Wenn die Zeichen nicht trügen, wird dies ein Lesewinter. Im Nachgang zur Pisa-Studie mit den unbefriedigenden Leseergebnissen deutscher Schüler ist eine Vielzahl von Initiativen entstanden, die sich der Leseförderung verschrieben haben. Prominenteste Botschafterin dieses Anliegens ist die First Lady Doris Schröder-Köpf. Sie hat sich in der Vergangenheit schon öfter zu Erziehungsfragen geäußert. Nun bemüht sie sich, öffentliche – und damit elterliche – Aufmerksamkeit auf die Bedeutung des Vorlesens für die spätere Entwicklung von Lesekompetenz zu lenken. Auch in vielen Bundesländern wird das Lesen mit originellen Aktionen gefördert, wie zum Beispiel der "Langen Buchnacht" in Frankfurt am Main, dem "Tag der Maus Frederick" in Baden-Württemberg und unzähligen Bibliotheksfesten, Autorenlesungen und Schreibprojekten für Kinder.

Große Einigkeit herrscht unter Experten darüber, dass Kinder idealerweise schon im frühesten Alter an Bücher herangeführt werden sollten; dass der frühzeitig erlebte Reiz von Geschichten die beste Voraussetzung ist, um sich mit Erfolg der Mühe des Buchstabierenlernens zu unterziehen. Es ist allerdings kein Geheimnis, dass diese optimale Förderung nur in einer Minderheit der Familien stattfindet; dass die Deutschen durchschnittlich eine Viertelstunde am Tag lesen, aber drei Stunden fernsehen; dass in kaum einem anderen europäischen Land so viele Menschen (Jugendliche und Erwachsene) das Lesen von Büchern für "Zeitverschwendung" halten; dass sich in den letzten zehn Jahren die Zahl der Eltern, die ihre Kinder zum Lesen ermutigen, halbiert hat; dass sich zumal die Einwandererfamilien mit einem bildungsbürgerlichen deutschen Vorleseprogramm schwer tun.

Viele Gründe also für Appelle an die Eltern. Viele Gründe aber auch, darüber nachzudenken, was die Schule – notfalls als Ausfallbürge für überforderte Familien – den Kindern in Sachen Leseförderung bieten kann. Und muss.

Interessante Antworten auf diese Frage ergeben sich aus einer breit angelegten Studie zur Entwicklung von Lesemotivation bei Grundschülern, deren vollständige Ergebnisse im Sommer 2004 veröffentlicht werden. Die Erfurter Bildungsforscherinnen Karin Richter und Monika Plath befragten in einem aufwändigen Verfahren fast 1200 Schüler, 900 Eltern und 50Lehrer über Lesevorlieben und Leseleistungen der Kinder. Die drei wichtigsten Ergebnisse bieten reichlich Anlass zur Diskussion: Der Deutschunterricht in der Grundschule wirkt anscheinend geradezu demotivierend. Während Zweitklässlerinnen noch zu 65 Prozent angeben, der Unterricht mache ihnen Spaß (Jungen: 52 Prozent), sind es bei den Viertklässlerinnen nur noch 40 Prozent (Jungen: 29 Prozent). Was geschieht zwischen der zweiten Klasse, in der man vielleicht stolz darauf ist, endlich einen Text entziffern zu können, und der vierten Klasse, in der man sich gähnend von den Lektürevorschlägen der Lehrerin abwendet?

Die Studie liefert mindestens zwei Ansatzpunkte für Erklärungen. Da ist zum einen die Lektüreauswahl. Mehr als zwei Drittel der Kinder interessieren sich für "spannende" Abenteuergeschichten, mehr als die Hälfte für unterschiedliche Sachbücher, 45 Prozent sowohl für Tiergeschichten (hier dominieren die Mädchen) als auch für das Fantasy-Genre. Lediglich ein Viertel der Schüler mag so genannte wahre Geschichten – realistische Kinderromane, die in aller Regel mit einer pädagogischen Botschaft versehen sind. Genau die sind es aber, die die Lehrerinnen ganz offensichtlich bevorzugen: Von 89 Lektüretiteln, die die Befragten angaben, gehörten 43 in die realistische Gattung. Von den beliebten Abenteuer-Erzählungen wurden gerade 14 im Unterricht behandelt.

Nicht nur die Auswahl der Lektüre geht anscheinend an den Interessen der Kinder vorbei; auch die Kommunikation über Bücher verläuft offenbar wenig glücklich. Kinder wünschen sich zwar durchaus den Austausch über das, was sie gelesen haben – aber mit Freunden und Eltern, nicht mit ihren Lehrern. "Dieses Botschaftsdenken – was lernen wir daraus? – im Literaturunterricht ist eine Plage", sagt Monika Plath. "Die Lehrerinnen haben oft Erziehungsziele wie ‚Toleranz‘ oder ‚Umweltbewusstsein‘ im Kopf, wenn sie Bücher auswählen und besprechen. Fragt man sie einmal, was sie selbst gern lesen, dann nennen sie die gleichen Kriterien wie die Kinder: Spannung. Eine Welt zum Eintauchen. Wie soll bei diesem Widerspruch im Unterricht Begeisterung aufkommen?"

Die Erfurter Wissenschaftlerinnen brauchen sich nicht vorwerfen zu lassen, sie hätten einen praxisfernen, theoretischen Blick auf den Unterrichtsalltag: An der Reformuniversität wird der bundesweit erste Bachelor-Studiengang zur Pädagogik der Kindheit angeboten, der über einen Master-Abschluss auch zum Lehramt an Grundschulen führt. Die Studentinnen absolvieren semesterbegleitende Fachpraktika und stehen einmal wöchentlich vor einer Klasse.