Auswärtiges Amt Leiser Blues im AA, Referat 210
Das Auswärtige Amt in Berlin ruht in sich und hat dabei die Welt im Blick: Es schützt deutsche Touristen im Ausland, die deutsch-französische Freundschaft und, wenn notwendig, auch bedrohte Fledermäuse. Innenansicht aus der Welt des Protokolls
Gute Nachrichten. Das Abkommen zur Erhaltung der Fledermäuse in Europa, das absichtliches Fangen, Halten oder Töten von Fledermäusen verbietet, wurde durch einen Anhang ergänzt, der unter anderem auch den Ägyptischen Flughund, die Nacktbäuchige Tempelfledermaus und die Mopsfledermaus unter Schutz stellt. Solche Nachrichten verbreitet das Auswärtige Amt unter , dazu Nachrichten über den Dialog mit dem Islam, über Menschenrechte und Rüstungskontrolle. Es stellt sich schützend vor deutsche Touristen im Ausland, die deutsch-französische Freundschaft und, wo es notwendig ist, auch vor bedrohte Fledermäuse. Das Amt hat die Welt im Blick, rund um die Uhr.
Im Keller des Auswärtigen Amtes in Berlin ticken neun große Normaluhren. Sie zeigen die Zeit in den Hauptstädten der Welt. Hier, im Krisenreaktionszentrum, holt ein Mitarbeiter der Kartenabteilung Bagdad auf dem Schirm, Satellitenaufnahmen zeigen das Grundstück der deutschen Botschaft, Fluchtwege und gefährdete Punkte. Eine Krisenakte liegt bereit, mit Evakuierungsplänen, Sammelpunkten, der Liste der Deutschen, die im Ernstfall benachrichtigt werden müssten. Man ist vorbereitet. Jedes Land hat so eine Krisenakte in der Abteilung 040. In Bolivien mussten sie gerade rund hundert deutsche Staatsangehörige evakuieren.
Carsten Müller, 46, Beamter vom Dienst, hofft, dass es diesmal eine ruhige Nacht wird. Vor ihm bewegt sich die Welt, zehn Bildschirme mit internationalen Nachrichtensendungen. An der Wand – wegen des anwesenden Reporters unter einem Bettlaken verborgen – hängt eine große Tafel mit den Privat- und Handynummern des Ministers und der Staatssekretäre; vor ihm liegt das Wachbuch, in das er alle wichtigen Vorkommnisse einträgt. Vier Telefone werden ihn durch die Nacht begleiten. Eins trägt die Aufschrift „Vorsicht! Abhörgefahr!“ Es klingelt. Eine Anruferin will wissen, ob sie einen Reisepass für die Einreise nach Ägypten braucht. Solche Anrufe sind Routine. Manchmal sind es auch einsame Herzen. Oder jemand hat in Berlin Ghaddafi in der U-Bahn erkannt. „Inzwischen schreiben Reiseveranstalter die Hotline des Auswärtigen Amtes größer als ihre eigene Telefonnummer in die Unterlagen“, bemerkt der Beamte. Kein Wunder, wo gibt es noch kostenlosen 24-Stunden-Service?
Das Lagezentrum ist die Nachtwache der Nation. Deutschland schläft nicht. Nachrichtenagenturen senden ihre Tickermeldungen; ohne Pause produzieren BKA und BND streng geheime Informationen, schicken die Botschaften in aller Welt ihre verschlüsselten Drahtberichte, die immer noch so heißen, obwohl sie längst drahtlos sind. Sie müssen sofort zugestellt werden, wenn sie den Vermerk „citissime nachts“ tragen. Aber den Minister muss er heute nicht wecken.
Joschka Fischer weilt in New York und ist auf drei Schirmen gleichzeitig zu sehen. „I had a very strong discussion with my friend Colin Powell“, sagt er auf n-tv, CNN und BBC. Freund Colin nickt. Und als Fischer sagt: „Our troops do a pretty good job in Afghanistan“, nickt er auch.
Im Krisenreaktionszentrum bleibt es ruhig. Terror, Katastrophen und Geiselnahmen können die Nachtwache von einer Sekunde zur anderen in Alarmzustand versetzen. Im Ernstfall kann das Amt 125 Freiwillige mobilisieren, die im Telefonpool Anrufe beantworten, wie nach dem Concorde-Absturz in Paris, als 96 Deutsche unter den Opfern waren. In den Wochen nach dem 11. September 2001 kamen 50.000 Anrufe. Seit der Jahrtausendwende musste die Bundesregierung 40 Krisenstäbe einberufen. Der Krisenstab für die Befreiung der Familie Wallert brauchte 72 Sitzungen bis zum guten Ende.
Diplomaten und Flaneure nuckeln Latte Macchiato
Manchmal geht es aber auch ganz schnell. Wenn morgens um vier ein Militärattaché aus Albanien anruft und einen KFor-Hubschrauber anfordert, um einen Schädelverletzten aus einem Provinzhospital rauszuholen, muss der Beamte vom Dienst allein entscheiden, wie er einen Hubschrauber und einen Rettungsflieger mit einem Neurologen organisiert. Die Frage, wer das alles bezahlt, ist dann, ausnahmsweise, mit zwei Telefonaten geklärt. Das Wort gilt. Man kennt sich.
Das Auswärtige Amt ist ein machtvoller Bau; breit hingelagert am Spreekanal, mit lang gestreckten Sandsteinfassaden, weit herauskragendem Hauptgesims und tief gründendem Fundament, so wurde er zwischen 1934 und 1938 errichtet, als Neubau der Reichsbank und bei weitem größtes Gebäude Berlins. Und so wuchs am Werderschen Markt, mitten in Berlin, der Nibelungenhort der Nazis. In den Tresoren der Reichsbank lagerten die Goldvorräte, mit denen die Kriegswirtschaft auf Touren kam, lagerte bald auch das Raubgold der Eroberungsfeldzüge und das Zahngold ermordeter KZ-Häftlinge. Nach dem Krieg bezog das Zentralkomitee der SED die Büros, Walter Ulbricht und Erich Honecker machten Staat. Am Ende fand hier auch die Volkskammer Asyl, weil der gegenüber liegende Palast der Republik asbestverseucht war.
Mit dem Einzug des Auswärtigen Amtes wurde Vergangenheit dezent verdrängt, ein Neubau davorgesetzt, der das Monströse der Machtarchitektur elegant verbirgt. Hinter haushoher Glasfassade öffnet sich nun einladend ein Patio. In der Cafeteria nuckeln Diplomaten und Flaneure ihren Latte Macchiato, umgeben von sechsstöckigen Bürotrakten und Innenhöfen, in denen es freundlich grünt. Die angelsächsische Boulevardpresse meinte im Grundriss des Neubaus ein Hakenkreuz zu erkennen, aber dafür braucht man schon einen sehr bösen Blick.
Die beiden Amtsgebäude halten Abstand. Der breite Empfangshof dazwischen dient vorfahrenden Staatskarossen. Den Altbau durfte der Architekt Hans Kollhoff sanieren. Er entstaubte die amtsmüde Klamotte und schneiderte einen staatstragenden Maßanzug daraus, einen Dreiteiler, der alle Epochen des Baus sichtbar macht, im eleganten Schnitt konservativer Moderne und mit Zugeständnissen an den Denkmalschutz, der die sozialistische Episode nicht vollends eliminieren wollte.
Außenminister Joschka Fischer hat den Platz Erich Honeckers eingenommen, das Büro allerdings nach eigenen Vorstellungen renovieren lassen, mit weiß gekalkten Wänden und Terrakotta-Fußboden, ein Dienstraum von toskanischer Nüchternheit und notorischer Menschenleere, denn der Minister ist kaum da. Wenn er nicht im Reichstag sitzt, schießt er wie eine Flipperkugel durch das Weltganze, spricht in Princeton über die Globalisierung der Grundrechte und die EU, das größte Friedensprojekt der Geschichte. Oder vor den Vereinten Nationen über politische und soziale Konflikte als Nährboden des Terrorismus. Oder in Genf über Menschenrechte, die kein Orchideenthema seien, die man nicht einfach in den Hintergrund rücken könne, wenn die Stunde der Sicherheitspolitik wieder mal schlage. Oder in Haifa, zur Verleihung der Ehrendoktorwürde, über Deutschland, sein Land, das sich von seiner Geschichte nicht lossagen könne. „Es ist unsere Geschichte. Wir haben keine andere. Und zu unserer Geschichte gehört unauslöschlich die Verantwortung für Auschwitz.“
Seit seinem Amtsantritt hat Joschka Fischer 343 Auslandsreisen absolviert, ein Außenministertreffen hat er gerade hinter sich, beim OSZE-Ministerrat in Brüssel darf er nicht fehlen, beim Treffen der Nato-Außenminister natürlich auch nicht. Alle zwei Wochen ist er nach Brüssel gereist, als Mitglied des Europäischen Konvents, der um eine gemeinsame Verfassung ringt, während in Neapel die europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik auf dem Plan stand. Er hat Scharon und Kofi Annan getroffen, wird mit dem Kanzler nach Paris reisen, die Themen Georgien und Naher Osten, Afghanistan und Irak halten ihn in Atem, und den Polen erklärt er in einem Interview, warum sie keine deutsch-französische Hegemonie fürchten müssen.
Eben noch saß er mit sorgenzerfurchtem Gesicht im Plenarsaal des Reichstags, schon ist er wieder in einem anderen Land, die Globalisierung in Person, Mr Universum, nach Diktat verreist, eine virtuelle Erscheinung auf dem Parteitag der Grünen in Dresden, überlebensgroß, eine Projektion. Grabenkämpfe gibt es nur noch in seinem Gesicht, das, zunehmend vom Faltenwurf der Geschichte geprägt, mit sorgenvollem Fischer-Blick und angerauter Knarzstimme zum politischen Gesamtkunstwerk gereift ist, live zugeschaltet ins Abendprogramm einer verzagten Gesellschaft, die sich um vieles sorgt und immer weniger Halt findet in handelnden Personen.
Joschka kommt rüber. Deutschlands beliebtester Politiker wärmt irgendwie, verströmt nie Langeweile, und obwohl nie ganz ohne Selbstironie, wirkt er gefühlsecht und authentisch. Die schmerzhafte Transformation der grünen Emanzipationsbewegung zur machtbewussten politischen Kraft, die am Ende auch Luftangriffen auf Serbien und dem Einsatz im Kosovo zustimmte, zeigt sein geniales strategisches Talent. Joschka ist überall. Nur ein Mausklick trennt ihn von seinen Wählern: joschka.de lockt mit den Links „Joschka wirkt“, „Joschka kämpft“ und „Joschka lebt“. Die Website bietet die ganze Bandbreite: Joschka läuft, Joschka isst, Joschka hungert. Joschka heiratet dann und wann. Und auch im Auswärtigen Amt ist der Abwesende allgegenwärtig, seine Reden und Interviews werden auf der Website ständig aktualisiert, lustige Schnappschüsse im Flur der Presseabteilung zeigen einen Minister zum Anfassen und Gernhaben. Es ist ruhig, wenn er nicht da ist, sagt eine Referentin. Sobald er kommt, steht alles unter Strom.
Das Amt erwacht. Die Belegschaft strömt durch die Sicherheitsschleusen. Die Presseabteilung analysiert die Nachrichtenlage für die „D-Runde“, die jeden Tag um 9.30 Uhr im denkmalgeschützten Sitzungssaal des ehemaligen Politbüros zusammenkommt, der jetzt Bismarckzimmer heißt. Das Bismarck-Bild an der holzgetäfelten Stirnwand des Saales kann allerdings die leeren Flächen nicht verdecken, wo die Porträts von Marx und Engels hingen. Versammelt sind die Direktoren, die Spitzen des Amtes: Staatssekretäre, Abteilungsleiter und Stabschefs, der Leiter des Ministerbüros und der Leiter des Büros der Staatssekretäre, die persönlichen Referenten der Staatsminister und der Leiter des Krisenreaktionszentrums. Was die Direktorenrunde beschließt, wird unmittelbar darauf der Minister erfahren.
Abhörsichere Videokonferenzen rund um den Globus
Was immer in den Sälen des Amtes gesagt wird, Thomas Meißner, 29, gibt dem Gesprochenen Resonanz, zu viel Nachhall steuert er weg. Meißner, zwei Meter technische Kompetenz, turnt behende durch energierelevante Gewerke, versorgt Weltsaal, Europasaal und weitere 58 Sitzungsräume im Amt mit Konferenztechnik nach neuestem Stand und den Vorgaben der Vereinten Nationen. Der technische Dienst registriert 14.000 Saalbuchungen pro Jahr, schaltet abhörsichere Videokonferenzen rund um den Globus und regelt den Sprachfluss der Dolmetscher in den Kabinen.
Im Auswärtigen Amt arbeiten 2.000 Menschen. Drei Kältemaschinen mit 1.500 Kilowatt Kühlleistung schaffen das angemessene Arbeitsklima in einem kaum überschaubaren Organismus schier endloser Zimmerfluchten mit einer Brutto-Geschossfläche von 180.000 Quadratmetern und 1.669 Büros. Das Auswärtige Amt ist die Spinne in einem weltweiten Netz der Kommunikation, das eine kaum vorstellbare Vielfalt von Nachrichten und Informationen verarbeitet. Verschlüsselte Einzeldrahterlasse, Mehrfachdrahterlasse, Runderlasse oder Teilrunderlasse nach draußen kreuzen bis zu 800 Drahtberichte der Vertretungen im Ausland, die das Amt jeden Tag empfängt. Für böse Briefe hat der Architekt einen Kamin gebaut, in dem Techniker Bomben entschärfen können, ohne Schaden anzurichten. Die Telefonzentrale vermittelt 74.000 Telefonate am Tag. Innerhalb des Amtes kursieren E-Mails, wandern Gittermappen durch die Abteilungen, Gesprächsmappen, Zuschriften und Büronotizen, Vermerke und Protokolle bis hin zur Krone des hausinternen Schriftverkehrs, der Vorlage an die Amtsleitung. Rund 30 sind es pro Tag. Die schafft Fischer mühelos weg. „Ich bin ein Aktenfresser“, sagt er schlicht.
Im alten Reichsbankgebäude verströmen acht Kilometer holzgetäfelte Flure und ein senfgelber Teppich den flachen Atem eines in sich ruhenden Organismus, der sich auf Wesentliches konzentriert. Die Milchglastüren stehen offen für Friedensmissionen oder interkulturelle Demarchen. Sechs historisch wertvolle Paternoster baggern Diplomaten und Beamte auf die Ebene des Weltfriedens, des Europarats oder der Westsahara.
Dort sitzt Jochen Möller, 33, Legationssekretär in der Abteilung 301, Mittlerer Osten und Maghreb, und arbeitet am Barcelona-Prozess, der Partnerschaft zwischen der EU und den zwölf Ländern südlich des Mittelmeeres. Und er findet es absolut spannend, dass er alles über die aktuellen Entwicklungen in Ägypten oder Saudi-Arabien auf dem gleichen Flur erfährt, zwei, drei Türen weiter.
Im westlichen Balkan, Politische Abteilung, Referat 210, tönt leiser Blues aus der Amtsstube. Ein amerikanischer Austauschbeamter, ausgeliehen vom State Department, hört Ray Charles im Computer und hat den Kosovo im Blick. Ein paar hundert Meter weiter plant Sarah Lauer, 28, Legationssekretärin im Referat 605, noch zuständig für deutsche Schulen im Ausland, Schüleraustausch sowie internationale Sportbeziehungen, ihren ersten Auslandseinsatz. Sie hat Integrationstheorien der EU-Politik, Romanistik und Neuere Geschichte studiert, spricht neben Englisch und Französisch, den Standardsprachen im Auswärtigen Amt, Schwedisch und Spanisch und lernt jetzt Arabisch, denn sie möchte sich für den arabischen Raum bewerben. Die Wunschliste für die Versetzung kam im September. Sie hat einiges angekreuzt. Nun ist sie gespannt, wie das Personalreferat entscheidet.
Der Psychologische Dienst hilft bei Krisen und Katastrophen
Die Attachés (Herren) und Attachées (Damen) an der Diplomatenschule in Bonn-Ippendorf sind selbstbewusst: 70 Prozent sind fest davon überzeugt, dass sie zu den 20 Prozent der Besten gehören. Die Absolventen brauchen nicht lange auf ihren ersten Einsatz zu warten. Die Regel ist: zwei Törns von je drei Jahren im Ausland, drei Jahre Innendienst. Das Rotationsprinzip prägt die Biografien und regiert das Haus. Jedes Jahr wird ein Drittel der Diplomaten ausgetauscht, wechselt ein Viertel der Beamten im gehobenen und mittleren Dienst. Wenn Christoph Hallier, 35, vom Zigeunerleben der Diplomaten erzählt, spricht er aus Erfahrung. Der Legationsrat Erster Klasse, derzeit zuständig für GASP, die Gesamte Außen- und Sicherheitspolitik also, ist ein so genanntes Amtskind: in Japan geboren, Sohn eines Diplomaten, der 18 Jahre in Asien auf dem Posten war. „Ich hatte eine Kindheit mit acht Übersee-Umzügen. Mein Vater war viel in Ostasien, zuletzt Botschafter beim Heiligen Stuhl. Einen Tag bevor ich vereidigt wurde, ist er ausgeschieden.“ Als man ihn in Japan mit „Sayonara Hallier-san“ begrüßte, war es ihm ganz vertraut. Eine Familientradition.
„Diese Umzüge! Nie hätte ich Diplomat werden wollen. Mir ist ein Umzug alle 30 Jahre schon zu viel“, seufzt der Minister mitfühlend. „Diplomat zu werden ist eine Lebensentscheidung für einen Beruf mit extrem hoher Belastung. Ein Diplomat verzichtet freiwillig auf die Trennung von Beruf und Privatleben, auf ein freies Wochenende und ungestörte Nachtruhe. Er kann wegen der ständigen Ortswechsel nirgendwo Wurzeln schlagen. Das trifft Familien, vor allem Kinder besonders hart. Aber das Rotationsprinzip ist in diesem Amt eine gewachsene Tradition und hat gute Gründe. Als ich hierher kam, sagte ich mir: ‚Das änderst du nicht!‘“
Rotation ist der Lauf der Welt. Jedes Jahr entsendet Bonn-Ippendorf eine neue Crew. Die Crew hält zusammen. Man bleibt in Kontakt, auch noch nach Jahren. Der diplomatische Dienst ist wie eine Familie, doch die mitreisenden Partner haben es schwer. In vielen Ländern dürfen sie nicht arbeiten; nicht immer gelingt es ihnen, eine Aufgabe zu finden, die sie befriedigt. Immerhin wurde das Problem der gleichgeschlechtlichen Beziehungen weitgehend gelöst. In den achtziger Jahren wurden Lebenspartner noch als „Koch“ mitgenommen. Jetzt bekommen sie Diplomatenpässe mit allen Privilegien, die auch Ehepartnern zustehen. Das AA war Vorreiter bei diesem Thema.
Der unruhige Lebenswandel hindert die Entsandten nicht, Familien zu gründen, im Gegenteil. Viele Diplomatenfamilien haben drei oder vier Kinder. Kinder bremsen das gnadenlos rotierende Postenkarussell aus. Bei der Versetzung nimmt das Amt Rücksicht darauf, ob ein Kind vor dem Abitur steht. Zwei Jahre vor dem Abi wird nicht versetzt. „Es trifft ein Kind immer besonders hart, wenn es aus seiner vertrauten Umwelt herausgerissen wird“, erklärt Peter Platiel, 59. Der Kardiologe, Internist und Psychotherapeut leitet die Soziale Beratungsstelle und betont die Bedeutung der Rituale von Aufbruch und Ankunft in der Bodenstation. „Die Auslandserfahrung ist wie ein weiterer Jahresring an einem Baum, führt zum Wachstum der Persönlichkeit, ist ein Hinausschieben der persönlichen Grenzen.“
Der Psychologische Dienst betreut die Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, eine Großfamilie, zu der mit allen Angehörigen weltweit rund 15.000 Menschen zählen. Er hilft bei Krisen und Katastrophen, Geiselnahmen und Verkehrsunfällen, betreut die Angehörigen von Unfallopfern ebenso wie die Kollegen, die Tote bergen und bei der Identifizierung helfen müssen.
Die Arbeitsmoral im Amt ist hoch, der Krankenstand so niedrig wie in keiner anderen Behörde. „Wer hier anfängt, ist voller Neugier, hat große Lust auf das Amt, die Mobilität, die interkulturellen Sprünge.“ Trotzdem ist Platiel vertraut mit allen Problemen, die in Organismen solcher Größenordnung auftreten; Konflikte mit Vorgesetzten, Angststörungen, Depressionen, Beziehungskrisen, Scheidungen. „Wir bilden unsere Leute selber aus, veranstalten Seminare über Stressbelastung, beraten Mitarbeiter in Einzelgesprächen, betreiben Inhouse-Consulting.“ Im Auswärtigen Amt müssen die Vorgesetzten sich dem Feedback ihrer Mitarbeiter stellen, Mediatoren vermitteln bei Kommunikationsstörungen oder Mobbing in einer Abteilung. Zur Familienfürsorge gehören auch Versetzungsseminare für Kinder.
Die Aufgaben der Diplomaten sind im „Gesetz über den Auswärtigen Dienst“ definiert: Deutsche Interessen im Ausland vertreten, die Bundesregierung über Entwicklungen im Ausland informieren, Deutschen im Ausland Beistand leisten. In der Praxis bedeutet das: Landsleute im Gefängnis besuchen, Pässe und Visa ausstellen, mit Rebellen verhandeln, Passagierlisten präsentieren, wenn ein Flugzeug abgestürzt ist, Delegationen betreuen und ihnen bei der Reiseplanung helfen. Es gibt kaum noch Schnarchposten. „Der Diplomat, der unter Palmen in Tahiti sein Whisky-Glas schwenkt, ist reine Fiktion“, schwört der Psychotherapeut.
In Hans Joachim Daerr, 60, bündeln sich die guten Absichten deutscher Politik gleichsam in einer Person. Der Ministerialdirektor leitet die Abteilung Globale Fragen, Vereinte Nationen und Menschenrechte, Terrorismus, Organisiertes Verbrechen, Krisenprävention und Fragen der Globalisierung. Er ist auch zuständig für humanitäre Hilfe, einschließlich Minenräumen, leitet eine operative Abteilung mit zehn Referaten, in denen rund hundert Leute arbeiten. Er sorgt sich um Afghanistan, um Hamid Karsai, den er seit vielen Jahren kennt, um den Irak; ihn beunruhigt der Terror, der seine Ziele zunehmend unter denen sucht, die konstruktiv am Wiederaufbau arbeiten. Macht ihn das zornig? „Ziemlich oft. Wie viel Einsatz, wie viel Zeit wird aufgewendet, um ein Ziel zu erreichen. Und eine einzige Aktion wirft alles zurück. Man stumpft nicht ab. Aber man wird nervöser, sieht die Grenzen des Machbaren. Doch ich war noch nie an einem Punkt, an dem ich aufgegeben habe.“
Das Prinzip Hoffnung als Agenda: „Es gibt bei der Bekämpfung der Armut einen ganz langsamen Fortschritt, auf dem Gebiet der Demokratisierung ist er sogar ganz klar zu belegen. Wir dürfen allerdings unsere Vorstellungen nicht zur alleinigen Messlatte machen.“ Bei den fundamentalen Menschenrechten seien die Zielvorstellungen klar. Keine Abstriche. „Aber wir können in Afghanistan bei der Stellung der Frau nicht nach zweieinhalb Jahren erwarten, das Optimum zu erreichen.“
Alles ist geregelt, auch die Zuständigkeit für den Mond
Zurzeit unterhält Deutschland diplomatische Beziehungen zu 189 Staaten, neuerdings auch zu Palau (200 meist unbewohnte Inseln). Es fehlt nur noch das Königreich Bhutan; Taiwan wird von Deutschland völkerrechtlich nicht anerkannt, ebenso wenig das Inselchen Niue (1.400 Einwohner) und die Cook-Inseln im Pazifik.
Mit rund 7.000 Mitarbeitern in Berlin und in 220 Auslandsvertretungen leistet sich Deutschland ein Diplomatisches Corps, das etwa dem von Italien entspricht. Großbritannien verfügt über 14.000, Frankreich sogar über 15.000 Diplomaten. In Deutschland geht ihre Zahl ständig zurück. Seit 1989 wurden 11 diplomatische und 35 konsularische Vertretungen geschlossen. Der Auswärtige Dienst kostet jeden Bundesbürger rund 8,77 Euro im Jahr, aber das ist immer noch zu viel. In den vergangenen fünf Jahren wurden rund 400 Stellen gestrichen. Botschafter sind angewiesen, für Empfänge zum Nationalfeiertag Sponsorengelder einzuwerben.
Doch der Dienst im Ausland ist beliebt, auch an den auf den ersten Blick kritischen und weniger attraktiven Posten. Kleine Botschaften öffnen größere Handlungsspielräume. Der Status schützt, der Titel hebt das Selbstwertgefühl. Niemand kann einem etwas sagen. Außerdem wird, durch die Auslandszuschläge, mehr verdient.
Deutsche Außenpolitik kennt keine Grenzen. Das Referat 504, Besondere Rechtsgebiete, ist auch für den Mond zuständig. Er gehört, wie die Antarktis oder die Ozeane, zu den staatsfreien Räumen. Das Referat 700 ist, als Gastgeber, zuständig für den Rest der Welt, zusammengefasst in rund 150 ausländischen Botschaften, ein globales Dorf, das sich auf Berlin und Bonn verteilt und in dem, mit Familienangehörigen und Personal, 17.000 Menschen leben, betreut vom Protokoll des Auswärtigen Amtes. Hinzu kommen einige hundert offizielle Besucher pro Jahr. Deutschland gehört zu den meistbesuchten Staaten der Welt.
Wenn Bundespräsident, Bundeskanzler oder Außenminister ins Ausland reisen, ist das Protokoll des Auswärtigen Amtes immer dabei, hat das Referat 700 jedes Detail der Reise geplant. Grundsätzlich gilt: Kein Staatsbesuch ohne Vorausreise. Jeder Programmpunkt wird abgelaufen. Wenn der Bundespräsident eine neuntägige Reise nach Lateinamerika plant, findet sie zweimal statt. Der „ChefProt“ reist voraus, der Chef des Protokolls, Sicherheitsbeamte, Logistiker, Mitarbeiter des Bundespräsidialamtes und der Bundespressestelle. Die Botschaft vor Ort liefert Programm-Entwürfe. Die Dekoration wird festgelegt, die Beleuchtung, das Placement für das mitreisende Streichquartett, die Farbe der Blumen und der Tischwäsche, sie sollten miteinander harmonieren. „Wenn es nicht hinhaut, wird ein Probegesteck fotografiert und geht per E-Mail nach Berlin“, sagt eine Dame vom Protokoll. Sie hat die Menüvorschläge geprüft. Es wird eine Standard-Menükarte mit Goldrand geben; mittags sind nur drei Gänge üblich. Die Kalligrafinnen des Auswärtigen Amtes schreiben Tischkarten.
Staatsgeschenke werden vorsichtig nach hinten durchgereicht, die Ziege für den Bundespräsidenten in Mali oder die Gans für den Kanzler der Deutschen. Der Wert dieser Geschenke verrät Augenmaß. Die Zeiten des Soldatenkönigs sind vorbei. Er verschenkte das Bernsteinzimmer an Peter den Großen, weil ihm der Kitsch nicht gefiel. Dafür bekam er 55 groß gewachsene Russen für seine Garde, die Langen Kerls.
Diplomatie hat viel von ihrem Glanz verloren. Im Keller des Auswärtigen Amtes blättert Ludwig Biewer, 54, Vortragender Legationsrat und Leiter des Politischen Archivs, nachdenklich im Einigungsvertrag zwischen den beiden deutschen Staaten. Das Dokument mit der laufenden Nummer 781 trägt den prosaischen Namen: Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland und die Unterschriften von Wolfgang Schäuble und Günther Krause. Es gibt zwei Ausfertigungen, eine mit Bundesadler und eine in neutralem Blau. „Hammer und Zirkel wurden zu dem Zeitpunkt ja nicht mehr verwendet“, sagt der freundliche Herr mit der Uhrkette über der Cordweste und führt den Gast durch seine Schatzkammer.
Hinter gepanzerten Türen der Tresorebene A lagert das politische Gedächtnis des Deutschen Reiches. Auf 25.000 laufenden Regalmetern ruhen in säurefreien Archivkartons die Akten des Auswärtigen Amtes. Geheimdokumente, Entschließungen, völkerrechtliche Verträge, das Münchner Abkommen, geheime Reichssache vom 29. September 1938, mit den Unterschriften Hitlers, Mussolinis, Daladiers und Chamberlains, die Ostverträge.
Die Tresore der ehemaligen Reichsbank sind einbruchssicher. Zwei Stock tiefer, in Tresorebene C, lagern wieder Goldbarren, die Währungsreserve der Bundesbank. „Die Aufzugsanlage ist zugeschweißt, damit wir uns nicht da unten bedienen“, scherzt Biewer, aber er macht keinen Hehl daraus, dass er seine Dokumentensammlung viel spannender findet als einen Haufen Gold.
Otto von Bismarck, Gründer des Auswärtigen Amtes, war Reichskanzler und Außenminister zugleich. Aus der Reihe der Amtsnachfolger ragen Walther Rathenau, der 1922 ermordet wurde, und Gustav Stresemann hervor. Er scheiterte am Widerstand im eigenen Lande. Entspannungspolitik galt als Ausverkauf deutscher Interessen. Im „Dritten Reich“ hat sich das Auswärtige Amt unter Joachim von Ribbentrop aktiv an der Verfolgung der Juden beteiligt. Der Gerichtshof in Nürnberg verurteilte ihn als einen der Hauptschuldigen zum Tode. Solche Täterprofile sind auf der Website des Auswärtigen Amtes nicht zu finden, sondern bei www.shoah.de . Dafür erinnert eine Gedenktafel am Eingang des Ministerflügels an zwölf Aufrechte, die wegen ihres Widerstandes gegen den Nationalsozialismus ermordet wurden (und die acht Diplomaten der Bundesrepublik, die in Ausübung ihres Dienstes starben, entführt und erschossen wurden oder mit dem Hubschrauber abstürzten).
Als das Auswärtige Amt sechs Jahre nach dem Krieg wieder gegründet wurde, waren 66 Prozent der Beamten ehemalige Mitglieder der NSDAP. „Man kann doch ein Auswärtiges Amt nicht aufbauen, wenn man nicht wenigstens zunächst an den leitenden Stellen Leute hat, die von der Geschichte von früher her etwas verstehen“, fand Konrad Adenauer, Kanzler und in Personalunion erster Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Europäische Integration sah er als „einzige Möglichkeit, irgendwie mal wieder in der Welt etwas wirken zu können“. Als die Bundesrepublik am 5. Mai 1955 die außenpolitische Souveränität erlangte, gab Adenauer das Ministerium an Heinrich von Brentano (CDU), der, durchaus weitsichtig, schon 1957 eine europäische Verfassung vorschlug. Gerhard Schröder, CDU-Außenminister seit 1961, eröffnete Handelsvertretungen in Polen, Rumänien, Ungarn und Bulgarien. Nur mit der Anerkennung des Staates Israels ließ sich man sich Zeit. Als Deutschland sich am 12. Mai 1965 endlich zu diesem Schritt entschloss, brachen zehn arabische Staaten ihre diplomatischen Kontakte zur Bundesrepublik ab.
Als Außenminister im Kabinett von Georg Kiesinger (CDU) vollzog Willy Brandt (SPD) die Wende zur neuen Ostpolitik, die er dann als Kanzler, gemeinsam mit Außenminister Walter Scheel (FDP), bis zu den Moskauer Verträgen vorantrieb. Doch niemand hat das Auswärtige Amt so geprägt wie Hans-Dietrich Genscher, Außenminister von 1974 bis 1992.
Für Staatssekretär Jürgen Chrobog, 63, war die Arbeit mit Genscher sein härtester Job. „Ich habe zwölfeinhalb Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet, siebeneinhalb Jahre als sein Sprecher, habe alle Auslandsreisen mitgemacht, die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, Tag für Tag in seiner unmittelbaren Nähe, meist bis in die Nacht. Er verzieh keinen Fehler, vergaß nichts. Genscher hat mit den großen Bällen gespielt. Es war faszinierend zu beobachten, wie beharrlich er sein Ziel verfolgte, wie er im KSZE-Prozess die Schrauben immer weiter gedreht hat. Bei ihm wurden Begriffe zu Instrumenten: Klima des Vertrauens, Kultur der Zurückhaltung, Politik des guten Beispiels, das war meisterhaft. Er hat nie Osteuropa gesagt, in Polen, in der Tschechoslowakei, in Ungarn immer nur von Mitteleuropa gesprochen. Er wollte kein deutsches Europa, sondern immer nur ein europäisches Deutschland.“
Die meisten Beamten im Auswärtigen Amt sind irgendwann einmal von Genscher befördert worden. Die Ära Kinkel blieb eine Episode. Der Wechsel zum grünen Exsponti und Turnschuhpolitiker Joschka Fischer verlief vollkommen reibungslos. Was für eine Karriere! Der Straßenkämpfer, Taxifahrer und Gelegenheitsbuchhändler als oberster Dienstherr des Diplomatischen Dienstes. Der vornehmen Sprechweise hatte er sich, mit Verlaub, vorher schon angenähert. Sein „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch“, im Deutschen Bundestag, trug ihm einen Verweis ein, hat aber seinem Ansehen nicht geschadet. Im Amt genießt er Respekt auf allen Etagen. „Er hat die gleiche Professionalität wie Genscher, das gleiche enorme Gedächtnis, die gleiche Arbeitswut und immer die Verantwortung fürs Ganze im Blick“, sagt der Staatssekretär.
Der Neue verzichtete bewusst auf Revirements. „Ich habe mich auf die Kompetenz und auf die Loyalität verlassen“, sagt der Minister. „Was einer glaubt oder welcher Partei einer nahe steht, war mir egal. Dieses Amt steht der Parteipolitik fern. Außenpolitik folgt langen Linien.“ Die Linien sind klar, führen wie leuchtende Pfade zur europäischen Integration. Doch wie sieht die aus? Ein Musterstaat kooperierender Mitglieder? Vereinte Nationen im Kleinformat? Ein Kessel Buntes, in dem die deutsche Knackwurst langsam versinkt? Wer ist der Koch und wer ist der Kellner? Und wer kriegt am Ende die Rechnung? Deutsche Außenpolitik ist ein Balanceakt zwischen den Stühlen; es macht die Sache nicht einfacher, dass es bald 25 statt 15 Stühlen sein werden.
Eine romantische Liaison mit Frankreich
„Wir sind eingebunden im Rat der Außenminister“, erklärt Jürgen Chrobog. Die romantische Liaison mit Frankreich ist mehr als eine nüchterne Zugewinngemeinschaft. „Die deutsche Botschaft in Paris hat heute ganz andere Aufgaben als früher. Die Abstimmung mit Frankreich ist intensiver als je zuvor, damit wir in den wichtigen Fragen nicht auseinander fallen. Europapolitik wird zunehmend Innenpolitik.“
Geht deutsche Außenpolitik in Europa auf? Joschka Fischer hat schon launig davon gesprochen, seine Aufgabe sei es, sich selbst überflüssig zu machen. Gedankenspiele um die künftige Europapolitik küren den Chef des Kanzleramtes zum Mr Europa, oder, als Alternative, zu einem vom Kanzleramt gesteuerten Europaminister im Auswärtigen Amt. Es kann aber auch sein, dass der Außenminister den Europa-Job zusätzlich übernimmt. Falls er nicht doch Außenminister oder Präsident der Europäischen Gemeinschaft werden sollte. Visionen habe er nicht, sagt der Minister, „Ideen schon, und die Kreativität und die Fantasie, nicht nur den Text zu entziffern, sondern auch den Kontext zu begreifen, den die Geschichte schreibt. Ich werde älter, habe trotzdem noch die Neugier herauszufinden, was die Zukunft bringt, und will sie auch gestalten.“ Als deutscher Außenminister? „Klar. Mir macht das Amt großen Spaß.“
Was wird aus Deutschland – eine Zivilmacht im Kampfanzug?
Und was wird aus Deutschland? „Unser zentrales nationales Interesse ist Europa“, stellt der Minister klar. Deutschland befinde sich aus historischen Gründen in einer besonderen Situation. Die Haltung der Partner sei immer noch eine ambivalente. „Wir müssen zurückhaltend agieren, um gerade bei den kleineren Ländern keinen falschen Eindruck zu erwecken und Widerstände hervorzurufen“, hat er gerade wieder im Handelsblatt verkündet.
Was für eine Macht wird bleiben? Eine hyperventilierende Ohnmacht im Reformstau? Eine dominante Vormacht, umgeben von argwöhnischen Zwergen in Mittelerde? Eine Zivilmacht im Kampfanzug? Eine Schutzmacht am Hindukusch und anderswo? Eine Wirtschaftsmacht mit beschränkter Haftung, die an der Globalisierung deutscher Wertarbeit ackert? Oder, Fischers Traum, die Macht, die Europa so weit bringt, die Charta der Menschenrechte in den Rang einer Verfassung zu erheben?
Das moderne Deutschland müsse sich „als effektiver Weltkonzern präsentieren, schlagkräftig und dynamisch“, wünscht sich Bundeskanzler Gerhard Schröder. Eine Handelsmacht, mit sich im Reinen, weder machtversessen noch machtvergessen, eingebunden in ein Netz multinationaler Verflechtung, in dem sie geschickt die Fäden zieht und ihre Handlungsspielräume nutzt. Und Prinzipien so hoch hält, dass man immer noch bequem darunter hindurchkommt, ohne sich den Kopf zu stoßen. Atomausstieg als Verlade. Warum nicht an China verkaufen, was Deutschland eindeutig nicht mehr braucht?
Warum nicht Atomkraft nach Finnland exportieren? Dort herrschen, unzweifelhaft, demokratische Zustände. Warum nicht den Stabilitätspakt so weit dehnen, bis er passt? Manchmal muss man einen Anzug etwas weiter machen, wenn es in der Taille zwickt. Joschka kennt das.
Wirtschaft wirkt. „Die Länder der Dritten Welt stabilisiert man durch Demokratie und Befriedigung der wirtschaftlichen Grundbedürfnisse“, weiß Peter Ammon, 51, Leiter der Abteilung für Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung. Sein Büro steht unter Denkmalschutz, es hat vorher Günter Mittag, dem Wirtschaftslenker der DDR, gehört. Für ihn ein eher amüsierender als inspirierender Gedanke. Ammon, studierter Mathematiker und promovierter Wirtschaftswissenschaftler, geht insgeheim der Frage nach, ob sich mathematische Erkenntnisse der Chaos-Theorie auf das Zusammenleben von Menschen übertragen lassen. Als gesicherte Erkenntnis gilt ihm der Satz „Trade is better than aid.“ Handel ist besser als Hilfe.
Und wo bleibt die Moral? Im Referat 500. Es löst die rechtlichen Probleme von Krieg und Frieden in dieser Welt. Susanne Wasum-Rainer, 48, Vortragende Legationsrätin Erster Klasse, leitet das Referat Allgemeines Völkerrecht und ist im Amt so etwas wie die letzte Instanz. „Das Völkerrecht lässt viel Spielraum, beruht auf dem Konsens der Staaten. Seine Schwäche ist oft seine Stärke. Auch der Hegemon braucht auf lange Sicht die Legitimation, um den Respekt und die Anerkennung der anderen zu behalten.“
Die Juristin lächelt sanft. „Wir dürfen Sand ins Getriebe schütten, wo es notwendig ist. Wir haben auch mal die Pflicht, unbequem zu sein. Ich muss an den Satz eines britischen Völkerrechtsberaters denken. ‚Lawyers are such bad diplomats.‘ Ich nehme das als Verpflichtung.“ Offenbar gehört es zu den Stärken des Auswärtigen Amtes, dass es sich auch schlechte Diplomaten leistet.
- Datum 11.12.2003 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.12.2003 Nr.51
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