Julia liebt Mode des Labels "Work and Style". Schlichte Röcke, leger geschnittene Hosen, aufwändige Cocktailkleider. Sie kann sich das leisten: Was bei der Modenschau der Schneiderinnung in Ulm unter dieser Marke auf dem Laufsteg zu sehen ist, haben sie und ihrer Mitschülerinnen nämlich selbst genäht – im Atelier ihres Gymnasiums, der Urspringschule. Das als Landerziehungsheim gegründete Internat liegt idyllisch in einem Tal am Rande der Schwäbischen Alb, untergebracht in einer 850 Jahre alten Klosteranlage. Als Julia hierher wechselte, bewarb sie sich auch um eine Lehrstelle in der Schneiderwerkstatt. Seit der achten Klasse sitzt sie nach dem Unterricht noch an der Nähmaschine, fast 4000 Stunden werden es sein, wenn die Oberstufenschülerin ihren Gesellenbrief hat – und das Abitur. Das ist nützlich, weil sie vielleicht Textilmanagement studieren möchte, entscheidend findet sie aber etwas anderes: "Die Lehre hat mich selbstbewusst gemacht."

Drei der sieben Werkstätten der Schule sind Lehrbetriebe; Schüler, die ein Handwerk bis zum Gesellenbrief lernen möchten, müssen sich formell bewerben. Mit 60 Lehrstellen wuchs die Schule seit 1986 zum größten Ausbilder der Region; zu 30 Plätzen in der Schreinerei und 18 in der Schneiderei kommen 12 für Metallbaumechaniker. Der Schulleiter Michael Deckwerth sprach den Unternehmer eines Präzisionswerks am Nachbarort an, weil er Sponsoren für das Basketball-Leistungszentrum der Schule suchte. Walter Lindenmaier, selbst ehemals Urspringschüler, bot stattdessen seine Lehrwerkstatt an. Zwei seiner Meister unterrichten hier seit September 1999 jeden zweiten Samstag von 8 bis 16 Uhr sechs Auszubildende der Schule an Werkbänken und Maschinen. Der Unternehmer setzt darauf, den einen oder anderen über das Abitur hinaus als Fachkraft für seinen Betrieb zu gewinnen, der Schulleiter betrachtet die Kooperation als "pure Notwendigkeit" für die Bildungszukunft: "Schulen müssen sich endlich dem gesellschaftlichen Alltag stellen." Duale Angebote, so sieht man es hier, sind eine Möglichkeit, stabile Persönlichkeiten zu erziehen: Sie richten sich an diejenigen Schüler, denen der Gymnasialunterricht allein zu theorielastig ist, aber auch an die, für die in Ausbildungslehrplänen zu wenig Theorie steckt.

Vollwertige Berufsausbildungen parallel zum Unterricht gibt es noch an drei weiteren Schulen in Deutschland. Das Mädchengymnasium und Internat Kloster Wald bei Sigmaringen bildet ab der zehnten Klasse auch zur Damenschneiderin oder Möbelschreinerin aus. Rudolf Steiners Waldorfpädagogik prägt die Praxisausbildung an der Hiberniaschule in Herne, die bis zum Lehrabschluss als Elektroinstallateur reicht. Und die Odenwaldschule in Oberhambach bietet ab Klasse zehn parallel zum Abitur eine Ausbildung als chemisch-technischer Assistent an und, verbunden mit der Fachhochschulreife, eine Schreiner- oder Schlosserlehre.

Beim Schubladenbauen Mathematik begreifen

An der Urspringschule wohnt die Hälfte der 265 Schüler im Internat – in Zehner-Gruppen, die ein Lehrer als Mentor betreut. Jeder Vierte absolviert parallel zum Abitur eine Lehre, kaum einer springt ab. "Das ist kein Stress", meint Christian. Der 18-Jährige steckt im fünften Schreiner-Lehrjahr und ist "im Unterricht nicht besonders". Winkelfunktionen blieben ihm im Mathematikbuch unbegreifbar – bis sie als Konstruktionszeichnung für Schubladen vor ihm lagen. Kein Jahr lang hielt er es vorher an einer Schule aus, zu Hause nervte die Scheidung der Eltern: "In Urspring passte es mir plötzlich." Deckwerth erklärt das Prinzip: Holz, Seide oder Stahl vermittelten mit der "Autorität des Faktischen" Arbeitsprozesse, Techniken und Gesetzmäßigkeiten. Wer selber einen Stuhl gebaut habe, wisse eben, dass er mit seinem Wissen Nützliches leisten kann.

Chris wechselte nach Urspring, weil sein alleinerziehender Vater häufig auf Geschäftsreisen war. An der Hobelbank verlor er sein Heimweh und gewann mit selbst konstruierten CD-Ständern das Lob der Verwandtschaft sowie die Sicherheit eines Zweitberufs, "falls im Studium was schief läuft".

Regulär kostet ein Internatsplatz 2200 Euro im Monat, doch Urspring will keine Schule für Betuchte sein. Der Förderverein vergibt Stipendien, jeden zweiten Schüler unterstützt das Jugendamt. Die Behörden stellen einen Schüler in Urspring dann vor, wenn er eine stationäre pädagogische Förderung braucht; seine Gymnasialfähigkeit ist erst das zweite Kriterium. Das Jugendamt bezahlt den Internatsplatz und verrechnet ihn mit den Eltern anteilig und einkommensabhängig. Für Urspringschüler ist evangelische Religion Pflichtfach. Die Konfessionszugehörigkeit spielt für die Aufnahme aber keine Rolle.

Zum Schuljahr 2004/05 führt die Schule das Abitur im Achtjahreszug ein. Die Dual-Schüler sollen fehlende Ausbildungsstunden dann über Ferienkurse ausgleichen können – oder durch ein Zusatzjahr, wie es die Basketballer der Schule einlegen, die ihre Ballkunst an einem amerikanischen College verfeinern. Ihr intensives Training, das der Schule den Rang eines Sportleistungszentrums einbringt, wirke ähnlich persönlichkeitsbildend und berufsqualifizierend wie die Ausbildungsgänge, behauptet Deckwerth.