V ielleicht, sagt Hanne Schweitzer, die streitlustige Chefin des Kölner Büros gegen Altersdiskriminierung, sollte man einfach mal die Wörter "Alte" oder "Rentner" durch das Wort "Türke" ersetzen. "Die fröhlichen Türken – die jungen Verlierer", hätte dann die Überschrift in einem deutschen Magazin gelautet, ein Kolumnist hätte von "den Türken" geschrieben, die "Deutschland im eisernen Griff" hielten. Ein Talkmaster hätte im Fernsehen die lustig gemeinte Frage gestellt, ob die deutsche "Regierung nicht das deutsche Volk von den Türken befreien" könne, und das Studiopublikum hätte dann vielleicht weniger laut gelacht. NICHT OHNE MEINE DRITTEN: Bankenwerbung um junge Kunden

Richtig fair wäre das natürlich nicht, sagt Hanne Schweitzer, aber immerhin ein Hinweis darauf, welche Blüten die deutsche Debatte um Renten und Gesundheit, um Staatsfinanzen und Sozialreformen getrieben habe; wie nah an Hetze und Diskriminierung die Berichterstattung über "die Alten" inzwischen geraten sei. "Die" Türken, sagt Hanne Schweitzer auch, könne man überdies als Kriterium für die Antwort auch auf andere Fragen nutzen: etwa, ob Alte und Rentner im deutschen Alltag diskriminiert werden, abseits der großen politischen Diskussionen. In der Werbung, am Bankschalter, im Arbeitsamt oder im Personalbüro. "Oder gilt", fragt Schweitzer provokant, "in deutschen Banken die Regel, dass jemand keinen Kredit bekommt, weil er Türke ist?"

Jeder fünfte Deutsche ist heute über 60. In etwas mehr als einem Vierteljahrhundert wird es jeder Dritte sein. Dass sie in einer alternden Gesellschaft leben, die lernen muss, mit den Alten anders umzugehen, ist den meisten Deutschen klar. Der Ansicht von Familienministerin Renate Schmidt, dass "Diskriminierung aufgrund des Alters ebenso wenig tolerierbar ist wie Diskriminierung aufgrund von Geschlecht oder Hautfarbe", dürfte die große Mehrheit zustimmen. Aber noch folgen den Worten wenige Taten. Noch sieht der Alltag anders aus.

Kennen Sie den? Von dunkler Musik untermalt, zeigt der TV-Spot eines deutschen Baumarkts einen alten Mann in seinem Sterbebett auf dem Dachboden, an seiner Seite die Tochter mit Tränen in den Augen. Schnitt. Der alte Mann schreckt auf, springt auf, die alten Hände greifen zu Hammer und Säge, der Dachboden wird ausgebaut. Schnitt. Wieder liegt der alte Mann im Sterbebett, wieder ist die Musik düster. So geht es noch einige Szenen weiter, dann rückt der Name des Baumarkts ins Bild.

"Degoutant und diskriminierend" nennt Ulf-Ditmar Heuer diesen Spot, einen unter einem Dutzend, den er in den Räumen der Hamburger Werbeagentur Senioragency vorführt. Heuer sammelt Werbung wie die des deutschen Baumarkts, um an ihr zu zeigen, was man besser machen könnte und wie man es besser nicht macht. "Der Spot ist nicht die Regel, aber auch nicht untypisch", sagt er.

Ist es untypisch, was der 65 Jahre alten Katharina Brehm passierte? Die Wohnung, die sie renovieren und modernisieren wollte, ist ihr Eigentum, also eine gute Sicherheit. 10000 Euro Kredit beantragte die Kölnerin bei ihrer Bank, die aber wollte nicht. "Aus Altersgründen", sagte der Bankberater.

Oder ist es ungewöhnlich, dass Bernd-Josef Bußmann keinen Job bekommt? 58 ist Bußmann, 43 Jahre hat er gearbeitet und ist in dieser langen Zeit zum Spezialisten im Glas- und Metallbau geworden. Bei Zeitarbeitsfirmen hat der Erftstadter sich beworben, Headhuntern seine Unterlagen geschickt. Hier wie dort aber werde "dreimal geschluckt, wenn sie mein Alter sehen. Wer über 50 ist, kommt nicht rein in die Vermittlungslisten."

Alter, sagen die Mediziner, ist längst nicht mehr allein eine Sache des Geburtsdatums. Die Deutschen leben heute nicht nur länger als früher, sie bleiben dabei in der Regel auch gesünder – körperlich wie geistig. Dennoch wird mit unzähligen Altersgrenzen – in Gesetzen, Tarifverträgen und Konventionen – willkürlich und kollektiv festgelegt, wann jemand "alt" ist und wie lange er sich "jung" fühlen darf. Diese Grenzen setzen nicht nur formale Hürden, sie wirken auch in den Köpfen. Jugendwahn und die aus ihm resultierende Diskriminierung der Älteren hat auch damit zu tun, dass ein Deutscher jenseits eines bestimmten Alters qua Vertrag und Konvention nicht mehr als jung betrachtet wird.