Nach dem Abbruch des Welthandelsgipfels von Cancún im September konnten die Metaphern nicht drastisch genug sein: Ein brasilianischer Politiker fühlte sich an Gabriel Garca Márquez' Roman Chronik eines angekündigten Todes erinnert. EU-Kommissar Pascal Lamy diagnostizierte immerhin noch Atmung: Die Welthandelsorganisation WTO liege "auf der Intensivstation".

Knapp drei Monate später sagt ein afrikanischer Handelsdiplomat in Genf: "Ich glaube, die Patientin ist wieder auf der normalen Abteilung."

Hat die WTO also eine Überlebenschance?

Wenige Tage vor der ersten WTO-Generalversammlung nach Cancún stellt sich die Situation so dar: Die Vereinigten Staaten demonstrieren Desinteresse, die Dritte Welt trotzt. Wenighat sich bewegt, eine Beilegung des Streits ist nicht in Sicht, weshalb alle auf die Europäische Union blicken. Sie könnte die Blockade in der WTO durchbrechen.

Danach aber sieht es nicht aus. Die EU hat jetzt ihre Verhandlungsposition definiert, und diese ist eine Enttäuschung.

Schon marginale Zugeständnisse an die Entwicklungsländer werden von den Europäern gleich wieder untergraben, indem sie auf einem der zentralen Streitpunkte von Cancún beharren: den "Singapur-Themen". Dahinter verbergen sich international verbindliche Regeln etwa für Investitionen, öffentliche Aufträge oder Wettbewerbsrecht, die die meisten armen Staaten ablehnen, weil sie sich in ihrer politischen Gestaltung eingeschränkt fühlen.

Zwar zeigt sich die EU jetzt flexibler: Nicht mehr jedes WTO-Mitglied muss laut ihrem Vorschlag die neuen Verträge unterschreiben, jedes Land kann einzelne oder auch gar keinen Punkt unterzeichnen. Aber in einer solchen "WTO der zwei Geschwindigkeiten" fürchten viele Entwicklungsländer, entweder erst recht abgehängt oder am Ende doch in unkalkulierbare Verpflichtungen gedrängt zu werden. Kaum ein Angebot machen die Europäer dagegen in jenen Bereichen, die den ärmeren Staaten am wichtigsten sind - vor allem bei den Agrarsubventionen. Offenbar haben sie wenig aus dem Scheitern von Cancún gelernt.