Tinchen singt: „Schneller Propeller, Eier mit Mutella.“ Tinchen ist noch nicht ganz vier. Eigentlich wusste sie schon einmal, dass es „Nutella“ heißt. Aber vor einiger Zeit ist die Nougatcreme vom Speiseplan gestrichen worden. Jetzt hat sie die richtige Aussprache wieder vergessen. Und so schmettert sie voller Inbrunst auf dem Fahrrad-Kindersitz: „Schneller Propeller, Eier mit Mutella.“ Als aber Papi in den Song einstimmen will, traktiert Tinchen mit ihren kleinen Fäusten seinen Rücken. „Du darfst das nicht“, schreit sie, „nicht singen, du sollst schneller fahren.“ Also tritt Papi in die Pedale. Er weiß aus Erfahrung: Kinder haben alle Rechte, Eltern alle Pflichten.

Jedenfalls gilt das für seine Generation. Früher war es genau umgekehrt. Da gaben die Eltern die Befehle. Tinchens Opa mütterlicherseits etwa, ein Offizier der Bundesmarine, pflegte die Devise: „Ich habe Tausende von Soldaten erzogen, die Bundeswehr ist die Schule der Nation, ich werde auch meine drei Töchter erziehen.“ Damals wussten Kinder noch, was sich gehört – und Eltern auch. Zu Hause herrschte ein autoritärer Ton, und die Familie galt als geheiligte Institution. Scheidungen waren selten, Frauen bekamen meist mehr als zwei Kinder, keiner sprach vom „Generationenkrieg“.

Doch dann kamen die Pille, die 68er, das Konzept der antiautoritären Erziehung, die Frauenbewegung und die Globalisierung, und heute ist alles anders – insbesondere für Eltern. Das beginnt damit, dass sich immer weniger Paare überhaupt für Kinder entscheiden. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts blieben nur zehn Prozent aller Frauen kinderlos. Heute sind es bereits mehr als dreißig Prozent. Und glaubt man den Prognosen, könnten im Jahr 2020 vier von zehn Frauen ohne Kinder bleiben. Da dürften sich Eltern bald als Randgruppe fühlen.

Familien mit drei Kindern wie die von Tinchen und ihren Geschwistern Sinje und Tom sind in Deutschland schon heute die Ausnahme. Tinchen, die gerade laut überlegt, wen sie zu ihrem vierten Geburstag einladen soll – „Clara, Julia, keine Jungs, nur Torben und Martin“ –, weiß davon noch genauso wenig, wie sie Nutella buchstabieren kann. Doch ihre Eltern wissen, dass man als Großfamilie oft schon als halb asozial angesehen wird. Drei Kinder, wie konnte denn das passieren?

Überhaupt bricht die klassische Familienstruktur immer mehr auf. Heute bildet bereits etwa jedes zehnte Paar mit Kindern eine Patchwork-Familie – also eine Lebensgemeinschaft, in die einer oder beide Partner Kinder aus früheren Beziehungen mitbringen. Die gab es zwar auch früher schon, doch damals wurde sie oft geleugnet und verklemmt unter der Decke gehalten. Auch Tinchens Opa väterlicherseits hatte eine Patchwork-Familie. Er lebte mit seiner Geliebten, einer gemeinsamen Tochter, einer Adoptivtochter und dem zweiten Sohn. Die „neue Frau“ konnte er jedoch erst nach dem Tod von Tinchens Oma heiraten. So herrschte damals die „Moral“: Ehen waren zerrüttet, wurden aber nicht förmlich aufgelöst; Kinder wurden gezeugt, aber nicht anerkannt.

Wie man in Deutschland Kinder erzieht

Und die elterliche Autorität wurde allenfalls subtil unterlaufen, aber nicht offen infrage gestellt. In der Familie von Tinchens Opa mütterlicherseits, dem Marineoffizier, gab es jedes Jahr einen Tag der offenen Tür, zu dem die Marine die Bevölkerung an Bord einlud. Auch die Töchter mussten auf Opas Zerstörer antreten. An der Reling war ein Schild angebracht mit rotem Kreis und rotem Querstrich: Hackenverbot. Pumps mit hohen Absätzen waren tabu, sie könnten die Planken zerkratzen, auf denen sonst Torpedos gelagert und U-Boot-Minen herumgerollt wurden. Was taten die drei Mädchen? Sie fischten aus dem Schuhschrank der Mutter die Schuhe mit den höchsten Absätzen – und freuten sich diebisch, als der Vater sie von Bord verwies. Sie ließen sich eben doch nicht erziehen wie Soldaten.