Fürs italienische Abendessen in Italien einkaufen? Man könnte glatt auf die Idee kommen. Für ein paar Euro mit dem Billigflieger nach Bergamo jetten, direkt am Flughafen ins Einkaufszentrum Orio eintauchen mit seinem riesigen Supermarkt und den 140 anderen Geschäften. Einen Panettone, ein Stück vom herzhaften Strachitund (einem wunderbaren Gorgonzola-Großvater, der einem beim ersten Bröckchen schon den Atem raubt), ein paar Scheiben rohen Schinken und einige Flaschen vom guten Valcalepio einpacken. Schließlich noch bei den Schuhen schauen, natürlich bei den Steppjacken zuschlagen, die ganz Norditalien in diesem Winter trägt – und dann mit dem Abendflieger wieder ab. Und die Freunde schwer beeindrucken.

Wer so handelt, handelt nicht nur unökologisch, sondern auch dumm. Ebenso dumm wie 95Prozent der mehr als zwei Millionen Passagiere, die jährlich in Bergamo ankommen. Die fragen als Erstes, wie man am schnellsten ins Zentrum kommt. Damit meinen sie das Zentrum von Mailand. Schon in Berlin-Tegel steht auf der Anzeigentafel nicht Bergamo, sondern "Mailand BGY". Der Aeroporto Orio al Serio ist von Mailand tatsächlich nur ungefähr so weit entfernt wie Malpensa, der prominente Großflughafen: eine gute Dreiviertelstunde und sechs Euro Busfahrt. Doch wer Bergamo auslässt, ist selber schuld. Denn Bergamo ist schön. Das muss einfach gesagt werden. Bergamo ist nicht billig. Das muss auch gesagt werden. Aber es zahlt sich aus. Jedenfalls für alle, die verrückt sind nach Italien.

Bergamo heißt nicht nur so, sondern es liegt auch beinahe in den Bergen. Die sind jetzt, Ende November, schon sehr reizvoll angepudert (man könnte hier auch Skifahren, nicht weit weg im Valle Brembana zum Beispiel). Bergamo bedeutet "Bergheim", das Wort stammt von den Kelten, die allerdings den Hügel meinten, auf dem sie siedelten. Die Stadt liegt mitten in der Lombardei, der Comer See ist nicht weit, bis Brescia sind es etwa 50 Kilometer.

Bergamo gibt es gleich im Doppelpack. Unterstadt und Oberstadt. Den Italien-Verrückten zieht es erst einmal in die Città bassa, die Unterstadt. Hier leben die meisten der 125000 Einwohner. Es ist eine kleine Großstadt für sich, die sich im Laufe der Jahrhunderte aus vielen borghi, Vororten, zusammengepuzzelt hat. In der Città bassa wohnten die Handwerker, die Händler, hier fanden die vielen kleinen Betriebe ihren Platz, die dazu beitrugen, dass die Provinz Bergamo heute zu den fünf reichsten Provinzen Italiens gehört.

Im Zentrum der Unterstadt, zwischen der Fußgängerzone, der Via Torquato Tasso, der Viale Papa Giovanni XXIII., zeugen die vielen Banken und imposanten Bauten von Geld. Dazu passt der diskrete Charme des elegant gekleideten Bürgertums (Steppjacken! Wahlweise auch Steppmäntel). Für ein paar Stunden mitschwimmen im italienischen Trubel, dazugehören – für den Italien-Verrückten gibt es nichts Schöneres.

Wenn die Unterstadt das Alltagsprogramm bietet, dann ist die Città alta Feiertag. Für 90 Cent führt eine Seilbahn hoch und binnen Minuten zurück in die Vergangenheit. In eine schummrige Kulisse aus dicht gedrängten, hohen schmalen Häusern, Palästen, Kirchen. Dazwischen kleine Plätze, abfallende Gassen. Für dieses Bergamo braucht man kein Auto, weil man ohnehin keinen Parkplatz findet und weil man den Fußgängern über die Zehen fahren würde. Feines Schuhwerk ist problematisch: Weil mancher Weg, schön altertümlich, mit ovalen Flusssteinen gepflastert ist, empfehlen sich feste Schuhe mit dicker Sohle.

Wenn wieder mal italienische Reisegruppen auf Tour sind, ist es auf der piazzetta vor dem Dom, die wirklich nur ein Plätzchen ist, so voll wie auf Venedigs Markusplatz zur Hochsaison. Die Basilika Santa Maria Maggiore ist eine der Hauptattraktionen. Vor allem: Condottiere Bartolomeo Colleonis Mausoleum, die ehemalige Sakristei der Basilika. Die Grabkapelle mit ihrer ausgetüftelten Frührenaissance-Fassade wirkt so protzig, dass Touristen sie gern mit der Basilika selbst verwechseln. Colleoni, in der Nähe von Bergamo geboren und gestorben, war ein schwerreicher Söldnerchef in Diensten Venedigs. 350 Jahre stand die Stadt unter der Obhut der Serenìssima. Gegen die Mailänder wurde im 16. Jahrhundert der Befestigungswall errichtet, der die Oberstadt heute noch umschließt und auf dem die Bergamasker gern spazieren gehen.

Um wenigstens die bedeutendsten der kunsthistorischen Schätze im Mausoleum und in der Basilika kennen zu lernen, lohnt sich ein erster Schnelldurchgang unter professioneller Führung. Colleonis Reiterstandbild über dem Sarg: Holz, vergoldet, Augsburger Werkstatt. Das Fresko im Giebelfeld: Tiepolo. Der Beichtstuhl von Santa Maria: barockes Programm der Erlösung. Die Wandteppiche: extra für die Basilika gewebt. Ein Grabmal erinnert an Simon Mayr aus Ingolstadt, Kapellmeister in Bergamo – er hat Donizetti entdeckt und gefördert, den bettelarmen Weberjungen, der später berühmte Opern im Dutzend schrieb.