bei ihren Exportgeschäften gern um staatliche Hilfe nachfragen, gerät Rot-Grün ein ums andere Mal in die Bredouille. Bei dem jüngsten Krach um den Export der Hanauer Brennelementefabrik nach China und um Hermes-Bürgschaften für den Bau eines finnischen Meilers wird es deshalb nicht bleiben. Nicht weniger als elf Anträge für Bürgschaften sind anhängig, mit denen der Export deutscher Technologie für ausländische Nuklearvorhaben gefördert werden soll. Auf der "Atomliste" steht unter anderem der brasilianische Reaktor Angra 3, Nachrüstungen am slowakischen AKW Mochovce und die Modernisierung zweier bulgarischer Meiler.

Der Streit geht also weiter, zumindest so lange, wie nach dem Willen von Gerhard Schröder andernorts wachsen und gedeihen soll, was hierzulande auch nach des Kanzlers Credo keine Zukunft hat: die Atomkraft.

Tatsächlich legte sich Schröder öffentlich darauf fest, dem Münchener Elektrokonzern Siemens grünes Licht für den Export seiner bereits eingemotteten Hanauer Fabrik zu geben, deren Inbetriebnahme Joschka Fischer als hessischer Umweltminister einst verhindert hatte. Weiteren Ärger ersparte Siemens der Regierung vorerst nur, weil das Unternehmen auf Bitte Berlins darauf verzichtete, eine Export-Bürgschaft bei der Hermes Kreditversicherung zu beantragen. Damit wollte Siemens die Lieferung von Turbinen und Generatoren für ein finnisches Atomkraftwerk absichern.

Womöglich kommt nun ein Konkurrent des deutschen Anbieters zum Zug. Für den Nuklearteil des Meilers hat der finnische Investor TVO schon den französisch-deutschen Kraftwerkskonzern Framatome ANP, an dem Siemens mit 34 Prozent beteiligt ist (66 Prozent gehören der staatlichen französischen Nuklearholding AREVA), zum "bevorzugten Anbieter" auserkoren.

Framatome verbindet mit dem Geschäft in Finnland freilich weitergehende Pläne, die hierzulande schon bald neuen Ärger verursachen könnten: Um die Stückkosten für den finnischen Reaktor zu senken, drängt Framatome darauf, parallel eine Anlage gleichen Typs in Frankreich zu errichten – mit ausländischer Beteiligung. In der Strombranche ist es ein offenes Geheimnis, dass auch hiesige Versorger, denen der Bau von Atommeilern in Deutschland verboten ist, über eine Beteiligung am französischen Reaktor nachdenken. Sollte sich das delikate Vorhaben konkretisieren, wäre das der "Super-GAU" für die deutsche Atomausstiegspolitik, heißt es bereits in Regierungskreisen.

Ohnehin sehen Siemens und Framatome das finnische Projekt nur als "Trendsetter" in Sachen AKW-Bau. Es ist der erste Meiler, der nach einer Flaute von mehr als zehn Jahren wieder in Europa errichtet wird. Die Nuklearwirtschaft hofft nun auf einen Dammbruch – und auf weltweit viele neue Aufträge.

Die Prognosen der Internationalen Energie-Agentur (IEA) und des amerikanischen Energieministeriums stützen diese Hoffnung zwar nicht; beide Behörden sagen für die kommenden Dekaden einen weltweit stagnierenden nuklearen Kraftwerkspark voraus. Allerdings wird sich den Prognosen zufolge die Zahl der Kernkraftwerke in Asien deutlich erhöhen. Insbesondere China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, setzt massiv auf Kernenergie.

Bisher steuern ganze acht Reaktoren nicht einmal zwei Prozent zur chinesischen Stromproduktion bei. Binnen zwanzig Jahren soll sich die nukleare Erzeugungskapazität allerdings etwa verdreifachen. Um das milliardenschwere Auftragsvolumen konkurrieren die drei weltweit führenden AKW-Hersteller: die britische BNFL-Westinghouse-ABB-Gruppe, die amerikanische General Electric-Gruppe und der französisch-deutsche Anbieter Framatome.